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DGPFG-Rundbrief
2/2016 Nr. 52

Dezember 2016

Liebe Mitglieder der DGPFG,

haben Sie nicht auch das Gefühl, dass auf unserer Seele herumgeTRUMPelt wird?

Dass ein Populist einen faktenlosen Wahlkampf gewinnt, sollte uns mehr als nachdenklich stimmen. Die von der Globalisierung vorgegaukelte, aber selten mögliche „Verfügbarkeit“ eines sorgenfreien Lebens erzeugt Gier, Kränkung und am Ende ein Gefühl von Bedeutungslosigkeit. Dies ist der Nährboden für fast alle Zeitphänomene wie auch den Erfolg des Populismus.

Was können wir Psychosomatiker tun?

Der bekannte Freiburger Ethiker Giovanni Maio schreibt in seinem Buch, Medizin ohne Maß: „Das Glück liegt nicht in unserer Hand, sondern in unserer Einstellung.“ …und damit können wir insbesondere mit unseren Patientinnen immer wieder arbeiten. Die biopsychosozial begleitete Elternschaft ist kein Garant aber Voraussetzung für eine Entwicklung zum selbstbewussten, kohärenten Menschen, der weniger Anfälligkeit zeigt für Extremismus, welcher Art auch immer.

Aber auch die ganz allgemeine psychosomatische Begleitung von Frauen in Ihren Lebensübergängen von der Menarche bis zur Menopause und in ihren Krisenzeiten, sei es aus biologischen, psychischen oder sozialen Gründen, hat aus meiner Sicht protektive Effekte.

Indem wir eine ehrliche und ganzheitliche Medizin anbieten, welche sich nicht dem Diktat von Ökonomie und Organisation unterordnet, leisten wir viel für den „Seelenfrieden“ – auch den unseren.

In diesem Sinne hoffe ich, dass Sie nach Lektüre unseres Rundbriefes auch zu dem Schluss kommen, dass wir in der DGPFG und im Verbund mit den kooperierenden Verbänden gute Arbeit leisten. Vorstand und Beirat sind fleißig und haben viel geschafft. Wir sind auf gutem Weg – sind zunehmend bedeutsam, versuchen klug und evident zu entscheiden und öffnen unsere Grenzen, und damit stehen wir auch politisch auf der aus meiner Sicht richtigen Seite. Ich hoffe, viele von Ihnen sehen das auch so.

In diesem Sinne grüßt Sie herzlich und in freudiger Erwartung auf ein Wiedersehen in Dresden

Dr. Wolf Lütje
Präsident der DGPFG

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Inhaltsverzeichnis

Seite 3
Einladung zur Mitgliederversammlung


Seite 4
Klausurtagung im September 2016


Seite 5
Gewalt gegen Frauen


Seite 6
Die neue Homepage


Seite 7
DGPFG-Kongress 2017


Seite 8
Nationales Zentrum Frühe Hilfen


Seite 9
Kooperationen – Informationen und Stand der Dinge


Seite 10
Das Beratungsnetzwerk Kinderwunsch Deutschland BKiD


Seite 10
Perspektiven der psychosozialen Kinderwunschberatung in Deutschland – Tagung in Hamburg


Seite 11
Initiative Klug entscheiden


Seite 12
Kongressberichte


Seite 12
61. Kongress der DGGG 2016


Seite 13
DGPFG-Sitzung zu Migrationsthemen auf der DGGG-Tagung 2016


Seite 14
23. Jahrestagung des AKF


Seite 15
Fachtag „Gelingende Geburtshilfe“


Seite 16
Studie: Deutschland hat weniger Sex


Seite 17
Buchtipps


Seite 17
Vertrauen in die natürliche Geburt


Seite 17
Schönheitsmedizin


Seite 18
Impressum

Die DGPFG freut sich über zwei neue Ehrenmitglieder!

Die DGPFG freut sich über zwei neue Ehrenmitglieder

Auf der Mitgliederversammlung der DGPFG wurden Frau Dipl.Psychologin Ulrike Hauffe und Herr Prof. Dr. med. Dietmar Richter zu Ehrenmitgliedern der DGPFG gewählt.

Hier finden Sie die Laudationes für die Geehrten:

„Ich werde weiter kooperativ und unbequem sein“
Ulrike Hauffe
ist neues Ehrenmitglied der DGPFG

Auf der Mitgliederversammlung der DGPFG (Berlin/ März 2018) hat der Vorstand den Mitgliedern vorgeschlagen, Frau Dipl.Psychologin Ulrike Hauffe zum Ehrenmitglied zu ernennen. Dem Antrag wurde einstimmig zugestimmt. Die Begründung und gleichzeitig Laudatio wurde von der amtierenden Vizepräsidentin Claudia Schumann gehalten:

„In der Satzung der DGPFG heißt es: „Die Ehrenmitgliedschaft kann Personen angetragen werden, die sich um die Entwicklung der Psychosomatik und Psychotherapie in der Frauenheilkunde und der Geburtshilfe sowie der DGPFG sehr verdient gemacht haben.“

Wie hat sich Ulrike Hauffe um die Entwicklung der gynäkologischen Psychosomatik verdient gemacht?
Ulrike Hauffe hat Psychologie studiert. Nach dem Studium war sie in den 90er Jahren in der Frauenklinik eines großen Bremer Krankenhauses und in einer frauenärztlichen Praxis tätig. Dort hat sie, gemeinsam mit den beiden Frauenärztinnen Edith Bauer und Mura Kastendieck, beide ebenfalls Mitglieder der DGPFG, das Konzept einer interdisziplinären Betreuung von schwangeren Frauen entwickelt. Jede Profession –  Ärztinnen, Hebammen, Psychologin, Geburtsvorbereiterinnen und Arzthelferinnen – hatte ihre Aufgabe und Rolle. Es entstand so ein sicheres Versorgungsnetzwerk, das die Schwangeren individuell je nach Bedarf nutzen konnten – mit sehr interessanten Ergebnissen. Dieses im besten Sinn des Wortes „ganzheitliche“ Betreuungs-Modell, ein Novum in der damaligen Zeit, wurde in der Folge von anderen Praxen übernommen.

Später wechselte Ulrike Hauffe in die Frauenpolitik. 1994 wurde sie von der Bremischen Bürgerschaft zur Landesbeauftragten für Frauen und Leiterin der Bremer ZGF (Zentralstelle für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau) gewählt; die Wiederwahl für erneut 12 Jahre erfolgte 2006. In diesem Amt musste sich Ulrike Hauffe um viele Belange kümmern; ein Referat Frauengesundheit etablierte sie als erste Behörde eines Landes.
Sie hat 1994, zu Beginn ihrer Amtszeit, das „bremer forum frauengesundheit“, ein Bundesmodell, ins Leben gerufen, an dem sich regelmäßig unter ihrer Leitung die unterschiedlichsten Akteure im Gesundheits- und Wissenschaftssystem trafen und von dem wichtige Impulse in die Landespolitik und weit darüber hinaus ausgingen. Dabei ging es in den Diskussionen um sehr unterschiedliche Themen der Frauengesundheit, unter anderem um die Betreuung während der Schwangerschaft und Geburt, den Umgang mit Migrantinnen, um Gewalt gegen Frauen und um die Betreuung von Frauen mit Mobilitätseinschränkungen. Zentral war aus Sicht von Ulrike Hauffe immer „der Blick nicht vom System auf die Frau, sondern der Blick von der Frau aus“. Aus dem Forum wuchsen und erstarkten Kooperationen, es entstanden gemeinsame Betreuungskonzepte, Tagungen, Aktionen und Broschüren. Eine aktuell wichtige Initiative, an der sich FrauenärztInnen in Klinik und Praxis ebenso wie Hebammen beteiligten, hatte eine Senkung der Kaiserschnittrate zum Ziel. Das „Bremer Bündnis zur Unterstützung der natürlichen Geburt“, gegründet im Januar 2013, zeigt Erfolg: Die Kaiserschnittrate sank innerhalb von drei Jahren um 2,7 Prozent! Es gäbe noch von vielen gesundheitspolitischen Aktionen und Initiativen zu berichten, die nicht selten bundesweit diskutiert und in andere Regionen übernommen wurden.

Wie hat sich Ulrike Hauffe um die DGPFG verdient gemacht?
1996 fand die Jahrestagung der (damals noch) DGPGG (Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Gynäkologie und Geburtshilfe) in Bremen statt, vorbereitet von Ulrike Hauffe und den FrauenärztInnen Mura Kastendieck, Edith Bauer und Manfred Braun. Die Tagung trägt ihre Handschrift: Inhaltlich war sie mehr als viele frühere DGPGG-Tagungen auf Fragen aus der gynäkologischen Praxis zentriert, und sie stellte die Frauenheilkunde in einen gesellschaftspolitischen Zusammenhang. In Erinnerung blieb vielen der kritische Vortrag zur Hysterektomie von Barbara Ehret-Wagner und die anschließende heiße Diskussion im Plenum.

Später wurde Ulrike Hauffe Vizepräsidentin unserer Fachgesellschaft, das Amt bekleidete sie neun Jahre (1999 – 2008), zunächst unter der Präsidentschaft von Heribert Kentenich, dann von Mechthild Neises. Ulrike Hauffe war es wichtig, dass Wissen immer politisch ist, dafür setzte sie sich ein. Damit ist gemeint: Gerade eine psychosomatische Frauenheilkunde muss nach außen wirken, das Wissen darf nicht im Elfenbeinturm bleiben. Diese Haltung hat sie im Verband stark gemacht. So gab es auf den Tagungen über viele Jahre eine Gruppe „Und was mach´ ich jetzt damit?“, oft von Ulrike Hauffe geleitet, in der man sich austauschen konnte über die Umsetzung des Gehörten in den eigenen beruflichen Alltag – ebenso initiierte sie eine Gruppe, in der erfahrene Wissenschaftler (Buddeberg, Brähler) die Jüngeren an das wissenschaftliche Arbeiten und Publizieren heranführten. Die Wirksamkeit der DGPGG nach außen wurde erhöht durch Vernetzung: Aus dieser Zeit stammt die noch heute besonders gut funktionierende Kooperation mit der BZgA (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung) und mit dem AKF (Arbeitskreis Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft).
Eine zentrale Rolle spielte Ulrike Hauffe bei der Vereinigung der Ost- und West-Gesellschaft. Sie hatte im Vorstand die Aufgabe der Zusammenführung Seitens der „West-Gesellschaft“ übertragen bekommen. Nach einer langen Phase der Annäherung wurde eine Verschmelzung beschlossen, die von VertreterInnen beider Gesellschaften umgesetzt wurde: neue Verbandsstruktur, neuer Namen, neues Logo. Den nicht immer einfachen Prozess hat Ulrike Hauffe ganz entscheidend moderiert und für eine zielgerichtete wertschätzende Diskussion auf Augenhöhe gesorgt, wie viele Beteiligte berichten. Auf das Ergebnis, die DGPFG (Deutsche Gesellschaft für psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe), sind wir stolz.

Was bedeutet diese Ehrenmitgliedschaft für die DGPFG?
Ulrike Hauffe steht für strukturiertes zielgerichtetes Arbeiten: „Was will ich erreichen – was muss ich dafür tun – wo gibt es Bündnispartner und -partnerinnen – was muss ich beachten?“ Das gilt für die Forschung ebenso wie für die Praxis, und vor allem für das Wirksamwerden von Erkenntnissen in der gesundheitlichen Versorgung von Frauen. Mit dieser Haltung und ihrer Begeisterungskraft hat sie viele von uns, die wir hier sitzen, überzeugt und angesteckt.

Bei ihrer Wiederwahl zur Landesfrauenbeauftragten in Bremen im Jahr 2004 hat sie gesagt: „Ich werde weiter kooperativ und unbequem sein“. Die Haltung, die dieser Satz ausdrückt, übernehme ich gerne für mich, und ich meine: dieser Satz steht auch der DGPFG gut!
Ich freue mich, dass die DGPFG diese feministische Gesundheitspolitkerin, die so viel für die psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe erreicht hat, als Ehrenmitglied begrüßen darf.

Claudia Schumann / Vizepräsidentin der DGPFG / März 2018

 

Wahl von Prof. Dr. med. Dietmar Richter zum Ehrenmitglied der DGPFG

Auf der MGV  im Rahmen der diesjährigen 47. Jahrestagung der DGPFG in Berlin wurde Prof. Dietmar Richter mit großer Mehrheit zum Ehrenmitglied ernannt.

Nach Studium in Freiburg, Innsbruck und München wirkte Richter lange Zeit an der Universititätsfrauenklinik Freiburg, an der er letztlich auch habilitierte.

Er leitete dann langjährig die geburtshilflich-gynäkologische Abteilung am Kreiskrankenhaus Bad Säckingen und ist an diesem Ort bis heute in freier Praxis tätig.

Der biopsychosoziale Gedanke hat sein Wirken zeitlebens durchdrungen. Nach psychoanalytischer Ausbildung in Freiburg lernte er auch langjährig bei Prof. Jürg Willi am Institut für Paar- und Familientherapie und Sexualtherapie in Zürich.

Er ist Gründungsmitglied der DGPFG, war deren 1. Präsident von 1979 – 1982 und war langjährig im Vorstand und Beirat unserer Gesellschaft aktiv.

Im Südwesten Deutschlands ist er bis heute die Instanz für psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe und organisiert in vielfältiger Form Kurse zur psychosomatischen Grundversorgung, zur fachgebundenen Psychotherapie und zur Sexualtherapie.

Dietmar Richter regte auch an, die bis dato stets in Mainz stattfindenden jährlichen Kongresse an verschiedenen Universitätsfrauenkliniken in Deutschland anzubinden und die neu gegründete Gesellschaft vor Ort zu stärken. Seiner Umtriebigkeit ist es zu danken, dass über Dietmar Richter viele Kolleginnen und Kollegen den Weg in unsere Gesellschaft gefunden haben. Mit Prof. Piet Nijs organisierte er sieben wissenschaftliche europäische Symposien mit unseren Themenschwerpunkten. Hier entfaltete sich auch das kulturelle und phantasievolle Element des Dietmar Richter, welches immer besondere Inszenierungen vorsah. So ging ein bis heute unvergessener Gesellschaftsabend auf unserem Aachener Kongress 2010 mit vielen Beiträgen und bekannten Persönlichkeiten in der DGPFG auf das Konto seines Ideenreichtums.   Dietmar Richter hat sich zu einer besonderen Marke in der Psychosomatik der Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Deutschland entwickelt. Er verdient daher in vielerlei Hinsicht die Ehrenmitgliedschaft der DGPFG, zu der wir an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich gratulieren.

Dr. med. W. Lütje (Präsident)

Artikel des Monats Mai 2018

Artikel des Monats Mai 2018

vorgestellt von PD Dr. med. Friederike Siedentopf

Poli-Neto OB, Tawasha KAS, Romão APMS, Hisano MK, Moriyama A, Candido-Dos-Reis FJ, Rosa-E-Silva JC1, Nogueira AA.

History of childhood maltreatment and symptoms of anxiety and depression in women with chronic pelvic pain.

J Psychosom Obstet Gynaecol. 2018 Jun; 39(2):83-89.

 

In der brasilianischen Studie sollen die Prävalenz von körperlichem, sexuellem und emotionalem Missbrauch in der Kindheit sowie emotionaler Vernachlässigung bei Patientinnen mit chronischem Unterbauchschmerz sowie ihre Assoziation mit der Schmerzsymptomatik, Angst und Depression untersucht werden.

In dieser Fall-Kontroll-Studie mit  154 erwachsenen Frauen waren 77 Frauen Patientinnen mit chronischem Unterbauchschmerz und  78 gesunde Frauen. Die Vorgeschichte des Missbrauchs wurde mit dem Childhood Trauma Questionnaire (CTQ), Angst und Depression mit der  Hospital Anxiety and Depression scale (HADS) erhoben. Die Schmerzintensität wurde mit einer visuellen Analogskala erfasst. Anschliessend erfolgte eine subtile statistische Auswertung.

Bei den Ergebnissen dieser Studie zeigte sich eine Prävalenz von schlechter Behandlung im Sinne von  in der Kindheit von  77,9% in der Studiengruppe und 64,9% bei den gesunden Kontrollen  (p = 0.07). Emotionale Vernachlässigung war häufiger bei den Unterbauchschmerzpatientinnen als bei den gesunden Frauen (58.4% versus 41.5%, p = 0.04). Es fand sich eine moderate Korrelation zwischen Angst und Depression und den Scores im  CTQ bei Frauen mit Unterbauchschmerzen. Arbeitslosigkeit (OR = 4.15, 95% CI 1.73-9.94; ORadj =  3.30, 95% CI 1.26-8.55) war unabhängig assoziiert mit dem Vorhandensein von chronischem Unterbauchschmerz.

Die Autoren schließen aus den Resultaten der Studie, dass Missbrauch und Vernachlässigung in der Kindheit bei Frauen mit chronischem Unterbauchschmerz häufiger ist als bei gesunden Frauen. Des Weiteren wurde eine direkte Korrelation zwischen schlechter Behandlung in der Kindheit im Sinne von emotionaler Vernachlässigung sowie Angst und Depression gefunden. Arbeitslosigkeit wurde als ein unabhängiger Faktor für chronischen Unterbauchschmerz identifiziert.

Kommentar:

Die vorliegende Studie liefert einen Beitrag zur Diskussion um die Prävalenz von Missbrauchserfahrungen bei Patientinnen mit chronischem Unterbauchschmerz. Bislang wird dieser Einflussfaktor kontrovers diskutiert und es gibt deutlich divergierende Studienergebnisse. Auffallend ist bei dieser Studie jedoch die auch in der Kontrollgruppe sehr hohe Prävalenz von Vernachlässigung und Missbrauch, insofern stellt sich die Frage, ob die Ergebnisse als verallgemeinerbar interpretiert werden können bei zudem auch relativ kleiner Fallzahl. Auch gibt die Studie keine Hinweise auf die immer noch unklaren Entstehungsmechanismen des chronischen Unterbauchschmerzes. Letztendlich könnte diesbezüglich nur ein prospektiver Studienansatz weiterhelfen.

Friederike Siedentopf, Mai 2018

PD. Dr. med. Friederike Siedentopf

Artikel des Monats April 2018

Artikel des Monats April 2018

vorgestellt von Prof. Dr. med. Matthias David

Benjamin Tuschy et al.

Evaluation of psychosocial and biological parameters in women seeking for a caesarean section and women who are aiming for vaginal delivery: a cross-sectional study.

Archives of Gynecology and Obstetrics April 2018, Volume 297, Issue 4, pp 897–905

 

Im Zusammenhang mit der steigenden Sectiorate wird auch immer wieder die sog. Wunschsectio diskutiert und postuliert, dass diese einen nicht unerheblichen Anteil an der Zunahme der Kaiserschnitthäufigkeit habe. Unterschiedliche Gründe werden für diese Wahl des Geburtsmodus vermutet, so u.a. Angst vor (Geburts-)Schmerzen, belastende Geburtserfahrungen, Befürchtungen vor ungünstigen Spätfolgen einer vaginalen Geburt u.a.m. Offenbar spielt aber auch das soziale Umfeld eine Rolle beim Entscheidungsprozess für oder gegen eine elektive Sectio. Eine Arbeitsgruppe der Universitäts-Frauenklinik in Mannheim untersuchte nun psychosoziale und biologische Parameter, von denen vermutet wurde, dass sie den Entscheidungsprozess bei Frauen mit Wunschsectio beeinflussen könnten. Sie führten eine prospektive Studie bei 200 Frauen durch, das Zielkollektiv umfasste 93 Frauen, die Kontrollgruppe (Frauen, die eine vaginale Geburt wünschten) 109. Die Frauen erhielten bei der Vorstellung in der Klinik-Schwangerenberatung zwischen der 34. und 37. Schwangerschaftswoche ein Fragenbogenpaket, das u.a. ihre psychosoziale Belastung (SCL 90R), Persönlichkeitsstruktur, soziale Unterstützung und Ängste (STAI) erfasste. Die Wunschsectio-Gruppe umfasste nur Frauen ohne (geburts-)medizinische Indikationen für den Eingriff, während aus der Kontrollgruppe Frauen mit einer absoluten Sectioindikation ausgeschlossen wurden. Außerdem wurde bei den in die Studie einbezogenen Schwangeren die Haarcortisolkonzentration als Marker für chronischen psychosozialen Stress gemessen, und es erfolgte mit einem Algometer eine Druckschmerzmessung bei allen Teilnehmerinnen.

Leider wurden nur Frauen mit ausreichenden Deutschkenntnissen in die Studie einbezogen, so dass über eine große Gruppe von Migrantinnen keine Aussage getroffen werden kann. Es wurde außerdem alle Frauen, unabhängig von der Parität, einbezogen und auch Frauen, die bereits einen Kaiserschnitt in der Anamnese hatten.

Es zeigt sich, dass die Frauen der Wunschsectiogruppe weniger soziale Unterstützung hatten, einen geringeren Bildungsstand aufwiesen, ängstlicher und weniger extrovertiert waren als die Schwangeren der Kontrollgruppe. Diese Schwangeren des Zielkollektivs wiesen auch höhere Druckschmerzwerte auf. Die Cortisolwerte im Haar, die den Stresswert im letzten Trimenon wiederspiegeln, zeigten zwischen beiden Gruppen keinen signifikanten Unterschied. Die Frauen der Kontrollgruppe hatten in 80% bereits vor der Schwangerschaft die Entscheidung für eine vaginale Geburt getroffen, während es im Zielkollektiv nur 21% waren. Die Autoren berichten, dass die Frauen des Kontrollkollektivs höhere Score-Werte bei der negativen Beurteilung der Geburt zeigten, während die Werte für die Variable „Fehlen positiver Erwartungen“ im Zielkollektiv höher ausfielen. Die Frauen, die sich für eine elektive Sectio entschieden hatten, stuften den Rat des sozialen Umfelds zu medizinischen Aspekten als weniger wichtig ein als die Schwangeren der Kontrollgruppe. Hier gab es insbesondere signifikante Unterschiede bei der Einschätzung der (geringen) Relevanz der Ratschläge von Freunden und Hebammen.

Die Autorengruppe schlussfolgert, dass die Wahl zwischen vaginaler und Kaiserschnittentbindung eine persönliche Entscheidung der Schwangeren ist, die durch affektive und kognitive Komponenten, aber auch durch das soziale Umfeld, d.h. die Ratschläge medizinischer, nichtmedizinischer und familiärer Quellen, beeinflusst wird. Die Autoren sind der Überzeugung, dass eine frühe Entdeckung solcher Schwangerer, die sich für eine Wunschsectio entschieden haben, wichtig ist, weil sich dann noch Möglichkeiten einer Einflussnahme ergeben könnten – dies betrifft, wie die Studienergebnisse zeigten, insbesondere wenig gebildete Frauen ohne medizinische Gründe für eine Sectio mit geringer Unterstützung durch das soziale Umfeld.

Matthias David, April 2018

Prof. Dr. med. Matthias David

Artikel des Monats März 2018

Artikel des Monats März 2018

vorgestellt von PD Dr. med. Friederike Siedentopf

Hanschmidt F, Hoffmann R, Klingner J, Kersting A, Stepan H.

Help-seeking Following Termination of Pregnancy after Diagnosis of Fetal Anomaly: Women’s Intentions and Experiences 1 to 7 Years after the Event.

Geburtshilfe Frauenheilkd. 2018 Feb; 78(2):160-166.

 

In einer Leipziger Studie wurden  148 Frauen nachuntersucht, die sich nach der Diagnose einer fetalen Anomalie einem Schwangerschaftsabbruch in der Universitätsklinik unterzogen hatten. Sie füllten zwischen 1 und 7 Jahre nach dem Abbruch einen Selbstbeurteilungsfragebogen aus.

Die Diagnose einer fetalen Anomalie und die schwierigen Umstände, die mit der Entscheidung zusammenhängen, die Schwangerschaft abzubrechen, können eine starke psychische Belastung für betroffene Frauen darstellen. Die Autoren konstatieren, dass bisher  noch relativ wenig darüber bekannt ist, in welchem Maße und wo betroffene Frauen Hilfe für ihre emotionalen Probleme nach einem Schwangerschaftsabbruch bei Diagnose einer fetalen Fehlbildung suchen. Die wichtigsten Endpunkte der Untersuchung waren Absicht, nach Hilfe zu suchen, und tatsächliches Verhalten, um Hilfe zu bekommen.

Der Zusammenhang zwischen soziodemografischen Merkmalen und der Absicht, nach Hilfe zu suchen, wurde mithilfe der logistischen Regressionsanalyse untersucht. Die meisten Frauen berichteten, dass sie Hilfe bei ihrem Partner (91,7%), bei Freunden und/oder der Familie (82,8%) oder im Internet (62,2%) suchen würden. Was das Gesundheitswesen anbetrifft, gaben 50,0% der Frauen an, dass sie bei ihrem Gynäkologen Hilfe suchen würden, und zwischen 43,8 und 47.9% der Frauen berichteten, dass sie bei einer psychologischen Beratungsstelle bzw. bei psychosozialen Fachkräften Hilfe suchen würden. Die wenigsten (21,7%) hatten die Absicht, Hilfe bei Selbsthilfegruppen zu suchen. Es gab einen Zusammenhang zwischen Alter, Einkommen, Region und Religion und der Absicht, Hilfe zu suchen. Von den Teilnehmerinnen mit einer erhöhten psychischen Belastung gaben 23,8% an, dass sie niemals ihre emotionalen Probleme mit einer medizinischen Fachkraft diskutiert hätten.

Fazit: Die gezogenen Schlussfolgerungen der Autoren sind, dass Gynäkologen zu den bevorzugtesten Gesundheitsfachkräften gehören, mit denen Frauen ihre psychologischen Probleme nach einem Schwangerschaftsabbruch bei Diagnose einer fetalen Fehlbildung besprechen. Gynäkologen sollten daher aktiv an der Früherkennungsuntersuchung, diagnostischen Beurteilung und Überweisung von betroffenen Frauen beteiligt sein. Aus meiner Sicht kann man die Schlussfolgerungen dieser interessanten Studie noch erweitern: der überwiegende Teil der betroffenen Frauen sucht Unterstützung bei ihrem Partner, unklar ist jedoch wie diese mit dem Ansinnen umgehen und wie die dadurch evtl. bestehende Belastung in der Beziehung verarbeitet wird. Dies weiter zu untersuchen, wäre lohnenswert und es könnten sich daraus für die konkrete Betreuung neue Aspekte ergeben. Dass ein Viertel der stärker belasteten Frauen niemals mit einer medizinischen Fachkraft gesprochen hat, ist dagegen erschreckend und sollte in der Konsequenz bedeuten, dass die Frage nach der psychischen Belastung nach einem Schwangerschaftsabbruch beispielsweise bei der Nachuntersuchung in der Praxis oder Klinik unbedingt aktiv ärztlicherseits thematisiert werden sollte, um letztlich die Risikogruppen einer ungünstigen Verarbeitung zuverlässig zu erkennen.

Friederike Siedentopf, März 2018

PD. Dr. med. Friederike Siedentopf

Mehr Schwangerschaftsabbrüche?

DGPFG Logo

Presse-Mitteilung
Mehr Schwangerschaftsabbrüche?
14.03.2018

Presseinformation

Dresden | Hamburg | überregional | Gesundheit | Gesellschaft

Gegen diskriminierenden Fehlalarm – für konstruktives Miteinander

Dresden, 14. März 2018. Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche ist weiterhin hoch. Das ist alarmierend. Die Deutsche Gesellschaft für psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe (DGPFG) wertet das als einen Appell, weiter intensiv nach den Gründen und nach möglichen Veränderungen zu suchen. Die DGPFG wendet sich dagegen, das Thema für ungerechtfertigte Vermutungen und Vorwürfe zu instrumentalisieren, wie sie der Berufsverband der Frauenärzte (BVF) in seiner Pressemitteilung vom 7. März 2018 geäußert hat. Darin wird ein Zusammenhang zwischen der Rezeptfreigabe der Pille danach und der Zahl der Abbrüche unterstellt, gleichzeitig wird die Qualität der Beratung in den Apotheken angezweifelt. Zuletzt wird der angeblich medial verursachte Rückgang der Verkaufszahlen der Pille ins Feld geführt, der Frauen hilflos in die Fänge von Verhütungs-Apps und damit „geradewegs in unerwünschte Schwangerschaften“ führe.

Beratung statt Bevormundung

Frauenärztin Dr. med. Claudia Schumann, Vizepräsidentin der DGPFG, setzt dagegen: „Statt Diskriminierung und Abwertung geht es mehr denn je um eine kluge Kooperation für Beratung mit dem Ziel, Frauen ebenso wie Männer zu guten Entscheidungen zu befähigen. Beratung ist angesagt – nicht Bevormundung.“
Schon der Ausgangspunkt der Pressemitteilung des BVF ist fragwürdig. Wenn auch die absolute  Zahl der Abbrüche im Jahr 2017 etwas angestiegen ist, bleibt insgesamt kontinuierlich ein leichter Abwärtstrend zu beobachten: Bezogen auf die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter zeigt sich ein Rückgang von 59 Abbrüchen pro 10.000 Frauen im Jahre 2012 auf 58 / 10.000 im Jahr 2017. Dass der Berufsverband der Frauenärzte das anscheinend nicht realisiert, sondern nur die absoluten Zahlen veröffentlicht, ist ein ärgerlicher Fehlalarm. Es stimmt außerdem nachdenklich, dass die berechtigte Sorge vieler Frauen vor gesundheitlichen Schäden durch die Pille bzw. die Spirale und deren Suche nach Alternativen weggewischt wird mit Hinweisen auf die negative Kraft der Medien. Den Frauen wird der schwarze Peter zugeschoben, sich auf unsichere Methoden einzulassen. Dabei sollte heutzutage doch klar sein: Verhütung geht beide an, Männer ebenso wie Frauen! Durch entsprechende Informationen und empathische Beratung werden sie befähigt, immer wieder passend zu ihrer individuellen Situation richtige Entscheidungen für ihre reproduktive Gesundheit zu treffen. Dazu gehört auch, zwischen den Risiken und den Vorteilen einer kontrazeptiven Maßnahme abzuwägen. An dieser Aufgabe sind Frauenärztinnen und -ärzte maßgeblich beteiligt, da sie für viele Frauen die ersten Ansprechpartner sind.

Warum werden so viele Frauen ungewollt schwanger?

Natürlich sind 100.000 Abbrüche pro Jahr viel – sie belasten alle Beteiligten. In Zeiten von Pille und Spirale ist die Frage berechtigt, warum immer noch so viele Frauen ungewollt schwanger werden und sich für einen Abbruch entscheiden. Die eine klare Antwort darauf gibt es nicht. Sehr unterschiedliche Faktoren spielen individuell eine Rolle, wenn die Trennung von Sex und Empfängnis bzw. Zeugung nicht gelingt. Neben der Verunsicherung, die Frauen statt zur Pille zu einer App greifen lässt, neben den Problemen von Männern im Umgang mit dem Kondom können unbewusste Wünsche und innere Konflikte, finanzielle Probleme, Unwissen und  mangelnder Zugang zu Verhütungsmitteln eine Rolle spielen. Aus Beratungsstellen ist zu hören, dass auffallend viele geflüchtete Frauen ungewollt schwanger werden; exakte Zahlen dazu fehlen, ebenso wie zur  Zahl der geflüchteten Frauen, die Verhütung brauchen. Belegt ist, dass aus den angrenzenden Ländern wie Polen, wo der Abbruch verboten ist, zunehmend mehr Frauen nach Deutschland für diesen Eingriff kommen. Beide Gruppen tragen dazu bei, dass die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche nicht schneller sinkt.

Pille danach: Auf Zusammenarbeit der Heilberufe setzen!

„Es ist gut, dass Mädchen und Frauen sich jetzt unkompliziert und vor allem zeitnah die Pille danach besorgen können“, betont Dr. Claudia Schumann. Gerade nach der Rezeptfreigabe stehen die FrauenärztInnen noch mehr in der Pflicht für die präventive Beratung, damit Paare schnell handeln, wenn die Verhütung vergessen wurde oder das Kondom gerissen ist. Erst in zweiter Instanz kommen die ApothekerInnen zum Zuge. Sie haben sich nach der Aufgabe nicht gedrängt, sie aber mit großem Engagement übernommen, wie die gerade überarbeitete Handlungsanweisung der Bundesapothekerkammer belegt. Es entbehrt jeder sachlichen Grundlage, dieser Berufsgruppe zumindest unterschwellig eine Schuld daran zuzuschreiben, dass weiterhin viele Frauen einen Abbruch vornehmen lassen.

„Im Zweifelsfall fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“: Die Betroffenen sollten sich auf die Zusammenarbeit der Heilberufe verlassen können.

Ansprechpartnerin für die Presse:
Dr. med. Claudia Schumann – Vizepräsidentin der DGPFG
Claudiaschumann@t-online.de
Tel. 0170-7322580

Terminhinweis

Das Thema Schwangerschaftsabbrüche wird neben vielen weiteren auch auf der 47. Jahrestagung der DGPFG am 16. und 17. März 2018 in den DRK Kliniken Berlin Westend thematisiert.

www.dgpfg-kongress.de

Über die DGPFG

Die interdisziplinäre Fachgesellschaft fusionierte im Jahr 2000 in Dresden aus der 1979 in der DDR gegründeten Arbeitsgemeinschaft für Psychosomatische Gynäkologie und Geburtshilfe und der 1981 in der BRD entstandenen Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Geburtshilfe und Gynäkologie. Dies war ein bis dato für deutsche wissenschaftliche Gesellschaften einmaliger Vorgang.

Die DGPFG mit heute rund 800 Mitgliedern möchte u. a. Forschung und Lehre in der psychosomatischen Frauenheilkunde und Geburtshilfe, die  psychosomatische Versorgung im Gesundheitssystem fördern und die Qualität der psychosomatischen Grundversorgung und fachgebundenen Psychotherapie sichern.

Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe e.V.

Tzschimmerstraße 30
01309 Dresden

Tel. +49 (0) 351 897 5932
Fax +49 (0) 351 897 5939

E-Mail: info@dgpfg.de

Presseinformation i. A. der DGPFG

Dagmar Möbius
Freie Journalistin (DJV)
*Recherche, Redaktion, Beratung*
Berlin-Brandenburg & Dresden

Mobil: +49 (174) 9 84 75 14

E-Mail: pr@dagmar-moebius.de (nur für PR)

Ansprechpartnerinnen für die Presse

Dr. med. Claudia Schumann
Vizepräsidentin der DGPFG
Claudiaschumann@t-online.de
M +49 170 7322580

Dagmar Möbius
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Artikel des Monats Februar 2018

Artikel des Monats Februar 2018

vorgestellt von Prof. Dr. med. Matthias David

James Keasley et al.

Adverse effects of exposure to armed conflict on pregnancy: a systematic review.

BMJ Glob Health 2017;2:e000377. doi:10.1136/bmjgh-2017-000377

 

Weltweit hat die ökonomisch bedingte, aber auch die durch militärische Auseinandersetzungen hervorgerufene Migration in die westlichen Länder stark zugenommen. In der Bundesrepublik Deutschland leben aktuell laut den vom Statistischen Bundesamt im September 2016 veröffentlichten Daten 81,4 Millionen Menschen, davon haben 17,2 Millionen einen Migrationshintergrund (definiert als selbst migriert oder direkt von zugewanderten Personen abstammend), das entspricht derzeit etwa 21,2 % der Gesamtbevölkerung. Zahlreich geburtshilflich-epidemiologische Untersuchungen, die in den letzten Jahren international publiziert wurden, haben sich mit den gesundheitlichen Folgen der Migration oder der Zugehörigkeit zu einer ethnischen Minderheit beschäftigt. Dabei stand häufig der „Risikofaktor Zuwanderung“ im Rahmen des geburtshilflichen Managements im Mittelpunkt. Grundtenor der meisten Studien ist, dass beispielsweise mit der Migration verbundene ungünstige sozio-ökonomische Umstände zu deutlich mehr Frühgeburten, einer erhöhten perinatalen Mortalität oder einer erhöhten Frequenz operativer Entbindungen bei Migrantinnen führen können. Die aktuellen kriegerischen Auseinandersetzungen in Syrien und die sich daraus ergebende große Flüchtlingszahl haben die Autorengruppe um Kaelsley dazu angeregt, eine Literaturreche in MEDLINE, Web of Science und Embase durchzuführen. Es wurden 2.161 Studien einbezogen, die zwischen 2009 und Otkober 2016 publiziert wurden. 13 von 2.161 Studien erfüllten die Einschlusskriterien, wobei die Autoren insgesamt einen geringen Evidenzgrad der gefundenen Studienergebnisse feststellen mussten, was nicht überrascht. Sie teilen die folgenden wesentlichen Ergebnisse mit: 1.) Es besteht ein signifikanter Zusammenhang zwischen mütterlicher Exposition eines bewaffneten Konflikts und einer erhöhten Rate von Kindern mit zu geringem Geburtsgewicht (low birth weight). 2) Eine begrenzte Evidenz liegt vor für einen Zusammenhang dieser Exposition und häufigeren Fehl-, Tot- und Frühgeburten. 3.) Eine geringe Evidenz war festzustellen für eine Assoziation dieser Exposition mit einer erhöhten Häufigkeit anderer negativer Auswirkungen auf die Schwangerschaft wie z.B. die Rate kongenitaler Fehlbildungen. Keasley et al. geben für die Betreuungspraxis von schwangeren Flüchtlingsfrauen aus Krisengebieten die Empfehlung, eine intensivierte Ultraschall-Überwachung durchzuführen, um zumindest rechtzeitig eine fetale Wachstumsretardierung zu erkennen und ggf. Interventionsmaßnahmen einleiten zu können.

Matthias David, Februar 2018

Prof. Dr. med. Matthias David

Neues Institut gegründet

  • 5. Februar 2018
  • News

Neues Institut gegründet

Das Beratungsinstitut des BKiD hat seine Arbeit aufgenommen –

die DGPFG gratuliert und kooperiert weiterhin gerne

Die Kinderwunschberatung hat in den letzten Jahrzehnten eine rasante Entwicklung genommen. Eingebunden in die hochdynamischen Entwicklungen der Reproduktionsmedizin und in gesellschaftliche Trends, die immer vielfältigere Familienzusammensetzungen zulassen, erfordert diese Beratung nicht nur Fachwissen, sondern auch kontinuierliche Weiterbildung. Den mit dieser Thematik befassten Fachkräften bietet das Fortbildungsinstitut des Beratungsnetzwerks Kinderwunsch (BKiD) Grundlagen-Fortbildungen sowie verschiedene Vertiefungsfortbildungen für alle Professionen an, die sich in psychosozialer Kinderwunschberatung auf aktuellem wissenschaftlichen Stand qualifizieren möchten:

www.kinderwunschfortbildung.de

Artikel des Monats Januar 2018

Artikel des Monats Januar 2018

vorgestellt von PD Dr. med. Friederike Siedentopf

Yonkers KA, Simoni MK.

Premenstrual disorders.

Am J Obstet Gynecol. 2018 Jan;218(1):68-74

 

Es handelt sich um einen sehr gut strukturierten Reviewartikel, der Begriffsdefinitionen sowie Behandlungsoptionen zu Prämenstruellen Störungen umfasst.

Unter dem Begriff der Prämenstruellen Störungen werden das prämenstruelle Syndrom, die prämenstruelle dysphorische Störung sowie die prämenstruelle Verschlechterung anderer medizinischer Symptome (‘premenstrual worsening of another medical condition`) zusammengefasst.

Das prämenstruelle Syndrom wird folgender Maßen definiert:

  • -physische und/oder emotionale Symptome
  • -die Symptome sind in der Lutealphase des Zyklus präsent und nehmen nach Einsetzen der Menstruation ab
  • -während des Zyklus gibt es eine symptomfreie Woche
  • -die Symptome gehen mit einer erheblichen Einschränkung der Lebensqualität einher.

Vom prämenstruellen Syndrom sind etwa 20-30% aller Frauen betroffen, die Prävalenz der prämenstruellen dysphorischen Störung (PMDD) wird auf etwa 1,2 bis 6,4% geschätzt. Letztendlich sind die Ursachen für die verschiedenen Symptome unklar, angenommen wird jedoch eine spezifische Reaktion der betroffenen Frauen auf die hormonellen Schwankungen, die mit dem natürlichen Menstruationszyklus einhergehen sowie Serotoninmangel, die die Symptome auslösen. Zur Diagnostik wird nach einer sorgfältigen Anamneseerhebung ein tägliches Symptom-Tagebuch über 2 Menstruationszyklen empfohlen. Zur Therapie gibt es mittlerweile sehr viele Studien. Günstiger Einfluss wird Life-style-Faktoren wie Sport und einer kohlenhydratreichen Diät (die wiederum den Serotoninmangel ausgleichen soll) sowie kognitiver Verhaltenstherapie zugeschrieben. Zu den effektivsten   pharmakologischen Behandlungsoptionen gehören Serotoninwiederaufnahmehemmer (SSRI) sowie orale Kontrazeptive mit einem verkürzten oder gar keinem hormonfreien Intervall. Für die SSRI-Gaben gibt es verschiedenen Schemata (nur in der Lutealphase oder während des gesamten Zyklus). Der Wirkungsmechanismus scheint anders zu sein als beim Einsatz der Medikamente zur Behandlung einer Depression. Eingesetzt werden die SSRI vor allem bei PMDD, aber auch bei weniger ausgeprägten psychischen Symptomen kommt es zur Verbesserung der Symptomatik.

Auch komplementärmedizinische Ansätze wurden untersucht und vorgestellt. Zum Einsatz kommen Agnus castus, Gingko biloba, Vitamin B6, Calciumsubstitution, Johanneskraut sowie Nachtkerze.

Frauen, die auf keine der angesprochenen Therapien ansprechen, können ggf. von einer GnRH-Analoga-Therapie oder, als Ultima ratio, auch einem chirurgischen Ansatz (beidseitige Salpingooophorektomie) profitieren. Sie sind dann konfrontiert mit den Nachteilen, die diese mit sich bringen.

Friederike Siedentopf, Januar 2018

PD. Dr. med. Friederike Siedentopf

DGPFG-Rundbrief 2/2017 Nr. 54

DGPFG-Rundbrief
2/2017 Nr. 54

Dezember 2017

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

2017: Die DGPFG wurde bewegt und hat viel bewegt: Neue Website, viele Kooperationsverein­barungen, zahlreiche Presseauftritte, ein bewegender Kongress in Dresden, Wechsel des Kongress­ortes (von Wien ´18 zu Berlin ´18), numerisch und fachlich erweiterter Beirat, Forschungsunter­stützung, intensiver Kontakt mit der DGGG, intensive Leitlinienarbeit etc. Details hierzu erfahren Sie im beiliegenden Rundbrief, aber auch auf der nächsten Mitgliederversammlung.

So gibt es gute Anzeichen dafür, dass wir weiterhin auch in 2018 guter Hoffnung sein können, dass die Idee der integrierten Psychosomatik in Gynäkologie und Geburtshilfe weiter Blüten treibt.

Persönlich hoffen wir, dass auch bei Ihnen das psychosomatische Feuer weiter brennt. In Zeiten der Dunkelheit aus Fehlanreizen und Irrtümern im Gesundheitswesen ist es das, was mich täglich wärmt und froh und munter stimmt. So gesehen ist für mich das ganze Jahr Weihnachten.

So wünsche ich Ihnen, dass auch Ihnen möglichst viel glücken möge – auch die Kunst, das Missglückte anzunehmen.

 

Mit herzlichem Gruß, auch im Namen des Vorstandes

Ihr

Dr. Wolf Lütje
Präsident der DGPFG

Slide Aktuellen Rundbrief downloaden

Inhalt

  • DGPFG-Kongress 2018
  • Vorschau DGPFG-Kongress 2019
  • Einladung zur Mitgliederversammlung
  • Beratung von Vorstand und Beirat
  • „Ist und Soll“ psychosomatisch orientierter Forschung
  • Leitlinienprojekte
  • Forum Interdisziplinäre Zusammenarbeit
  • ISPOG – Aktuelle Aktivitäten
  • Kurs „Sexualmed. Grundversorgung“
  • Ehrensymposium Prof. Dr. med. Piet Nijs
  • Aus den kooperierenden Verbänden
  • Neue Materialien der BZgA
  • Aktuelles aus dem VPK und dem DPÄP
  • Resolution: Zusatzweiterbildung erhalten!
  • Aktuelles aus dem AKF
  • Strafverfolgung von ÄrztInnen wegen § 219a
  • AG GGUP – Gesundheitsproblem „Inkontinenz“
  • Aktivitäten des BKiD
  • DSTIG: Fachtag zur Sexuellen Gesundheit
  • Kooperation von DGPFG und DGGG
  • Wechsel im Präsidentenamt des DHV
  • Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“
  • Nachrufe
  • Buchtipps

Artikel des Monats Dezember 2017

Artikel des Monats Dezember 2017

vorgestellt von Prof. Dr. med. Matthias David

Theresa Beddig, Christine Kühner.

Aktuelle Aspekte zur Prämenstruellen Dysphorischen Störung – Ein Überblick.

Psychother Psych Med 2017; 67: 504–513

 

Über vorübergehende affektive, kognitive, oder körperliche Veränderungen um die Zeit der Menstruationsblutung wird von den meisten Frauen im reproduktiven Alter berichtet, so dass diese bis zu einem gewissen Grad als physiologisch gelten können. Meist werden diese Symptome als mild und kaum beeinträchtigend wahrgenommen. Wenn der Monatszyklus regelmäßig mit Beschwerden einhergeht und das Vollbild einer PMDS nicht erfüllt ist, könnte ein prämenstruelles Syndrom (PMS) vorliegen. Als Prämenstruelle Dysphorische Störung (PMDS) wird ein zyklusabhängiges Symptombild mit den Hauptmerkmalen Stimmungslabilität, Reizbarkeit, Niedergeschlagenheit und Angstzustände definiert, das bei Frauen im gebärfähigen Alter auftreten kann. Die Symptome können schon nach dem Eisprung beginnen, sind in der Regel kurz vor der Menstruation am stärksten und bilden sich innerhalb weniger Tage nach Menstruationsbeginn zurück. In den 1930er Jahren wurden von R. T. Frank erstmals prämenstruelle Beschwerden als klinische Einheit beschreiben; 1953 wurde dieses Krankheitsbild von Greene und Dalton als prämenstruelles Syndrom bezeichnet. Mitte der 1990er Jahre wurde es in „Prämenstruelle Dysphorische Störung“ umbenannt.

Ob es sich bei der PMDS tatsächlich um eine behandlungsbedürftige psychische Störung handelt, wurde lange Zeit kontrovers diskutiert: „Befürchtet wurden u. a. eine Stigmatisierung von vielen Frauen als psychisch krank, die Pathologisierung natürlicher weiblicher Prozesse, eine schlechtere Stellung von Betroffenen in rechtlicher Hinsicht, z. B. in Sorgerechts-Prozessen, und eine Zunahme von Stereotypen über „launische“, „reizbare“ Frauen…“. Eine Reihe von Studien legen allerdings nahe, dass es sich bei der PMDS um ein eigenständiges Krankheitsbild handelt.  Die Autoren des Reviews sehen durchaus Vorteile, die sich aus der Diagnosezuordnung für betroffenen Frauen ergeben: höhere Akzeptanz des Krankheitsbildes in der Öffentlichkeit, verbesserte Möglichkeiten zu dessen Erforschung, eine Verbesserung der Kenntnis von geeigneten Therapieansätzen, verbesserte evidenzbasierte Versorgung. Im Artikel werden die Diagnostik, die Häufigkeit, der Verlauf und Comorbiditäten beschrieben. Auch zu möglichen Ursachen wird Stellung genommen, wobei hormonelle Störungen, zyklusabhängige Fluktuationen des Serotoninsystems, Stresserleben, bestimme psychische Einflussfaktoren (z.B. ruminatives Grübeln, erhöhte Angstsensitivitäts- und Neurozitismuswerte) sowie eine genetische Überlappung mit depressiven Störungen diskutiert werden. Die Autoren geben auch Behandlungsempfehlung: 1. Medikamentös: Einsatz von serotonerg wirksamen Substanzen (SSRI)und „HRT“ (Ovulationshemmer); 2. Psychotherapie: Verhaltenstherapie, Achtsamkeits- und Akzeptanz-basierte Interventionen; 3. Veränderung von Lebensgewohnheiten (regelmäßige sportliche Betätigung, gesunde Ernährung, Entspannungsverfahren, soziale

Unterstützung oder Stressreduktion). Die Autoren schließen ihren Beitrag dazu allerdings mit folgendem Resümee: „Die Datenlage zur Wirksamkeit von Pharmakotherapie und Psychotherapie ist derzeit noch unzureichend, sodass auf deren Basis keine definitive Therapieempfehlung für die Praxis gegeben werden kann…“.

Matthias David, Dezember 2017

Prof. Dr. med. Matthias David

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