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DGPFG-Rundbrief
2/2016 Nr. 52

Dezember 2016

Liebe Mitglieder der DGPFG,

haben Sie nicht auch das Gefühl, dass auf unserer Seele herumgeTRUMPelt wird?

Dass ein Populist einen faktenlosen Wahlkampf gewinnt, sollte uns mehr als nachdenklich stimmen. Die von der Globalisierung vorgegaukelte, aber selten mögliche „Verfügbarkeit“ eines sorgenfreien Lebens erzeugt Gier, Kränkung und am Ende ein Gefühl von Bedeutungslosigkeit. Dies ist der Nährboden für fast alle Zeitphänomene wie auch den Erfolg des Populismus.

Was können wir Psychosomatiker tun?

Der bekannte Freiburger Ethiker Giovanni Maio schreibt in seinem Buch, Medizin ohne Maß: „Das Glück liegt nicht in unserer Hand, sondern in unserer Einstellung.“ …und damit können wir insbesondere mit unseren Patientinnen immer wieder arbeiten. Die biopsychosozial begleitete Elternschaft ist kein Garant aber Voraussetzung für eine Entwicklung zum selbstbewussten, kohärenten Menschen, der weniger Anfälligkeit zeigt für Extremismus, welcher Art auch immer.

Aber auch die ganz allgemeine psychosomatische Begleitung von Frauen in Ihren Lebensübergängen von der Menarche bis zur Menopause und in ihren Krisenzeiten, sei es aus biologischen, psychischen oder sozialen Gründen, hat aus meiner Sicht protektive Effekte.

Indem wir eine ehrliche und ganzheitliche Medizin anbieten, welche sich nicht dem Diktat von Ökonomie und Organisation unterordnet, leisten wir viel für den „Seelenfrieden“ – auch den unseren.

In diesem Sinne hoffe ich, dass Sie nach Lektüre unseres Rundbriefes auch zu dem Schluss kommen, dass wir in der DGPFG und im Verbund mit den kooperierenden Verbänden gute Arbeit leisten. Vorstand und Beirat sind fleißig und haben viel geschafft. Wir sind auf gutem Weg – sind zunehmend bedeutsam, versuchen klug und evident zu entscheiden und öffnen unsere Grenzen, und damit stehen wir auch politisch auf der aus meiner Sicht richtigen Seite. Ich hoffe, viele von Ihnen sehen das auch so.

In diesem Sinne grüßt Sie herzlich und in freudiger Erwartung auf ein Wiedersehen in Dresden

Dr. Wolf Lütje
Präsident der DGPFG

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Inhaltsverzeichnis

Seite 3
Einladung zur Mitgliederversammlung


Seite 4
Klausurtagung im September 2016


Seite 5
Gewalt gegen Frauen


Seite 6
Die neue Homepage


Seite 7
DGPFG-Kongress 2017


Seite 8
Nationales Zentrum Frühe Hilfen


Seite 9
Kooperationen – Informationen und Stand der Dinge


Seite 10
Das Beratungsnetzwerk Kinderwunsch Deutschland BKiD


Seite 10
Perspektiven der psychosozialen Kinderwunschberatung in Deutschland – Tagung in Hamburg


Seite 11
Initiative Klug entscheiden


Seite 12
Kongressberichte


Seite 12
61. Kongress der DGGG 2016


Seite 13
DGPFG-Sitzung zu Migrationsthemen auf der DGGG-Tagung 2016


Seite 14
23. Jahrestagung des AKF


Seite 15
Fachtag „Gelingende Geburtshilfe“


Seite 16
Studie: Deutschland hat weniger Sex


Seite 17
Buchtipps


Seite 17
Vertrauen in die natürliche Geburt


Seite 17
Schönheitsmedizin


Seite 18
Impressum

Gyne 02/2018 – „Muss mein Mann auch was nehmen?“ – STI und Sexuelle Gesundheit: eine wichtige Aufgabe für Frauenärztinnen und –ärzte

  • 5. August 2018
  • Gyne

Gyne 02/2018
„Muss mein Mann auch was nehmen?“ – STI und Sexuelle Gesundheit: eine wichtige Aufgabe für Frauenärztinnen und –ärzte

Autorin: Claudia Schumann

 

Geschlechtskrankheiten“, heute STI: sexuell transmitted infections. Das klingt besser. Aber auch wenn die neue Bezeichnung nicht mehr den etwas anrüchigen Beiklang hat, sind die Erkrankungen eher etwas, das man für sich behält. Wer sagt schon gerne, dass er/sie einen Tripper hat oder eine Lues, sich gar mit HIV angesteckt hat d. h. HIV-positiv ist? Starker Ausfluss führt ebenso wie harmlosere Infektionen im Intimbereich (z.B. Pilz) bei vielen Frauen zu beunruhigenden Phantasien und Fragen: „Woher habe ich das? Habe ich etwas falsch gemacht? Oder hat etwa mein Partner…? Muss der sich auch behandeln? Wie sage ich es ihm?“

Die Scham mag mit der engen Verbindung von Sexualität, das heißt einem sehr intimen Bereich, und der Infektion zusammenhängen. Genauso wenig, wie man offen über sexuelle Probleme spricht, so wenig werden auch Gedanken und Befürchtungen zu Erkrankungen „im Intimbereich“ angesprochen und ausgetauscht.

Das macht es so wichtig, bei STI neben der guten Diagnostik und Therapie auch gut zu kommunizieren und die richtigen Worte zu finden. Ein wesentliches Ziel dabei ist, die Infektionen aus der „Schmuddelecke“ in den Alltag zu bringen. Die Botschaft muss sein: „Man kann über Chlamydien reden wie über eine Erkältung. Beides wird von anderen Infizierten übertragen – Chlamydien über Sex, Grippeviren über das Einatmen – wo ist das Problem?“ STI hat wenig mit mangelnder Hygiene oder mit Promiskuität zu tun: „Man kann sich auch anstecken, wenn man sich täglich duscht; auch ohne HWG (häufig wechselnden Geschlechtsverkehr) kann man betroffen sein.“

Es ist für die ärztliche Praxis wichtig, die Vorbehalte und Vorurteile in Bezug auf STI zu kennen, sie direkt anzusprechen und möglichst zu entkräften. Nur wenn man miteinander offen und vorurteilsfrei über die möglichen Infektionswege sprechen kann, lassen sich auch die nächsten Schritte – Prävention, Symptome, Therapie, Kontrolle, Partnerbehandlung – verständlich machen, und nur so werden sie akzeptiert.

Überblick: Was sind und welche Folgen haben STI?

Unter STI versteht man Infektionen, die „auch oder hauptsächlich durch sexuelle Kontakte übertragen werden können“ [1]. Verursacht werden sie von Bakterien, Viren, Pilzen und Protozoen. Chlamydien und – in geringerem Ausmaß – Gonorrhoe zählen zu den häufigsten bakteriellen STI, während Syphilis/Lues deutlich seltener vorkommt, allerdings mit leicht ansteigender Tendenz in den letzten Jahren. Zu den häufigsten viralen Infektionen gehören HPV-, Herpes genitalis- und Hepatitis-, hierzulande seltener HIV-Infektionen. Die noch vor 20 bis 30 Jahren häufig zu findende Trichomonaden- Infektion, ausgelöst durch das Protozoon Trichomonas gondii, wird derzeit zumindest in Deutschland kaum mehr diagnostiziert. Auch Filzläuse und Krätze können bei intimem Kontakt übertragen werden und lokal unangenehme Beschwerden verursachen. Vaginale Pilzinfektionen und die bakterielle Vaginose werden in der Praxis nur im weitesten Sinne zu den STI gezählt: Sie können zwar auch sexuell übertragen werden, haben aber meist andere Ursachen (z. B. treten sie nach Antibiotika- Einnahme auf).

Die mit STI verbundenen Beschwerden und Erkrankungen können auf sehr unterschiedliche Weise die (sexuelle) Gesundheit beeinträchtigen. Sie können lange ohne jegliche Beschwerden auftreten (z. B. HPV Infektion am Muttermund) oder akute lokale Beschwerden auslösen (vaginale Blutung, Ausfluss, Juckreiz). Manche Infektionen wie Chlamydien und GO können zu gravierenden Erkrankungen führen (bei der Frau vor allem zu aufsteigenden Unterleibsinfektionen, verbunden mit der Gefahr der Sterilität) und unbehandelt das Leben bedrohen (HIV mit der Folge von AIDS, HPV mit der Folge von Gebärmutterhalskrebs).

Die große Breite der möglichen Folgen macht es noch verständlicher, dass Frauen sich oft große Sorgen machen, wenn es „juckt und brennt“: Unabhängig vom Kontext Sex fürchten sie um ihre Gesundheit.

Was versteht man unter „sexueller Gesundheit“ – und wer kümmert sich darum?

Sexuelle Gesundheit ist mehr als die Freiheit von sexuellen Infektionen. Die WHO hat dazu 1975 eine gleichzeitig umfassende und komplizierte Definition geliefert: „Sexuelle Gesundheit ist die Integration der somatischen, emotionalen, intellektuellen und sozialen Aspekte sexuellen Seins auf eine Weise, die positiv bereichert und Persönlichkeit, Kommunikation und Liebe stärkt. Grundlegend für dieses Konzept sind das Recht auf sexuelle Information und das Recht auf Lust.“ Das bedeutet aber auch: Sich im Intimbereich wohl zu fühlen, Sex ohne Schmerz und ohne Angst vor möglicher Erkrankung zu genießen sowie eine gute Untersuchung und ausreichende Behandlung bei Diagnose zu erhalten, sind wichtige Aspekte der sexuellen Gesundheit!

Die STI gehören historisch in den Bereich der Dermato-Venerologie, das entsprechende Facharzt-Gebiet umfasst auch heute noch die „Haut und Geschlechtskrankheiten“. So ist es kein Wunder, dass die Präsidenten der Fachgesellschaft „Deutsche STI-Gesellschaft – Gesellschaft zur Förderung der Sexuellen Gesundheit“ (DSTIG), hervorgegangen aus der 1902 gegründeten „Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten“ (DGBG), bislang immer Hautärzte waren. Derzeitiger Präsident ist der Bochumer Dermatologe Prof. Norbert Brockmeyer, der sich sehr intensiv für die Thematik und dabei auch für fachübergreifende Kooperation und Fortbildung einsetzt. Ein wichtiges Produkt dieser Arbeit ist der empfehlenswerte Leitfaden STI-Therapie „für die Kitteltasche“, der leider derzeit vergriffen ist, aber bald neu überarbeitet erscheinen soll (persönliche Information DSTIG).

Im Vorstand der DSTIG ist die Gynäkologie nur spärlich vertreten. Dazu passt, dass die STI in der frauenärztlichen Praxis eher ein Stiefkind-Dasein führen, obwohl das Thema „Sexualität“ ebenso wie die genitalen Infektionen eigentlich für Frauenärzte/- innen zentral ist. Die Mehrzahl der Frauen wendet sich bei sexuellen Problemen, gleichermaßen wie bei Unterleibsproblemen, an ihren Frauenarzt/-ärztin. Deshalb ist es so wichtig, dass diese nicht nur bei Pilzinfektionen, sondern auch bei Gonorrhoe Bescheid wissen.

Typische Situationen in der gynäkologischen Praxis

Frauenärzte/-innen betreuen Mädchen und Frauen von der Kindheit an bis ins hohe Alter. Dementsprechend wird wie folgt ein chronologischer Zugang geschildert. Es beginnt mit der HPV-Impfung: Inzwischen ist das empfohlene Alter für die Impfung so weit nach vorne verlegt worden, dass typischerweise die Kinderärzte/-innen die Impfung übernehmen. Dennoch bleibt sie auch in der frauenärztlichen Praxis Thema; oft fragen Mütter, ob ihre Tochter gegen Gebärmutterhalskrebs geimpft werden soll. Hier besteht, ebenso wie in der Mädchen- Sprechstunde, die Chance der sachlichen Aufklärung: Sex macht keinen Krebs! Aber beim Sex kann man sich mit Viren anstecken, die Entzündungen am Muttermund verursachen können. Meist heilt das von alleine wieder aus, aber im Ausnahmefall kann die Infektion zu schweren Zellveränderungen bis hin zum Krebs führen. Ziel eines solchen Gesprächs ist es, Sex nicht zum Krebsrisiko zu stilisieren, die möglichen Risiken dabei aber dennoch nicht zu verharmlosen und vor allem den Gedanken des „aktiven Schutzes“ einzuführen. Inwieweit sehr junge Mädchen tatsächlich informiert entscheiden können, ob sie nach entsprechender Aufklärung der Impfung zustimmen, scheint mir aufgrund meiner praktischen Erfahrung fraglich. Nach aktueller Studienlage überwiegen die positiven Effekte der Impfung die Nebenwirkungen. Im Laufe der Jahre habe ich mir deshalb eine aktive „Pro-Impf“-Beratung angewöhnt und damit bewusst meiner ärztlichen Fürsorge einen höheren Stellenwert zugeordnet als der der Selbstbestimmung [2].

Die HPV-Impfung ist gynäkologisches Standard-Thema geworden, sicher im Zusammenhang mit der Zervixdysplasie und dem Zervixkarzinom. Aber denken wir genug an die Hepatits B-Infektion? Fragen wir jede junge Frau, ob sie ausreichend dagegen geimpft ist? Beachten wir bei der Kontrazeptionsberatung auch gleichrangig die „Kontra- Infektions-Beratung“? Das würde heißen, Sexualität sehr direkt anzusprechen: Nimmt der Freund Kondo me, kann er sie benutzen, weiß er, dass es verschiedene Größen gibt und bei entsprechender Anpassung die Gefahr des Platzens bzw. Abrutschens kleiner wird? Wissen beide, dass sie – wenn nötig – nur wasserlösliches Gleitgel benutzen dürfen, da fettlösliche Präparate das Latexkondom angreifen können? Da männliche Jugendliche sich für den „Kinderarzt“ meist zu erwachsen fühlen und keinen vertrauten „Männerarzt“ haben, werden Frauenärzte/- innen vor eine doppelte Aufgabe gestellt.

So könnten sie manche ihrer Patientinnen vor dem nächsten Thema im Altersverlauf, einer Chlamydien-Infektion, bewahren. „Seit dem 1.1.2008 wird sexuell aktiven Frauen unter 25 Jahren ein Chlamydien- Screening angeboten“, heißt es auf der Internet-Informationsseite des Robert-Koch-Instituts [3]. Der darunter stehende Satz „in Zukunft soll die Inanspruchnahme des Screenings erhöht werden“, weist auf die mangelnde Umsetzung hin: „Hoch gerechnet deckt das Screening für Frauen unter 25 Jahren 11 % der Frauen ab, die zu einer Untersuchung berechtigt sind.“ Die Ergebnisse beruhen auf einer mehrjährigen Evaluationsstudie [4]. Nur jede zehnte junge sexuell-aktive Frau erhält das Screening – das ist aus meiner Sicht gleichzeitig ernüchternd und deprimierend! Denn die hohe Positiv-Rate von 6,0 bis 6,8 % bei Frauen zwischen 15 und 24 Jahren [4] beweist, dass das Screening Sinn macht. Mit der dadurch möglichen Früherkennung ist eine frühe Behandlung zu erreichen, bevor es zur Aszension und entsprechenden Folgeschäden im kleinen Becken kommt. Da davon auszugehen ist, dass Frauenärzten/innen der Sachverhalt bekannt ist, kann es – neben dem nicht wegzudiskutierenden Problem der mangelnden Vergütung – auch am Problem der Kommunikation liegen. Junge Frauen für eine Teilnahme am Screening zu motivieren, heißt wieder: Sex ansprechen und nach Partnern fragen. Noch komplexer ist das Gespräch bei einem positiven Test. Es geht dabei nicht nur um die Dauer der Antibiotika- Behandlung, sondern vor allem um das empathische Eingehen auf die Sorgen: „Von wem habe ich das?“ und „Kann ich jetzt keine Kinder mehr bekommen?“ Die zwingend notwendige Behandlung des Partners muss erörtert werden, vielleicht auch die des Expartners, damit er nicht weitere Partnerinnen ansteckt. Das ist vielen äußerst unangenehm. Bis zur nächsten Kontrolle – frühestens vier Wochen nach Therapieende, damit das Ergebnis nicht falsch-positiv ausfällt – darf Sex nur geschützt mit Kondomen stattfinden.

Je nach (Risiko-)Situation ist bei einem positiven Chlamydien-Nachweis zu überlegen, ob eine Gonorrhoe- Diagnostik (AWMF Leitlinie Gonorrhoe) angeschlossen werden soll, die aus derselben Urinprobe möglich ist. Ein Anlass dafür kann auch der (manchmal gedruckste) Bericht über einen intensiven „Urlaubsflirt in Afrika“ sein, zumal wenn es danach zu vermehrtem Ausfluss kam, oder der ungeschützte „Sex mit dem Ex“. Das können schwierige Erörterungen sein, die neben der erforderlichen Zeit vor allem eine kompetente Kommunikation mit Feingefühl verlangen. Eine evtl. weitere Diagnostik (Abstrich, Kultur) und die ausreichende Therapie (incl. Partner!) benötigen aktualisiertes Wissen, evtl. in Kooperation mit anderen Fachgebieten. In diesen Situationen sollte auch eine qualifizierte HIV-Beratung erfolgen (Zeitrahmen des Nachweises bzw. Ausschlusses, Infektiosität etc.). Wer da unsicher ist, sollte an das Gesundheitsamt verweisen; dort können die Untersuchungen bei entsprechender Indikation auch anonym und kostenfrei durchgeführt werden.

Das nächstes Thema ist der HPV-Abstrich. Er wird bei jüngeren Frauen (< 30 J.) mit unauffälligem Pap- Abstrich primär nicht empfohlen. Der Grund dafür ist, dass viele in dieser Altersgruppe infiziert sind, aber die Infektion überwiegend unbemerkt wieder ausheilt, d. h. die mit einem positiven HPV-Abstrich verbundene Beunruhigung ist zumeist völlig unnötig. Das Wissen, die regelmäßigen Abstrichkontrollen und das Warten auf eine Abheilung können sehr belasten [5]. Besonders schwierig fand ich immer die Beratungssituation, die entsteht, wenn eine Frau in fester Partnerschaft zunächst HPV-negativ ist und bei einer Kontrolle, z.B. aufgrund eines auffälligen Pap-Abstrichs, plötzlich HPViren nachgewiesen werden. Die Frage lautet in dem Fall immer: „Woher habe ich das?“. Die Antwort: „Weil HP-Viren unsichtbar in Haut und Schleimhautzellen im gesamten Genitalbereich sitzen können, kann man sich bei jedem intimen Hautkontakt anstecken, nicht nur beim Geschlechtsverkehr. Eine Ansteckung über Körperflüssigkeiten wie Sperma, Blut oder Speichel gilt als unwahrscheinlich“ [6]. Der eindeutige Zusammenhang zwischen HPV-Infektion und intimen körperlichen Kontakt lässt sich in der Beratung nicht weg reden, denn jede/jeder kann es im Netz nachlesen. Das bedeutet: Zusätzlich zur Beunruhigung über die Folgen der Infektion kommt ein Verdacht auf „Seitensprung“ auf, was eine entsprechende Belastung für die Beziehung bedeutet. Auch darauf sollte man in der Beratung reagieren und eingehen können.

Das Thema HIV wird meist kurz bei der Verhütungsberatung gestreift, verbunden mit der Information, dass Kondome davor schützen. Das ist vor allem dank der BZgA-Kampagnen zum Glück weithin bekannt. Erneut muss HIV bei der Betreuung in der Frühschwangerschaft thematisiert werden. Nach heutigem Wissensstand und gemäß der Mutterschaftsrichtlinie, sollte allen Schwangeren und nicht nur Frauen aus Risiko-Gruppen der HIV-Test empfohlen werden, auch wenn das oft Staunen bis hin zur Abwehr – „brauche ich nicht“ – hervorruft. Der Hintergrund ist, dass es Frauen gibt, die sich unwissentlich infiziert haben und damit ihr Kind gefährden. Völlig nebenbei läuft der Bluttest auf Lues, das wird als Relikt akzeptiert. Ein einziges Mal habe ich erlebt, dass er positiv ausfiel. Dann erfuhr ich von der erschrockenen Frau, dass da „früher mal was war, das behandelt wurde“. Der Befund stellt sich als sogenannte Seronarbe heraus. Die Patientin hatte die Erkrankung fast vergessen, ahnte nicht, dass sie noch erkennbar war, und schämte sich zunächst. Ihr neuer Partner nahm es jedoch nach entsprechender Beratung gelassen auf.

Viel häufiger als die geschilderten STI und gleichzeitig aus medizinischer Sicht viel „banaler“, sind übliche Scheidenentzündungen, Soor und bakterielle Vaginose. Sie führen zwar zu Beschwerden, verursachen aber langfristig keine schwerwiegenden Erkrankungen. Das ist wichtig zu betonen, da sich manche Frauen diesbezüglich Sorgen machen. Nur in der Schwangerschaft vermutet man einen Zusammenhang zwischen der Vaginose, der damit verbundenen pH-Veränderung im Scheidenmilieu, und aufsteigenden Entzündungen, welche für Frühgeburten (mit)verantwortlich gemacht werden. Entgegen früheren Usancen hilft die entsprechende Partnerbehandlung nicht gegen ein Infektions- Rezidiv der Frau. Das bedeutet umgekehrt: Eine Behandlung des Mannes erfolgt nur bei Beschwerden, z. B. einem juckendem Ausschlag auf dem Penis, der auf eine Soor-Balanitis hinweist. Die lästigen Rezidive haben etwas mit der Abwehrsituation der Frau zu tun und erfordern oft eine lange Behandlung, was für Patientin und Ärztin sehr zermürbend sein kann. In einigen Fällen ist die Infektion auch plötzlich verschwunden und gelegentlich mit einer Bemerkung verbunden, wie: „Nach der Trennung von meinem Ex ist alles viel besser und mir geht es richtig gut; mit meinem neuen Freund tut der Sex nicht mehr weh.“

Was steht für Frauenärzte/-innen in der Praxis an?

Vorrangig: Das Chlamydien-Screening ernst nehmen! Jede Frau unter 25 Jahren, die sexuell aktiv ist, hat ein Recht auf das jährliche Angebot zum Chlamydien-Screening. Damit sich die Teilnahmerate erhöht, müssen wir Ärztinnen und Ärzte dies ansprechen, organisatorisch umsetzen und empfehlen, denn Mädchen und Frauen kommen mit dieser Thematik nicht unbedingt aktiv auf uns zu. Dabei nimmt uns der offizielle Informations- Flyer des G-BA viel Aufklärungsarbeit ab. Die MFA können ihn, mit der Bitte ihn im Wartebereich zu lesen, übergeben. Zudem können sie aufklären, warum es wichtig ist, den „Erststrahlurin“ abzugeben und warum die Blase mindestens zwei Stunden vorher nicht entleert worden sein darf. Die Keime sitzen in den Zellen der Urethra und sind somit in den ersten Millilitern des Urins zu finden. Dann bleibt für uns Ärzte/- innen (nur) die Beratung über die Infektion selbst und bei positivem Befund natürlich die Therapie incl. des Hinweises, dass der Partner obligat mitbehandelt werden muss. Dieses Umsetzen des Screenings sind wir den jungen Frauen schuldig! Die Beratung über STI kann gut in die Kontrazeptionsberatung integriert werden, incl. der Überprüfung des Impfstatus und eventuell benötigter Impfungen.

Die Hepatitis-B-Impfung ist eine Standard-Impfung für Kinder und Jugendliche. Außerdem gilt sie als Indikations-Impfung für Erwachsene mit hoher Infektionsgefährdung (z. B. alle medizinischen Berufsgruppen). „Dazu zählen auch sexuelle Risiken wie wechselnde Sexualpartner/- innen“ [1], das heißt, wir sollten entsprechende Frauen wie Sexarbeiterinnen auf die Möglichkeit der Impfung ansprechen. Die Hepatitis- A-Impfung gilt ebenfalls als Indikationsimpfung, u. a. „für Personen, die ein Sexualverhalten mit hoher Infektionsgefährdung (prinzipiell bei oral-analen Kontakten)“ haben [1].

Die HPV-Impfung ist anscheinend gut geregelt; das gilt in Zukunft auch für den HPV-Abstrich als Standard- Kassenleistung [5]. Das Angebot als IGeL-Leistung sollte gut überlegt sein, um nicht unnötige Ängste zu wecken.

An Gonorrhoe und Syphilis müssen manche Frauenärzte/-innen bei entsprechender Anamnese und Symptomatik sicher mehr denken. Hier spreche ich aus eigener Erfahrung, da ich das im Praxisalltag früher eher vernachlässigt habe. Als wir das Thema STI im Qualitäts-Zirkel besprachen, hörte ich es auch von meinen Kolleginnen. Die DGPFG setzt sich auch aus diesem Grund im Rahmen der „Aktion Roter Stöckelschuh“ [7] dafür ein, dass Sexarbeiterinnen in gynäkologischen Praxen willkommen sind und fundiert zu STI beraten und behandelt werden. Dafür braucht es die Bereitschaft und das Wissen!

STI und Psychosomatik

Die Nähe zum Sex macht die STI für die meisten Menschen zu etwas Besonderem. Nicht umsonst sprach man früher von „Lustseuche“ und meinte damit zumeist Syphilis, manchmal auch Gonorrhoe. „Tripper“, die umgangssprachliche Bezeichnung für Gonorrhoe, hat einen abwertenden Beiklang. AIDS galt lange als typische Erkrankung von Drogenabhängigen und promisken Homosexuellen. Erkrankte hatten mit Schuldvorwürfen und Diskriminierung zu rechnen. Das will man/frau alles nicht haben, darüber will niemand reden!

Um Erkrankungen im „Intimbereich“ adäquat zu behandeln, bedarf es entsprechend nicht nur des medizinischen Wissens über die Erreger, Symptome, Diagnostik und Therapie. Man muss von ärztlicher Seite darüber sprechen können, die richtigen Worte finden und vor allem den Mut zum Gespräch haben, zur bio-psycho-sozialen Anamnese, einem Grundstein der psychosomatischen Herangehensweise. Das kann je nach Situation unterschiedlich intensiv sein, Fragen wie „Ist Sex (schon) ein Thema?“, „Wann tut was weh, seit wann besteht der lästige Ausfluss?“, „Welche Sexualpraktiken gibt es, wie sieht die Beziehung aus?“ ,“Gab es eine Urlaubs-Affäre oder einen Seitensprung?“, „Wie leben Partner/Partnerin, gab es Gewalt oder Drogen?“, gehören dazu. Natürlich müssen die Fragen mit der Patientin abgesprochen werden: „Ich habe den Eindruck/den Verdacht, dass …“, „Möchten Sie darüber reden? Darf ich Sie fragen?“. Dafür ist eine wertschätzende urteilsfreie Atmosphäre die notwendige Bedingung, in der die Frau/das Mädchen weiß: „Ich kann Fragen stellen, ich kann antworten, aber auch schweigen oder später wiederkommen. Es geht um meine Gesundheit, für die bin ich zuständig.“ Nur wenn Mädchen und Frauen sich an- und ernst genommen fühlen und Vertrauen haben, sind sie offen für Vorschläge zur Prävention, Diagnostik und Therapie. Wenn nötig sind sie dann auch zu einem Gespräch mit dem Partner/der Partnerin und eventuell auch dem/der “Ex“ bereit. „Sexuelle Gesundheit“ ist eine wichtige Aufgabe und Herausforderung, der sich Frauenärzte/-innen noch bewusster stellen können.

Slide „Muss mein Mann auch was nehmen?“ Gyne 02/2018 STI und Sexuelle Gesundheit: eine wichtige Aufgabe für Frauenärztinnen und -ärzte

Literatur

  1. DSTIG (2014): Leitfaden STI-Therapie, 2.Auflage 2014/2015; s. www.dstig.de.
  2. Schumann, Claudia (2017): Frauenheilkunde mit Leib und Seele – Aus der Praxis einer psychosomatischen Frauenärztin; Psychosozial-Verlag Gießen.
  3. RKI (Robert-Koch-Institut): www.rki.de/ DE/ Content/Infekt/EpidBull/Merkblaetter/Ratgeber_ Chlamydiosen_Teil1.html AWMF Registernummer 059 – 004 (2013, in Überarbeitung): Leitlinie Gonorrhoe bei Erwachsenen und Adoleszenten, S2k-Leitlinie.
  4. Bremer V. et al (2013): Begleitevaluation zum Chlamydien-Screening in Deutschland – Endbericht Chlamydia trachomatis – Laborsentinel.
  5. Kuhlmann-Wesseling, Mechtild (2017): Bad News- Auffälliger Pap-Abstrich; in Gyne 06/2017.
  6. gesundheitsinformation.de (2017): www.gesundheitsinformation.de/humanepapillomviren-hpv.
  7. DGPFG-Presseinformation (2017): Aktion Roter Stöckelschuh startet, in Gyne 2/2007

und auf www.dgpfg-info.de

Artikel des Monats August 2018

Artikel des Monats August 2018

vorgestellt von Prof. Dr. med. Matthias David

Julia Kreis, Sebastian Grümer

Evidenzbasierung in der Psychotherapie.

Berliner Ärzte 2018 (8), 32-33

Kreis und Grümer widmen sich in ihrem kurzen Überblicksartikel im Auftrag des Deutschen Netzwerkes Evidenzbasierte Medizin e.V. (DNEbM- www.ebm-netzwerk.de) einem wichtigen, wenngleich schwierigen Thema, denn es erscheint doch bedeutend einfacher, Effekte biomedizinischer Heilmaßnahmen zu erfassen, als Effekte einer psychotherapeutischen Intervention auf das innere Erleben von Menschen.

Wenig bekannt ist, dass es in der Psychotherapie eine lagen Tradition der Evaluationsforschung gibt. Das zeigt u.a. die wenige bekannte Tatsachen, dass der Begriff „Metaanalsye“ in den 1970er Jahren von einem Psychologen geprägt wurde, der mit seinen Mitarbeiten auch eine erste solche Auswertung von mehreren hundert kontrollierten Studien zum Effekt von Psychotherapie publiziert hat.

Kreist und Grümer führen als Beispiel für die Wichtigkeit der steten Überprüfung psychotherapeutischer Interventionen das sog. Debriefing an, das nach traumatischen Ereignissen dazu diesen soll, den posttraumatischen Stress zu reduzieren und eine posttraumatsiche Belastungsstörung (PTSD) zu verhindern. Ein Cochrane Review hat unterdessen schon 2002 gezeigt, dass es keinerlei Vorteile des „Debriefing“ gegenüber dem Nichtstun gibt, teilweise komme es durch die Maßnahme sogar zu einer PTSD-Risikoerhöhung.

Die beiden Autoren merken kritisch an, dass trotz solcher Beispiele die Erfassung unerwünschter Ereignisse und Nebenwirkungen psychotherapeutischer Interventionen bisher in der (psychotherapeutischen) Literatur kaum eine Rolle spielt. Kreis und Grümer konstatieren, dass eine Verblindung bei Psychotherapiestudien nicht machbar ist; möglich sei aber die randomisierte Zuordnung zu therapeutisch unterschiedliche behandelten Vergleichsgruppen. Die Erfolgsbeurteilung kann dann, quasi als Verblindungsersatz, von Personen vorgenommen werden, die die Gruppenzuordnung der Patientinnen und Patienten nicht kennen.

Die Autoren verweisen darauf, dass ungeachtet mancher kritischer Stimmen psychotherapeutische Verfahren vor einer Aufnahme in die GKV-Versorgung einer vergleichbar strengen Prüfung anhand der Kriterien der evidenzbasierten Medizin unterzogen werden wie andere ärztliche Interventionen. Eine Sonderstellung nehmen nur die beiden psychoanalytisch begründeten Verfahren Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, Analytische Psychotherapie sowie die Verhaltenstherapie ein, die in die Versorgung gelangten, bevor die EbM-basierten Prüfkriterien eingeführt wurden. Für diese Verfahren laufen nachträgliche Prüfungen. Allerdings hat das Bundessozialgericht beschlossen, dass ein nachträglicher Ausschluss dieser drei Verfahren nicht zulässig ist.

(M. David)

Prof. Dr. med. Matthias David

Gyne 01/2018 – Erfahrungsbericht: Gedanken & Anregungen für den Schritt in die Niederlassung

  • 4. August 2018
  • Gyne

Gyne 01/2018
Erfahrungsbericht: Gedanken&Anregungen für den Schritt in die Niederlassung
Frauenheilkunde in der Praxis: mehr als „Pille, Pap und Pilze“!

Autorin: Claudia Schumann

 

Irgendwann stellt sich für Ärztinnen und Ärzte die Frage: Wie weiter?

Für manche wird es schon früh während der klinischen Weiterbildung eindeutig: Frauenheilkunde bedeutet für sie vorrangig Operieren, Geburtshilfe, Forschung und Lehre, oder alles zusammen – sie bleiben in der Klinik und setzen ihre Schwerpunkte auf bekanntes Terrain.

Andere fühlen sich in der Klinik auf Dauer nicht am richtigen Ort. Welche Alternative gibt es für die, die sich langfristig weder im OP, Kreißsaal, noch in der Forschung sehen, oder für diejenigen, welche bestehende Klinikstrukturen hinterfragen und gerne auf Nacht- und Wochenenddienste über viele weitere Jahre verzichten möchten? Für die, die sich unter frauenärztlicher Tätigkeit etwas anderes vorgestellt haben?

Im deutschen Gesundheitssystem gibt es eine Alternative, die gleichzeitig einen radikalen Schnitt bedeutet: Raus aus der Klinik, rein in die Praxis. (Mit den Alternativen: Praxis-Übernahme, Eintritt in eine bestehende Praxis in Form einer Gemeinschaftspraxis bzw. Praxisgemeinschaft, Existenzgründung, oder Anstellung in einem MVZ. Eine weitere „vorsichtige“ Variante wäre: Belegarzt/-ärztin, d.h. mit einem Bein in der Klinik bleiben, mit dem anderen in einer Praxis Fuß fassen.)

Der Schritt in die Niederlassung ist fast immer endgültig! Aber was erwartet ÄrztInnen „draußen“? Und noch wichtiger: Wie kann man sich vorbereiten, worauf sollte man achten? Im Folgenden soll es nicht um ein komprimiertes „Niederlassungs- Seminar“ gehen, sondern um die Weitergabe von ausgewählten Erfahrungen.

Andere medizinische Schwerpunkte

Wenn man von der Klinik in die Praxis wechselt, gibt es Veränderungen in ganz unterschiedlichen Bereichen: dem Themenschwerpunkt an sich, der Interaktion mit den Patientinnen und zusätzlich der eigenen beruflichen Rolle. Auf dem medizinischen Gebiet liegt es auf der Hand. Plakativ gesagt: „Reden statt operieren“. Oder etwas konkreter: Schwangeren- Betreuung statt Entbindung, Krebs-Nachsorge statt Krebs-Therapie. Dazu kommen neue Themen, die in der Klinik keine wesentliche Rolle spielen, wie Kontrazeption, Krebs-Früherkennung, Wechseljahre, Pränataldiagnostik, Fluor-Diagnostik und Behandlung. Das ist mehr als „Pille, Pap und Pilze“, wie ich die Praxis-Tätigkeit vor Jahren einmal ironisch beschrieben fand. Es sind umfängliche Themengebiete, die man sich erarbeiten muss. Darauf soll aber hier der Schwerpunkt nicht liegen.

Andere Begegnungen

Mein Fokus liegt stärker auf der Veränderung der Begegnung mit den Patientinnen, zumal auf diesen Aspekt meist weniger geachtet wird. Zugespitzt könnte man es benennen: „Kontinuität versus Stippvisite“. In die Klinik kommen die meisten Patientinnen, weil sie operiert werden sollen, gelegentlich weil sie eine aufwändige Differentialdiagnostik oder eine Chemotherapie brauchen. Schwangere kommen bei schweren Komplikationen, die ambulant nicht zu beherrschen sind, oder sie kommen zur Geburt. Es sind überwiegend kurze Kontakte in einer Ausnahmesituation. Im Gegensatz zu meiner Klinikzeit in den 70er Jahren, wo „eine Abrasio“ bis zu einerWoche (!) stationär lag und Frauen nach Gebärmutter-Entfernung routinemäßig mindestens 10–14 Tage im Krankenhaus betreut wurden, beschränken sich heute die Begegnungen meist auf wenige konzentrierte Situationen: Aufnahmegespräch und -untersuchung, OP-Aufklärung, Entlassungsuntersuchung. Das ist für beide Seiten anstrengend; oft bleiben sich ÄrztInnen und PatientInnen fremd.

In der Praxis sind die Kontakte auch kurz, aber sie wiederholen sich. Man lernt die Frauen kennen bei Verhütungsberatung, Kinderwunsch, Krebs-Früherkennung, in der Schwangerschaft und in den Wechseljahren. Wenn der Kontakt gut ist, begleitet man Frauen in vielen sehr unterschiedlichen Lebensphasen, man wird miteinander vertraut. Das kann sehr befriedigend sein. „Neuer Zahnarzt und neue Frauenärztin – das ist das Schwierigste, wenn man umzieht“, höre ich oft. Es sind – im Gegensatz zur Klinik oft „unaufregende“ Begegnungen, zumindest aus ärztlicher Sicht, aber sie sind für die Frauen sehr wichtig. Dabei geht es um einfühlsame Untersuchung, um Beratung, um Klärung bei Problemen und Ängsten, um Bestätigung und um die Stärkung der eigenen Kompetenz. Dafür sind Empathie und die Fähigkeit zur guten Gesprächsführung erforderlich.

Noch wichtiger ist das bei psychosomatischen Beschwerdebildern. Es ist hinlänglich bekannt und ich fand es auch in meiner Praxis bestätigt, dass ein großer Anteil der Patientinnen wegen somatoformer Beschwerden die ärztliche Praxis aufsuchen. Damit sind unterschiedliche Krankheitsbilder gemeint, die sich in Schwere und Dauer nicht hinlänglich allein durch körperliche Befunde erklären lassen. Ein typisches Beispiel ist der chronische Unterleibsschmerz, mit einer Prävalenz von 10–15 % (LL Chronischer Unterbauchschmerz), der laut in dieser Leitlinie zitierten US-amerikanischen Studien für „ca.10%aller gynäkologischen Konsultationen“ verantwortlich ist. Gerade bei chronischen Beschwerden, ebenso wie bei dem Umgang mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung, ist die Reflektion der ärztlichen Rolle wichtig. Es geht immer wiederumden gezielten Aufbau einer professionellen Beziehung, gerade bei den sogenannten „schwierigen“ Patientinnen. Die Frauen brauchen eine verlässliche Anlaufstelle, um mit den Beschwerden, den Ängsten oder auch den Ansprüchen einer langfristigen Behandlung zurecht zu kommen. Sie müssen sich ernst-genommen fühlen. Dafür ist neben dem medizinischen Fachwissen eine hohe Kommunikationskompetenz erforderlich.

Andere Berufsrolle

Unabhängig vom veränderten Anspruch an medizinischesWissen und kommunikative Kompetenz ist der Schritt in die Praxis mit einer weiteren wesentlichen Änderung verbunden, die manche ÄrztInnen in ihren Auswirkungen nicht bedenken: In der Praxis arbeitet man selbstständig, man ist nicht mehr angestellt. Das heißt: Man ist plötzlich Chef/Chefin oder zumindest Mitglied im Leitungsteam. Damit ergeben sich ganz neue Anforderungen: Man ist neben der eigentlichen ärztlichen Tätigkeit auch verantwortlich für die Wirtschaftlichkeit des Betriebs, für die Zusammenarbeit im Team, für medizinfremde Bereiche wie Dokumentation, Arbeitsschutz und Beschwerdemanagement. Von der Leitung ist das Betriebsklima abhängig, die Wirkung nach außen – und letztlich die Akzeptanz: Kommen die Patientinnen, hat die Praxis einen guten Ruf und der Laden „läuft“.

Passt die Praxis? Was fehlt? Was ist zu tun?

Am wichtigsten ist es nach meiner Erfahrung, sich vor der endgültigen Entscheidung ein Bild zu machen: Wie sieht der Arbeitsplatz „Praxis“ aus? Das geht am besten über eine Hospitation. Nach ein bis zwei Wochen wird man sicherer sein: Ist das etwas für mich, will ich in so einem Konzept die nächsten 25–30 Jahre tätig sein?

Anscheinend ist dieser Schritt erstaunlich unüblich: Obwohl ich es in meiner Umgebung immer wieder angeboten habe, kamen nur ganz vereinzelt Ärztinnen mit diesem Anliegen auf mich zu. Meine spätere Nachfolgerin berichtete im Gegenzug, sie habe verschiedene Praxen bezüglich einer Visitation angefragt, sei aber immer abgewiesen worden. Anscheinend gibt es da von beiden Seiten Reserven– obwohl beide davon profitieren können: Die KlinikärztInnen sehen die Vielfalt und die Ansprüche der Praxis und haben später dann mehr Verständnis dafür, selbst wenn sie in der Klinik bleiben – und die Niedergelassenen verstärken den Kontakt zur Klinik und profitieren dabei vom neuen Wissen, z. B. über neue OP-Methoden.

Zusätzlich zur Grundinformation, ob diese Art Tätigkeit Freude macht, gewinnt man durch eine Hospitation einen Einblick in die Wissens-Lücken, sei es auf dem Gebiet der Endokrinologie, der Impfberatung oder der Mutterschaftsvorsorge. Wenn sich herausstellt, dass die psychosomatische Grundausbildung nicht genug Sicherheit gibt, kann der Eintritt in eine Balintgruppe sehr hilfreich sein.

Ist die Entscheidung grundsätzlich gefallen, bleibt noch viel zu tun: Übernahme oder Einstieg? Kosten? Bankkredit? Formale Voraussetzungen für die kassenärztliche Zulassung erfüllt? Qualifikation für die Erbringung von Spezialleistungen (z. B. Brust-US, Pränataldiagnostik) belegbar? Dafür gibt es gute Beratungen bei den lokalen kassenärztlichen Vereinigungen, die man unentgeltlich nutzen kann und sollte.

Tipps für den Einstieg und den Praxis-Alltag

Meist bedeutet Niederlassung eine Praxis-Übernahme oder Einstieg in eine laufende Praxis, da es kaum „freie“ Kassensitze gibt. Mein wichtigster Tipp für den Anfang: Wenig ändern!

Die Patientinnen müssen den Arztwechsel verdauen, müssen entscheiden, ob sie ihr Vertrauen auf den Neuen/ die Neue übertragen können. Wenn dann auch noch neue Möbel, Farben und Bilder die Atmosphäre verändern und am Tresen eine neue Arzthelferin sitzt, fühlen sich viele eher unwohl. Ändern kann man später; das hat außerdem den Vorteil, dass man nach einiger Zeit selbst besser weiß, was man tatsächlich braucht, und auch wieviel Geld man wofür investieren will und kann!

Das Nicht-Ändern gilt besonders für die MitarbeiterInnen. Sie sind nicht nur das Aushängeschild der Praxis, sondern oft auch die Vertrauten der PatientInnen. Sie wissen Bescheid über die familiären Belastungen und können die Dringlichkeit mancher Anliegen adäquat einschätzen. Lernen vom Team ist daher die nächste Empfehlung, am besten auf der Grundlage von regelmäßigen Teamsitzungen.

In diesen Sitzungen kann man auch gemeinsam erörtern: Was läuft nicht so gut, was sollte vorrangig verbessert werden? Die Terminplanung incl. Vermeidung von übermäßigen Wartezeiten brennt in vielen Praxen am meisten auf den Nägeln; weitere wichtige Anfangsthemen sind die Dokumentation, die praxisinterne Kommunikation und die Strukturierung der häufigsten Abläufe.

Dafür lohnt es, sich mit den Grundzügen von Qualitätsmanagement anzufreunden. Hier gibt es diverse nutzerfreundliche QM-Systeme auf dem Markt, wie das QEP© (Qualität und Entwicklung in der Praxis), welches von Ärzten für Ärzte entwickelt, kontinuierlich überarbeitet wird und die tägliche Arbeit vereinfachen kann.

Manche Frage überrascht oder macht unsicher. Das darf eine Ratsuchende wissen. „Ich habe von der Yamswurzel gehört nach der Sie fragen, aber mich damit noch nicht so viel beschäftigt und kann Ihnen daher nicht sicher sagen, ob das für Sie wirklich sinnvoll ist. Aber ich kümmere mich gerne darum und dann besprechen wir das beim nächsten Mal“ – halte ich für sinnvoller, als mit Pseudowissen aufzutrumpfen. Nach meiner Erfahrung schätzen Patientinnen diese Ehrlichkeit und dazu die Bereitschaft, sich um ihr Anliegen wirklich ernsthaft zu kümmern. Das gilt auch für andere Bereiche: „Ich beschäftige mich nicht mit Homöopathie; aber ich kann Ihnen gerne eine Kollegin nennen, die das wirklich von Grund auf gelernt hat“ – ist besser, als wahllos Kügelchen zu verteilen für den Anschein der Rundum- Kompetenz. Dafür braucht es ein Wissens-Netzwerk im gesamten ge- sundheitlichen Versorgungsbereich: Welche Praxis hat sich spezialisiert auf Naturheilverfahren/Lymphdrainage/ Beckenbodentraining/Varizenbehandlung/ genetische Beratung/ Schwangerschaftsdiabetes/Psychoonkologie/ Sexualtherapie/usw.? Dafür und für viele andere alltägliche Praxis-Fragen (Abrechnung, Labor- Kooperation) ist die Einbindung in einen lokalen Qualitätszirkel sehr hilfreich. Das Gespräch im vertrauten KollegInnen-Kreis, auch über eigene schwierige Fälle, kann gerade am Anfang eine gute Unterstützung bieten. Praxis ist Neuland Je klarer man sich macht, wie viel Neues auf den unterschiedlichen Bereichen auf einen zukommt, desto besser ist es. Neugierde ist hilfreich! Die frühe Klärung, ob man diese Art von ärztlicher Tätigkeit will – eine Kombination aus breitem gynäkologischem Allround-Wissen und Kompetenz bzw. Freude an psychosomatischer Kommunikation, verbunden mit der Bereitschaft zur Führung eines kleinen wirtschaftlichen Betriebs, kann entscheidend dazu beitragen, ob der Schritt in die Praxis auch noch nach Jahren als der Richtige bejaht wird.

Slide Erfahrungsbericht:: Gyne 01/2018 Gedanken&Anregungen für den Schritt in die Niederlassung

Literatur

Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe (2015): Chronischer Unterbauchschmerz der Frau, AWMF- Registernummer 016 – 001 Schumann, Claudia (2017): Frauenheilkunde
mit Leib und Seele – Aus der Praxis einer psychosomatischen Frauenärztin; psychosychosozial Verlag Gießen

Artikel eines Beiratsmitgliedes August 2018

Artikel eines Beiratsmitgliedes – August 2018

Begleitung von Frauen und Paaren nach Spätabbrüchen:
Wie können Schuld, Scham und erfahrene Stigmatisierung verarbeitet und die Entscheidung zu einem späten Abbruch der Schwangerschaft in das Selbstbild integriert werden?
Was hilft den Frauen und Paaren?

Annekathrin Bergner
Psychologische Psychotherapeutin

Auszug aus einem Vortrag im Rahmen eines Workshops der DGPFG-Jahrestagung 2018

Für schwangere Frauen ist es oft ein Schock, bei fortgeschrittener Schwangerschaft mitgeteilt zu bekommen, dass ihr ungeborenes Kind sich nicht normal entwickelt oder größere Auffälligkeiten zeigt, die auf eine Erkrankung oder Behinderung hinweisen. Nach Paragraph 218a ist ein Schwangerschaftsabbruch auch jenseits der 12. Schwangerschaftswoche möglich, wenn zu befürchten ist, dass die zu erwartenden Belastungen, die mit der Erkrankung oder Behinderung des Kindes einhergehen, die zukünftige Gesundheit der Mutter ernsthaft gefährden könnten. Die Entscheidung über das Fortsetzen oder die Beendigung der Schwangerschaft treffen die werdenden Eltern. Frauen, die in den Wochen nach dem Abbruch in die Beratung bzw. Psychotherapie kommen, befinden sich i.d.R. in einer schweren emotionalen Krise und zeigen ähnlich intensive Trauerreaktionen wie Frauen nach spontanen perinatalen Verlusten wie Totgeburten oder Spätaborten. Etwa jede fünfte bis dritte Frau zeigt in den Wochen und Monaten nach dem Abbruch Symptome von depressiven oder Angsterkrankungen bzw. Traumafolgestörungen. Schuld- und Schamgefühle sowie erfahrene soziale Stigmatisierung spielen im Trauerprozess und in der therapeutischen Begleitung der Frauen und Paare eine große Rolle.

Noch während der Schwangerschaft nach Mitteilung der Diagnose mussten die betroffenen Frauen bzw. Paare in relativ kurzer Zeit und in einem Zustand höchster emotionaler Durchlässigkeit, Verletzlichkeit und Sensitivität eine weitreichende Entscheidung fällen. Eine Entscheidung, die auch nach dem Abbruch häufig noch mit einer großen inneren Ambivalenz verbunden ist, besonders bei den Frauen, deren Kind nach der Geburt mit großer Wahrscheinlichkeit lebensfähig gewesen wäre. Aktiv an der Entscheidung zum Abbruch der Schwangerschaft beteiligt zu sein, steht häufig in Konflikt mit eigenen inneren Werten und Überzeugungen und erzeugt z.T. massive Schuld- und Schamgefühle. Diese Eltern haben etwas Unaussprechliches erlebt (z.B. einen Fetozid, die Tötung des Feten im Mutterleib), was sie zur Geheimhaltung veranlasst und zu einer Entfremdung von ihrer Umgebung führt. Sie nehmen eine Verurteilung ihrer Umwelt vorweg. Ein sozialer Rückzug des Paares dient nicht selten dem Selbstschutz, verhindert aber eine emotionale Entlastung über den Kontakt mit Nahestehenden und lässt die Paare in sozialer Isolation und Einsamkeit. In seltenen Fällen und v.a. bei Frauen mit einem sehr strengen, rigiden Gewissen, ist es den Frauen nicht mehr erlaubt, ein Leben ohne Qualen zu leben. Ihr seelisches und körperliches Leid entlastet sie von ihrer Schuld, sogenannte negative therapeutische Reaktionen (keine Besserung auf Symptomebene trotz therapeutischer Fortschritte) können die Folge sein. Frauen , die sich als passives Opfer eines Schwangerschaftsverlustes erleben, können ihrer Trauer stärker Ausdruck verleihen und klagen über weniger Schuldgefühle als Frauen, die sich mit ihrer Entscheidung bewusst für den Tod ihres Kindes verantwortlich sehen (Maguire et al., 2015). Starke Schuldgefühle verbunden mit anhaltendem Grübeln und Selbstanklagen erschweren eine emotionale Verarbeitung (Nazaré et al., 2012) und führen zu ausgeprägteren Traumafolgestörungen (McCoyd, 2008) bzw. verkomplizieren den Trauerprozess (Hanschmidt et al., 2017).

Solche Dynamiken von Schuld und Scham müssen in der Begleitung der Frauen rechtzeitig erkannt und therapeutisch aufgegriffen werden. Als Psychotherapeuten oder Berater versuchen wir, gemeinsam mit der Frau bzw. dem Paar die ganze Geschichte ihrer Entscheidung und ihres zu verstehen, so dass ein sinnvolles Narrativ des Verlustes entstehen kann. Das einfühlsame Spiegeln des Geschehenen durch den Therapeuten bringt Struktur in den inneren emotionalen Strudel der Frauen und gibt ihrem traumatischen Erleben vieler Aspekte des Abbruchs eine Bedeutung und Berechtigung. Letzteres ist ein zentrales Element, um eine Traumafolgesymptomatik aufzulösen (Neimeyer, 2000). Indem Verzweiflung und Scham der Frauen empathisch verstanden werden, man ihre Selbstverurteilung aber nicht teilt, sondern der intensiven inneren Auseinandersetzung der Frauen mit großem Respekt begegnet, kann die Akzeptanz ihrer eigenen Entscheidung gefördert werden. Besonders in Hinblick auf die massive Kränkung ihres Selbstgefühls, welche die werdenden Eltern mit der Mitteilung einer Erkrankung bzw. Fehlbildung ihres ungeborenen Kindes und dem Verlust des Kindes durch die Entscheidung zum Abbruch erlitten haben, ist die Wertschätzung der trauernden Eltern in ihrer Rolle als verantwortungsvolle Entscheider sehr bedeutsam. Das Erzählen aller verleugneten und geheim gehaltenen Aspekte des Abbruchs in der Therapie allein schon kann die Frauen enorm entlasten und verändert unter dem verständnisvollen Blick des Therapeuten ihre Selbstwahrnehmung.

Eine Aufgabe im Rahmen des Trauerprozesses ist es, neue Bedeutungszuschreibungen und Erklärungsmuster für das Erlittene zu finden. Der Therapeut stellt den Eltern einen Raum zur Verfügung, in dem soziokulturelle Normen zu Abbruch, Mutterschaft und Behinderung hinterfragt und aufgrund der eigenen Erfahrung neu bewertet werden dürfen. Über Methoden der kognitiven Umstrukturierung gilt es, neutralisierende Mechanismen zu etablieren, die der Wiederherstellung einer Kohärenz eines positiven Selbstbildes dienen. Beispielsweise können Frauen oder Paare zu der Überzeugung gelangen, die Entscheidung ganz im Sinne des Kindes getroffen und ihm dadurch viel Leid erspart zu haben. Ebenso hilfreich ist der Glaube an die Richtigkeit der Entscheidung, die die Ärzte so sicher empfohlen hatten oder die Überzeugung, im Sinne der eigenen Familie gehandelt zu haben (‚Wir als Familie hätten das nicht geschafft.‘) (Leichentritt et al, 2016). Zudem können im Laufe des therapeutischen Prozesses innere Werte und Überzeugungen anhand der gemachten Erfahrungen verändert werden (‚Jetzt sehe ich die Dinge anders.‘), eigene Unzulänglichkeiten und eigenes Versagen akzeptiert und das Ereignis des Schwangerschaftsabbruchs in den Lebenslauf und das Selbstkonzept der Frauen integriert werden. Indem die Trauernde im Laufe des Trauerprozesses zu einer neuen Identität findet (‚Bin ich eine Mutter? Darf ich trauern?‘) und sich mit ihrer Rolle als trauernder Mutter identifiziert, sinken ihre Schamgefühle.

Ein zentraler Wirkfaktor in therapeutischen Prozessen ist Empathie (Wampold, 2001). Empathie ist zum einen ein emotionales Antworten auf die affektiven Erfahrungen der Frauen. Die emotionale Resonanz hilft ihnen, ihre Trauer und ihr Traumaerleben zu verstehen und dadurch zu verändern. Zum anderen ist Empathie ein kognitives Einordnen des Erlebten aus der etwas anderen Sicht des Therapeuten. Die Perspektive der Frauen empathisch zu übernehmen und sie um das eigene Verständnis des Geschehenen zu erweitern, ermöglicht eine Normalisierung des Erlebten. Und Empathie setzt eine bedingungslose Akzeptanz und Wertschätzung der Frauen voraus, welche zu einer inneren Stärkung der Frauen führt (Leon, 2017).

Fragen der Pränataldiagnostik und der Indikation zum Spätabbruch, ggf. mit Fetozid, bringen uns Behandler und Begleiter an unsere inneren moralischen und emotionalen Grenzen. Frauen ziehen oft sehr gnadenlos mit sich ins Gericht über ihre getroffene Entscheidung. Für uns Behandler ist es manchmal schwierig, einen distanzierten Blick zu behalten und uns der Frau entlastend zur Verfügung zu stellen. Besonders, wenn die Prognose für das Kind weniger gravierend war, tauchen möglicherweise auch in uns Fragen innerer Verurteilung der Entscheidung zum Abbruch auf. Dann besteht die Gefahr, dass wir uns mit negativen Selbstzuschreibungen der Paare identifizieren und ihren Schuldvorwürfen wenig Hilfreiches entgegensetzen können. Die Bereitschaft der Behandler, einen Spätabbruch mit zu tragen bzw. das Paar danach zu begleiten, erfordert es, einen bewussten Umgang zu finden mit eigenen Vorbehalten. Ein möglichst offener kollegialer, interdisziplinärer Austausch, kann helfen, die kontroverse Thematik des Spätabbruchs anhand einzelner Schicksale immer wieder aus neuen Perspektiven zu betrachten.

Ich habe sehr viel Respekt vor den Frauen und ihren Partnern, die sich aufgrund des Wissens um eine schwere Anomalie ihres Kindes gezwungen sehen, sich für eine Beendigung der so erwünschten Schwangerschaft zu entscheiden und sich damit in emotionale und moralische Abgründe begeben. Die Bewältigung dieser Ereignisse ist oft – ob nun mit oder ohne therapeutische Begleitung – mit tiefgreifenden innerseelischen Transformationsprozessen verbunden. Langfristig können diese ein persönliches Wachstum und Bereicherung bedeuten, so wie wir alle an unseren Schicksalsschlägen wachsen.

Literaturangaben bei der Verfasserin erhältlich

Zu den Mitgliedern des Beirats der DGPFG

Dr. Dipl.-Psych. Annekathrin Bergner

1. Arbeitstreffen des Jungen Forums der DGPFG

  • 20. Juli 2018
  • News

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

das Junge Forum der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe (DGPFG) versteht sich als die Vertretung junger Kolleginnen und Kollegen in der gynäkologischen Facharztweiterbildung und auch noch danach. Es ist ein Netzwerk, welches Information und Beratung in Bezug auf klinische, wissenschaftliche und didaktische Aspekte der psychosomatischen Frauenheilkunde bietet. Zugleich geht es um die Förderung der Zusammenarbeit und des Austauschs zwischen den Generationen. Zusammen mit dem Jungen Forum der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) laden wir Sie herzlich zu einer gemeinsamen Veranstaltung an die Universitäts-Frauenklinik nach Heidelberg ein.
Das 1. Arbeitstreffen richtet sich vor allem an Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung zum Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe und jüngere Fachärzte, die sich psychoso-matische und kommunikative Kompetenz in der Geburtshilfe aneignen möchten. Die Vorträge widmen sich vor allem gemäß dem Thema des Arbeitstreffens schwierigen und kontroversen Themen der geburtshilflichen Praxis. Wir bieten außerdem Workshops an, die die Themen der Vorträge vertiefen und neue Aspekte präsentieren. Darüber hinaus wird es Workshops zu Teamarbeit und Selbst-management geben.

Die Universität Heidelberg ist die älteste Universität in Deutschland, eine ebenso lange Tradition haben Forschung und Lehre in der Medizin. Heidelberg ist ein beliebter Tagungsort, an dem sich Altes und Neues, Historie und Gegenwart verbinden und zum Nachdenken und Diskutieren über „psychosomatische Kontroversen und Gewissheiten in der Geburtshilfe“ einladen.

Wir freuen uns, Sie im Oktober in Heidelberg begrüßen zu dürfen.

Susanne Ditz, Anne Doster, Lena Gabriel, Stephanie Wallwiener

Hier finden Sie einen Flyer zum Download mit allen Informationen zum Treffen

Artikel des Monats Juli 2018

Artikel des Monats Juli 2018

vorgestellt von PD Dr. med. Friederike Siedentopf

Weng SC, Chang JC, Yeh MK, Wang SM, Lee CS, Chen YH.

Do stillbirth, miscarriage, and termination of pregnancy increase risks of attempted and completed suicide within a year? A population-based nested case-control study.BJOG. 2018 Jul;125(8):983-990.

BJOG. 2018 Jul;125(8):983-990.

 

In der vorliegenden bevölkerungsbasierten taiwanesischen Kohortenstudie wurde das Suizidrisiko sowie die Suizidalität ein Jahr nach Totgeburt, Fehlgeburt  oder Schwangerschaftsabbruch untersucht und mit dem Risiko einer Frau nach einer Lebendgeburt verglichen. Betrachtet wurden dabei 485 Fälle von versuchtem respektive 350 Fälle von durchgeführtem Suizid aus den Jahren 2001 bis 2011 analysiert. Es wurden dann matched pairs bezüglich des Alters und Jahres der Entbindung gebildet.

Es zeigte sich, dass in der Gruppe der Frauen mit einem Schwangerschaftsverlust die Rate an Suizidversuchen erhöht war, auch die Rate des durchgeführten Suizids war in der Gruppe mit Totgeburt, Fehlgeburt oder Schwangerschaftsabbruch erhöht im Vergleich zu den Frauen, die eine Lebendgeburt im gleichen Zeitraum hatten. Auch bei Frauen mit der Erfahrung einer Fehlgeburt oder einem Schwangerschaftsabbruch war das Risiko für einen Suizidversuch in dem Jahr danach erhöht.

Die Autoren schließen daraus, dass in einer psychischen Belastungssituation, die mit Schwangerschaftsverlust in Zusammenhang steht, auf die psychische Reaktion in besonderer Weise geachtet werden sollte und sowohl betroffene Frauen als auch Familienmitglieder über mögliche psychische Reaktion aufgeklärt werden sollten.

Aus meiner Sicht eine interessante Arbeit, die sensibilisieren soll für die teilweise erheblichen psychischen Folgen relativ alltäglicher und häufiger gynäkologischer Erkrankungen und Eingriffe.

Friederike Siedentopf, Juli 2018

PD. Dr. med. Friederike Siedentopf

Preisverleihungen DGPFG-Kongress 2018

DGPFG unterstützt Wissenschaft und Forschung
Preise der DGPFG 2018

Bei der Jahrestagung in Berlin 2018 wurden zwei Forschungsstipendien, jeweils in Höhe von 3000 €, vergeben. Diese erhielten:

Lina Mathies von der Universitäts-Frauenklinik Heidelberg für ihr Projekt mit dem Titel „Einfluss einer elektronischen achtsamkeitsbasierten Intervention auf depressive Symptome und (schwanger­schaftsspezifische) Ängste bei stationären geburtshilflichen Patientinnen“ sowie

Victoria Kress vom Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden für ihr Projekt zum Thema „DREAM – DResdner Studie zu Elternschaft, Arbeit und Mentaler Gesundheit“

Den Promotionspreis 2018, dotiert mit 1000 €, erhielt Silke Brenne von der Charité Universitäts­medizin Berlin für ihre Dissertation mit dem Titel „Der Einfluss von Migrations- und Akkulturations­prozessen auf Stillabsicht und Stilldauer“.

Außerdem wurden Preise für die besten Kurzvorträge vergeben. Diese gingen an:

Lina Mathies von der Universitäts-Frauenklinik Heidelberg für ihren Vortrag „Prelax – Einfluss eines digitalen Schwangerschaftsratgebers auf Schwangerschaft und Geburt“,

Victoria Kress vom Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden für ihren VortragMütter­liche Feinfühligkeit, Bindung und psychische Belastung – Eine Prä-Post-Untersuchung einer Mutter-Kind-Behandlung bei postpartalen Erkrankungen“,

Friederike Münch von der Charité Universitätsmedizin Berlin für ihren Vortrag „Subjektive Krankheitstheorien von Myompatientinnen“,

Maren Schick vom Institut für Medizinische Psychologie des Universitätsklinikums Heidelberg für ihren Vortrag „Der Mann und seine Psyche in der Kinderwunschbehandlung“.

Die Abstracts der ausgezeichneten Kurzvorträge finden Sie in unserem aktuellen Rundbrief, den Sie hier downloaden können.

Die Forschungsstipendien und auch der Promotionspreis werden in Zukunft nicht mehr ausgeschrie­ben werden. Stattdessen wird ein Forschungspreis der DGPFG über 5000 € ausgeschrieben. Ab 2020 soll ein „DGPFG-Preis für psychosomatische Forschung“ auf dem DGGG-Kongress ausgelobt werden.

Susanne Ditz

DGPFG-Rundbrief 1/2018 Nr. 55

DGPFG-Rundbrief
1/2018 Nr. 55

Juni 2018

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Psychosomatik fühlt sich gut an – auch die DGPFG fühlt sich gut an:

Solide, kontinuierliche und konstruktive Vorstandsarbeit, ein erweiterter aktiver Beirat, viel auch poli­tische Wahrnehmung im Innen und Außen und trotzdem: Wir werden nicht mehr, eher weniger. Unsere Anliegen und Ausrichtungen haben kein Alleinstellungsmerkmal und trotz viel Vernetzung und Kooperationsarbeit: Wir bleiben wohl ein eigenständiger Verein (mit allen Vor- und Nachteilen), der sich immer wieder neu ausrichten muss in einer Zeit, in der biopsychosoziale Fragestellungen zuneh­men, sich aber auch viele Mitinteressenten und Bewerber finden.

Auch wenn wir mit der DGGG zukünftig lediglich in Kooperation und nicht unter einem Dach leben werden, wird uns diese Entwicklung weiter tragen und uns Möglichkeiten im Bereich der Aus- und Weiterbildung, aber auch der Wissenschaft eröffnen. Mit der Akademisierung des Hebammenberufes haben wir zudem die Chance, in der Ausbildung einer anderen Berufsgruppe psychosomatische Inhalte zu implementieren.

Ich hoffe, Sie konnten sich auch auf der Mitgliederversammlung in Berlin ein Bild von unserem guten Weg machen, der uns nächstes Jahr zu unserer 48. Jahrestagung nach München führen wird. Anschließend geht es wieder in den Osten (Jena), und schon jetzt sind wir zumindest in Gedanken bei unserer 50. Jahrestagung, die wir sicher zentral (Berlin oder Hamburg) im großen Stil ausrichten werden.

So scheint – zumindest für mich als Präsident – sowohl in der DGPFG als auch in diesem wunder­samen Frühjahr stets die Sonne.

Ihr

 

Dr. Wolf Lütje
Präsident der DGPFG

Slide Aktuellen Rundbrief downloaden

Inhalt

  • Vorstandsberatung im April 2018
  • 47. Jahrestagung der DGPFG – Rückblick
  • Ergebnisse der Evaluation der Tagung5
  • Preisträgerinnen 2018
  • Abstracts der ausgezeichneten Kurzvorträge
  • Jahrestagung der DGPFG 2019 in München
  • Neues Forum-Heft der BZgA
  • Neue Rubrik auf Homepage
  • Foren der DGPFG
  • Gemeinsame Sitzung Junges und Interdisziplinäres Forum in Berlin
  • Treffen des Jungen Forums in Heidelberg
  • Arbeitstreffen des Interdisziplinären Forums
  • Psychosomatische Grundversorgung bewährt sich bei Weiterbildungsordnung
  • Aufbaukurs Sexualmedizinische Grundversorgung
  • Leitlinienarbeit
  • Die DGPFG bezieht Stellung – Diskussion zum §219a
  • Pressemitteilung: Mehr Schwangerschaftsabbrüche?
  • Projekt Migrations- und kultursensible Gesundheitsversorgung
  • Neue Ehrenmitglieder der DGPFG vorgestellt – Ulrike Hauffe und Prof. Dietmar Richter
  • ISPOG-Kongress 2019
  • Wissenschaftliche Zeitschrift der ISPOG
  • Internationaler Hebammentag
  • Mehr Ausbildungs- und Studienplätze für Hebammen
  • AG GGUP – Mitgliederversammlung und Vorstandswahlen
  • Hilfetelefon „ Gewalt gegen Frauen“
  • BKiD – Aktuelle Entwicklungen
  • Aktuelles von der DGfS
  • Buchbesprechung: Filmpsychoanalyse
  • Buchbesprechung: Sexualität und Trauma
  • Buchbesprechung: Wie Geburtserfahrung unser Leben prägt

Artikel eines Beiratsmitgliedes Juni 2018

Artikel eines Beiratsmitgliedes – Juni 2018

Einfluss der Migration und Akkulturationsprozesse in Berlin auf die Frühgeburtenrate

Informationen zu einer zurzeit durchgeführten Studie am St. Joseph Krankenhaus

Marlene Lee, Michael Abou-Dakn
Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe
St. Joseph-Krankenhaus Berlin-Tempelhof

gynaekologie@sjk.de

Migration und Akkulturation haben insbesondere in den letzten Jahren in Deutschland an Bedeutung gewonnen. Der Jahresbericht des Statistischen Bundesamtes weißt aktuell ca. 18,6 Mio. Menschen in Deutschland mit einem Migrationshintergrund auf (1). Hierunter versteht man Menschen, die entweder selbst im Ausland geboren sind oder jene bei denen mindestens ein Elternteil im Ausland geboren wurde (1). Unter der Akkulturation werden die Anpassungsprozesse verstanden, die aus dem Kontakt von Mitgliedern verschiedener Kulturen über einen längeren Zeitraum entstehen (2). Diese akkulturationsbedingten Anpassungsprozesse können zu Stress führen, dem sogenannten Akkulturationsstress, welcher häufig mit negativen Affekten, wie zum Beispiel einer depressiven Gemütslage oder Ängstlichkeit im Hinblick auf die Bewältigung des täglichen Lebens innerhalb der neuen Gesellschaft vergesellschaftet sind. Ebenso kann es zu einem Gefühl des kulturellen Identitätsverlustes kommen auch durch den Verlust von sozialen Netzwerken und Unterstützungssystemen, welche ebenfalls zu einer höheren Rate an Depressionen und Einsamkeit führen können (3,4).

Auch die reproduktive Gesundheit von Migrantinnen ist oft nicht zufriedenstellend. Die Inanspruchnahme der Gesundheitssysteme erfolgt meist nicht im gleichem Umfang, wie durch die einheimischen Frauen (5,6). In mehreren internationalen Studien konnte gezeigt werden, dass längere Akkulturationsprozesse, bei denen Frauen größere Teil der Sitten und Traditionen der neuen kulturellen Umgebung annehmen, interessanter Weise schlechteres perinatales Outcomes begünstigt (4,7-9).  Hierunter fallen ein niedriges Geburtsgewicht, eine erhöhte perinatale Mortalität, mehr operative Entbindungen sowie eine erhöhte Frühgeburtenrate (4,7-9). Dies konnte vor allem in Studien aus den USA, die sich mit mexikanischen Migrantinnen beschäftigt haben, beobachtet werden. Die Studien zeigen, dass Frauen, die weniger akkulturiert sind eine geringere Rate an perinataler Morbidität und Mortalität aufweisen, obwohl sie einen niedrigeren sozio-ökonomischen Status, weniger Bildung sowie einen schlechteren Zugang zu Gesundheitsversorgung haben. Dieser Effekt hat als das „Latino Gesundheitsparadox“ in die Literatur Einzug genommen (4,6).

Die genauen Mechanismen, durch die die Akkulturation zu diesen ungünstigen perinatalen Outcomes beiträgt, sind jedoch bisher weitgehend ungeklärt (4). Die nachteiligen Auswirkungen der sozialen Situation vieler Migrantinnen sowie der oftmals weiterbestehenden Kommunikationsprobleme sind als Ursache naheliegend.

Kausal können daneben aber auch in Folge der Akkulturation die Übernahme von gesundheitsschädigenden Gewohnheiten, wie Nikotinabusus und Alkoholkonsum sowie dem kalorien- und fettreicherem Essverhalten sein. So zeigen Studien, dass mit Zunahme der Akkulturation auch die negativen gesundheitlichen Faktoren der neuen Gesellschaft übernommen werden (4,8).

In der Bundesrepublik Deutschland liegen bis dato keine Daten zu dem Perinatalem Outcome von Migrantinnen vor. Diese sind jedoch in Anbetracht der fortschreitenden Migrations-, Integrations- und Akkulturationsprozesse wichtig, um ein besseres Verständnis des Einflusses dieser Prozesse auf die Schwangerschaft und Geburt zu erlangen.

Aus diesem Grund führen wir zu Zeit eine prospektive Studie in der Frauenklinik des St. Joseph Krankenhaus, Berlin-Tempelhof durch. In dieser untersuchen wir die möglichen Unterschiede in der Frühgeburtenrate bei Frauen mit Migrationshintergrund verschiedener Generationen im Vergleich zu Frauen ohne Migrationshintergrund sowie die Auswirkung des Akkulturationsstresses auf diese Prozesse.

Eine Studienteilnahme wird allen Wöchnerinnen, die sich stationär auf der Wochenbettstation der Klinik für Geburtshilfe des St. Joseph Krankenhauses befinden, angeboten. Sie folgt der Ethik der Helsinki Deklaration und den aktuellen Datenschutzbestimmungen und ist durch die Ethikkommission der Ärztekammer Berlin anerkannt worden.  Für die Befragung werden validierte Assessmenttools wie die Frankfurter Akkulturationsskala (Bongard et al. 2007), der Akkulturationsstress-Index (Dissertation Foroutan. 2006) sowie der DFG – Fragebogen zu soziodemographischen Angaben (DFG-Projekt David et al. 2011) verwandt (3,10,11).

1000 Frauen, davon mindestens 400 Frauen mit sowie 400 Frauen ohne Migrationshintergrund sollen nach Berechnung der Statistik befragt werden. Verglichen werden Gruppe A (Frauen ohne Migrationshintergrund) versus Gruppe B (Frauen mit Migrationshintergrund).  Die Datenerhebung erfolgt mittels Fragebögen, die durch eine Projektmitarbeiterin gemeinsam mit der Patientin ausgefüllt werden.

Ziel dieser Studie ist es, die Einflüsse von Migrations- und Akkulturationsprozessen sowie den damit vergesellschafteten Stress auf die Frühgeburtenrate bei Frauen mit Migrationshintergrund der ersten sowie der zweiten Generation im Vergleich zu Frauen ohne Migrationshintergrund zu erforschen.  Mit den Ergebnissen unserer Studie erhoffen wir für Deutschland Daten hinsichtlich des gesundheitlichen Effekts der Migrantinnen in Abhängigkeit von der Akkulturationsdauer zu erhalten und ggf. gesundheitsfördernde Intervention zu entwickeln.

Wir werden nach Auswertung der Daten gerne wieder darüber berichten.

Zu den Mitgliedern des Beirats der DGPFG

Prof. Dr. med. Michael Abou-Dakn

Artikel des Monats Juni 2018

Artikel des Monats Juni 2018

vorgestellt von Prof. Dr. med. Matthias David

Tjitske R. Zaat et al.

Posttraumatic stress disorder related to postpartum haemorrhage: A systematic review.

European Journal of Obstetrics & Gynecology and Reproductive Biology 225 (2018) 214–220

 

Wann immer eine Geburt durch einen Blutverlust von 500 ml und mehr verkompliziert wird, wird dies als postpartale starke Blutung klassifiziert. Eine starke postpartale Blutung ist eine der Hauptkomplikationen einer Geburt, die im Einzelfall auch zu einer Notfall-Hysterektomie führen kann. In 0,1 bis 0,3 auf tausend Geburten kommt zu einer postpartalen Notfall-Hysterektomie. Die physischen respektive somatischen Auswirkungen auf die betroffenen Frauen im Zuge einer verstärkten peri- bzw. postpartalen Blutung mit oder ohne Notfall-Hysterektomie wurden in letzter Zeit intensiv untersucht, während Zusammenhänge zu posttraumatischen Belastungsstörungen oder allgemeinen psychischen Belastungen kaum Inhalt von Untersuchungen waren. Die globale Inzidenz der verstärkten peri- bzw. postpartalen Blutungen wird auf 1 bis 5 % aller Geburten geschätzt. Damit hat dieses Thema eine große Bedeutung. Patientinnen beschreiben diese Geburtskomplikation als traumatische Erfahrung. Es ist nicht bekannt, ob die verstärkte postpartale Blutung per se ein Risiko für posttraumatische Belastungsstörungen ist. Solche Aspekte werden im klinisch-geburtshilflichen Alltag aktuell nicht beachtet. Insofern ist der vorgelegte Reviewartikel sehr interessant und beachtenswert. Basierend auf eigenen klinischen Erfahrungen und qualitativen (Vor-)Studien haben die Autoren der Literaturübersicht die Erarbeitung von Empfehlungen für diese Situation angestrebt. In einem systematischen Review wurden die aktuellen Erkenntnisse über einen Zusammenhang zwischen starker peri- bzw. postpartaler Blutung mit und ohne Notfall-Hysterektomie und postpartaler posttraumatischer Belastungsstörung erfasst. Die Autoren führten diese Literaturrecherche mit folgendem präventiven Gedanken durch: Wenn die starke postpartale Blutung ein Risikofaktor für die posttraumatische Belastungsstörung ist, sollte dies frühzeitig erkannt werden. Die Kenntnis dieses Zusammenhangs könnte zu einer Reduzierung der Langzeitauswirkungen und sozioökonomischen Probleme, die mit einer posttraumatischen Belastungsstörung verbunden sind, für die Betroffenen führen.  Es wurde eine Literatursuche in acht Literaturdatenbanken durchgeführt, wobei Publikationen einbezogen wurden, die zwischen Januar 1986 und Oktober 2017 veröffentlicht wurden. Es wurden sowohl Manuskripte überprüft, die einen Zusammenhang zwischen starker postpartaler Blutung sowie peripartaler Notfall-Hysterektomie mit einer posttraumatischen Belastungsstörung und/oder postpartalen posttraumatischen Stresssymptomen thematisierten. Insgesamt wurden 1651 Artikel durchgeschaut. 52 Artikel erfüllten die von den Autoren definierten Kriterien für das Volltext-Review. Letztlich blieben aber nur 7 Artikel, die zwischen 2011 und 2017 erschienen sind, für die eigentliche Literatur- bzw. Datenauswertung übrig.  Davon befassten sich 5 Studien mit einem Zusammenhang zwischen schwerer postpartaler Blutung und posttraumatischer Belastungsstörung und 2 Studien mit dem Zusammenhang zwischen Notfall-Hysterektomie und peripartalem posttraumatischen Stress. 3 Studien fanden keine Assoziation zwischen der starken peripartalen Blutung und der Belastungsstörungen, 2 Studien berichteten über ein höheres Risiko für die Entwicklung einer posttraumatischen Belastungsstörung oder posttraumatischer Stresssymptome nach starker peripartaler Blutung. Die Ergebnisse zweier weiterer Studien zeigten ein höheres Risiko für die Entwicklung einer posttraumatischen Belastungsstörung nach peripartaler Notfall-Hysterektomie. Wegen der Heterogenität der gefundenen Studien war allerdings eine Meta-Analyse nicht möglich. Basierend auf den Ergebnissen der o.g. sieben Studien scheint ein Zusammenhang zwischen verstärkten bzw. schweren peripartalen Blutungen und posttraumatischer Belastungsstörung zu bestehen, so die Autoren. Außerdem ist es relativ wahrscheinlich, dass eine Assoziation zwischen einer peripartalen Notfall-Hysterektomie und solchen Belastungsstörungen besteht, aber die Evidenz dieser Ergebnisse wird durch die geringe Studienzahl bzw. die geringe Zahl einbezogener Patientinnen limitiert. Möglicherweise ist aber auch die Grenze von 500 ml Blutverlust für die erwähnten psychischen Auswirkungen zu niedrig gewählt, psychische Folgen sind erst bei einem höheren Grenzwert z.B. 1500 oder 2000 ml und einer größeren „Dramatik“ der Situation evident Es erscheint aber plausibel, dass die Notfall-Hysterektomie schweren emotionalen Disstress induziert, und es ist nachvollziehbar, dass diese Erfahrung oft als belastend, sowohl für die betroffene Frau als auch ihren Partner, beschrieben wird, da damit ja der Verlust der Möglichkeit, weitere Schwangerschaften respektive Kinder zu haben, einhergeht. Unter Beachtung der großen Zahl von Frauen, deren Geburt weltweit durch eine verstärkte postpartale Blutung verkompliziert wird, sollte überlegt werden, dass bereits früh auf Symptome einer postpartalen Belastungsstörung bei den betroffenen Wöchnerinnen „gescreent“ wird, um Langzeitauswirkungen auf die mentale respektive psychische Gesundheit der Frauen zu verhindern. Für weitere Untersuchungen empfehlen die Autoren eine einheitliche Definition der Schwere postpartaler Blutungen. Mit prospektiven Studie sollte eine große Fallzahl und ein Langzeit-follow up angestrebt und es sollten validierte Fragebögen oder standardisierte Interviews genutzt werden, so die abschließenden Empfehlungen der Autoren dieses interessanten Reviews.

(M. David)

Prof. Dr. med. Matthias David

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