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Artikel eines Beiratsmitgliedes – August 2018

Begleitung von Frauen und Paaren nach Spätabbrüchen:
Wie können Schuld, Scham und erfahrene Stigmatisierung verarbeitet und die Entscheidung zu einem späten Abbruch der Schwangerschaft in das Selbstbild integriert werden?
Was hilft den Frauen und Paaren?

Annekathrin Bergner
Psychologische Psychotherapeutin

Auszug aus einem Vortrag im Rahmen eines Workshops der DGPFG-Jahrestagung 2018

Für schwangere Frauen ist es oft ein Schock, bei fortgeschrittener Schwangerschaft mitgeteilt zu bekommen, dass ihr ungeborenes Kind sich nicht normal entwickelt oder größere Auffälligkeiten zeigt, die auf eine Erkrankung oder Behinderung hinweisen. Nach Paragraph 218a ist ein Schwangerschaftsabbruch auch jenseits der 12. Schwangerschaftswoche möglich, wenn zu befürchten ist, dass die zu erwartenden Belastungen, die mit der Erkrankung oder Behinderung des Kindes einhergehen, die zukünftige Gesundheit der Mutter ernsthaft gefährden könnten. Die Entscheidung über das Fortsetzen oder die Beendigung der Schwangerschaft treffen die werdenden Eltern. Frauen, die in den Wochen nach dem Abbruch in die Beratung bzw. Psychotherapie kommen, befinden sich i.d.R. in einer schweren emotionalen Krise und zeigen ähnlich intensive Trauerreaktionen wie Frauen nach spontanen perinatalen Verlusten wie Totgeburten oder Spätaborten. Etwa jede fünfte bis dritte Frau zeigt in den Wochen und Monaten nach dem Abbruch Symptome von depressiven oder Angsterkrankungen bzw. Traumafolgestörungen. Schuld- und Schamgefühle sowie erfahrene soziale Stigmatisierung spielen im Trauerprozess und in der therapeutischen Begleitung der Frauen und Paare eine große Rolle.

Noch während der Schwangerschaft nach Mitteilung der Diagnose mussten die betroffenen Frauen bzw. Paare in relativ kurzer Zeit und in einem Zustand höchster emotionaler Durchlässigkeit, Verletzlichkeit und Sensitivität eine weitreichende Entscheidung fällen. Eine Entscheidung, die auch nach dem Abbruch häufig noch mit einer großen inneren Ambivalenz verbunden ist, besonders bei den Frauen, deren Kind nach der Geburt mit großer Wahrscheinlichkeit lebensfähig gewesen wäre. Aktiv an der Entscheidung zum Abbruch der Schwangerschaft beteiligt zu sein, steht häufig in Konflikt mit eigenen inneren Werten und Überzeugungen und erzeugt z.T. massive Schuld- und Schamgefühle. Diese Eltern haben etwas Unaussprechliches erlebt (z.B. einen Fetozid, die Tötung des Feten im Mutterleib), was sie zur Geheimhaltung veranlasst und zu einer Entfremdung von ihrer Umgebung führt. Sie nehmen eine Verurteilung ihrer Umwelt vorweg. Ein sozialer Rückzug des Paares dient nicht selten dem Selbstschutz, verhindert aber eine emotionale Entlastung über den Kontakt mit Nahestehenden und lässt die Paare in sozialer Isolation und Einsamkeit. In seltenen Fällen und v.a. bei Frauen mit einem sehr strengen, rigiden Gewissen, ist es den Frauen nicht mehr erlaubt, ein Leben ohne Qualen zu leben. Ihr seelisches und körperliches Leid entlastet sie von ihrer Schuld, sogenannte negative therapeutische Reaktionen (keine Besserung auf Symptomebene trotz therapeutischer Fortschritte) können die Folge sein. Frauen , die sich als passives Opfer eines Schwangerschaftsverlustes erleben, können ihrer Trauer stärker Ausdruck verleihen und klagen über weniger Schuldgefühle als Frauen, die sich mit ihrer Entscheidung bewusst für den Tod ihres Kindes verantwortlich sehen (Maguire et al., 2015). Starke Schuldgefühle verbunden mit anhaltendem Grübeln und Selbstanklagen erschweren eine emotionale Verarbeitung (Nazaré et al., 2012) und führen zu ausgeprägteren Traumafolgestörungen (McCoyd, 2008) bzw. verkomplizieren den Trauerprozess (Hanschmidt et al., 2017).

Solche Dynamiken von Schuld und Scham müssen in der Begleitung der Frauen rechtzeitig erkannt und therapeutisch aufgegriffen werden. Als Psychotherapeuten oder Berater versuchen wir, gemeinsam mit der Frau bzw. dem Paar die ganze Geschichte ihrer Entscheidung und ihres zu verstehen, so dass ein sinnvolles Narrativ des Verlustes entstehen kann. Das einfühlsame Spiegeln des Geschehenen durch den Therapeuten bringt Struktur in den inneren emotionalen Strudel der Frauen und gibt ihrem traumatischen Erleben vieler Aspekte des Abbruchs eine Bedeutung und Berechtigung. Letzteres ist ein zentrales Element, um eine Traumafolgesymptomatik aufzulösen (Neimeyer, 2000). Indem Verzweiflung und Scham der Frauen empathisch verstanden werden, man ihre Selbstverurteilung aber nicht teilt, sondern der intensiven inneren Auseinandersetzung der Frauen mit großem Respekt begegnet, kann die Akzeptanz ihrer eigenen Entscheidung gefördert werden. Besonders in Hinblick auf die massive Kränkung ihres Selbstgefühls, welche die werdenden Eltern mit der Mitteilung einer Erkrankung bzw. Fehlbildung ihres ungeborenen Kindes und dem Verlust des Kindes durch die Entscheidung zum Abbruch erlitten haben, ist die Wertschätzung der trauernden Eltern in ihrer Rolle als verantwortungsvolle Entscheider sehr bedeutsam. Das Erzählen aller verleugneten und geheim gehaltenen Aspekte des Abbruchs in der Therapie allein schon kann die Frauen enorm entlasten und verändert unter dem verständnisvollen Blick des Therapeuten ihre Selbstwahrnehmung.

Eine Aufgabe im Rahmen des Trauerprozesses ist es, neue Bedeutungszuschreibungen und Erklärungsmuster für das Erlittene zu finden. Der Therapeut stellt den Eltern einen Raum zur Verfügung, in dem soziokulturelle Normen zu Abbruch, Mutterschaft und Behinderung hinterfragt und aufgrund der eigenen Erfahrung neu bewertet werden dürfen. Über Methoden der kognitiven Umstrukturierung gilt es, neutralisierende Mechanismen zu etablieren, die der Wiederherstellung einer Kohärenz eines positiven Selbstbildes dienen. Beispielsweise können Frauen oder Paare zu der Überzeugung gelangen, die Entscheidung ganz im Sinne des Kindes getroffen und ihm dadurch viel Leid erspart zu haben. Ebenso hilfreich ist der Glaube an die Richtigkeit der Entscheidung, die die Ärzte so sicher empfohlen hatten oder die Überzeugung, im Sinne der eigenen Familie gehandelt zu haben (‚Wir als Familie hätten das nicht geschafft.‘) (Leichentritt et al, 2016). Zudem können im Laufe des therapeutischen Prozesses innere Werte und Überzeugungen anhand der gemachten Erfahrungen verändert werden (‚Jetzt sehe ich die Dinge anders.‘), eigene Unzulänglichkeiten und eigenes Versagen akzeptiert und das Ereignis des Schwangerschaftsabbruchs in den Lebenslauf und das Selbstkonzept der Frauen integriert werden. Indem die Trauernde im Laufe des Trauerprozesses zu einer neuen Identität findet (‚Bin ich eine Mutter? Darf ich trauern?‘) und sich mit ihrer Rolle als trauernder Mutter identifiziert, sinken ihre Schamgefühle.

Ein zentraler Wirkfaktor in therapeutischen Prozessen ist Empathie (Wampold, 2001). Empathie ist zum einen ein emotionales Antworten auf die affektiven Erfahrungen der Frauen. Die emotionale Resonanz hilft ihnen, ihre Trauer und ihr Traumaerleben zu verstehen und dadurch zu verändern. Zum anderen ist Empathie ein kognitives Einordnen des Erlebten aus der etwas anderen Sicht des Therapeuten. Die Perspektive der Frauen empathisch zu übernehmen und sie um das eigene Verständnis des Geschehenen zu erweitern, ermöglicht eine Normalisierung des Erlebten. Und Empathie setzt eine bedingungslose Akzeptanz und Wertschätzung der Frauen voraus, welche zu einer inneren Stärkung der Frauen führt (Leon, 2017).

Fragen der Pränataldiagnostik und der Indikation zum Spätabbruch, ggf. mit Fetozid, bringen uns Behandler und Begleiter an unsere inneren moralischen und emotionalen Grenzen. Frauen ziehen oft sehr gnadenlos mit sich ins Gericht über ihre getroffene Entscheidung. Für uns Behandler ist es manchmal schwierig, einen distanzierten Blick zu behalten und uns der Frau entlastend zur Verfügung zu stellen. Besonders, wenn die Prognose für das Kind weniger gravierend war, tauchen möglicherweise auch in uns Fragen innerer Verurteilung der Entscheidung zum Abbruch auf. Dann besteht die Gefahr, dass wir uns mit negativen Selbstzuschreibungen der Paare identifizieren und ihren Schuldvorwürfen wenig Hilfreiches entgegensetzen können. Die Bereitschaft der Behandler, einen Spätabbruch mit zu tragen bzw. das Paar danach zu begleiten, erfordert es, einen bewussten Umgang zu finden mit eigenen Vorbehalten. Ein möglichst offener kollegialer, interdisziplinärer Austausch, kann helfen, die kontroverse Thematik des Spätabbruchs anhand einzelner Schicksale immer wieder aus neuen Perspektiven zu betrachten.

Ich habe sehr viel Respekt vor den Frauen und ihren Partnern, die sich aufgrund des Wissens um eine schwere Anomalie ihres Kindes gezwungen sehen, sich für eine Beendigung der so erwünschten Schwangerschaft zu entscheiden und sich damit in emotionale und moralische Abgründe begeben. Die Bewältigung dieser Ereignisse ist oft – ob nun mit oder ohne therapeutische Begleitung – mit tiefgreifenden innerseelischen Transformationsprozessen verbunden. Langfristig können diese ein persönliches Wachstum und Bereicherung bedeuten, so wie wir alle an unseren Schicksalsschlägen wachsen.

Literaturangaben bei der Verfasserin erhältlich

Zu den Mitgliedern des Beirats der DGPFG

Dr. Dipl.-Psych. Annekathrin Bergner

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