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Gyne 06/2025 – Versorgungsbedarfe von ungewollt Schwangeren in vulnerablen Lebenslagen

  • 6. Dezember 2025
  • Gyne

Gyne 06/2025

Versorgungsbedarfe von ungewollt Schwangeren in vulnerablen Lebenslagen

Autorinnen:

P. J. Brzank, D. Jepsen

Hintergrund der Fokussierung

Die Studie „Erfahrungen und Lebenslagen von ungewollt Schwangeren – Angebote der Beratung und Versorgung“ (ELSA) erfasste im Forschungsverbund mit MethodenMix die sozialen und gesundheitlichen Belastungen und Ressourcen der Frauen mit dem Ziel, empirisch basiert Empfehlungen für die Verbesserung der Unterstützung und Versorgung von Frauen mit ungewollter Schwangerschaft (uS) abzuleiten [1]. Das Teilprojekt für vulnerable Gruppen (ELSA-VG) der Hochschule Nordhausen fokussierte schwangere Frauen mit Migrationsbiografie (MIG) und/oder Gewalt in der Paarbeziehung (GiP) in der Schwangerschaft. Nachfolgend werden für die medizinische Versorgung relevante Erkenntnisse vorgestellt. Besondere Lebenslagen provozieren Vulnerabilität. Das Risiko einer uS ist erhöht, zur Verfügung stehende Ressourcen und deren Nutzung werden gemindert und die Handlungsfähigkeit der ungewollt Schwangeren ist beschränkt.

Personen mit MIG sind grundsätzlich sehr divers (Herkunftsland, Kultur, Tradition, Biografie, Status, Migrationsmotiv). Dennoch ist bei ihnen meist ein schlechterer Gesundheitszustand zu beobachten als bei Personen ohne MIG [2]. Durch die eigene oder familiäre Migrationsbiografie haben sie zudem meist ähnliche Erfahrungen im Beratungs- und Versorgungssystem gemacht.

Zwischen GiP und uS sowie Schwangerschaftsabbruch (SAB) ist eine Wechselbeziehung belegt. GiP kann eine uS verursachen – durch reproduktive Kontrolle oder Nötigung, Verhütungssabotage oder Zwang zur Schwangerschaft, durch Vergewaltigung oder die Beeinflussung der Entscheidung. Umgekehrt kann eine Schwangerschaft GiP auslösen oder zur Eskalation führen. Der gewalttätige Partner kann die Schwangerschaft zur Stabilisierung seiner Kontrolle nutzen.

Studienpopulation

Die Gesamtstichprobe für beide Gruppen bestand aus n = 5.101 Frauen mit gewollter und ungewollter Schwangerschaft aus einer Einwohnermeldestichprobe sowie Sonderstichproben [1].

Frauen mit Migrationsbiografie

24,4 % der befragten Frauen hatten eine MIG. 6,7 % dieser Frauen berichten, dass Flucht oder Asyl sie zum Verlassen ihres Herkunftslandes gebracht hatten. Zur ersten Generation, also nicht in Deutschland geboren, gehörten 59,7 % der befragten Frauen mit MIG. 40,0 % gehörten zur zweiten Generation (in Deutschland geboren). 66,3 % der Befragten besitzen die deutsche und 40,1 % eine andere oder mehrere Staatsangehörigkeiten.

Die Migration nach Deutschland war bei 37,9 % aus familiären Gründen erfolgt, bei 19,9 % zur Arbeitsaufnahme und bei 12,4 % zu Studien- oder Ausbildungszwecken. Unter den Frauen ohne deutsche Staatsangehörigkeit hatten die meisten eine Aufenthalts- oder Niederlassungserlaubnis.

Frauen mit Gewalt in der Paarbeziehung während der Schwangerschaft

6,5 % der Gesamtstichprobe aus gewollt und ungewollt Schwangeren und 13,8 % der ungewollt Schwangeren berichteten über mindestens eine Gewaltform während der Schwangerschaft. Am häufigsten waren psychische und physische Gewalt. Es zeigte sich eine hohe Überschneidung von physischer, psychischer und sexueller Gewalt.

 

Die Mehrzahl der betroffenen Frauen (74,6 %) hatte bereits vor der Fokusschwangerschaft (FS) erstmals GiP erlitten, 16,8 % während der FS zum ersten Mal. Die FS führte in diesen Fällen also zu Gewalt. Nach Bekanntwerden der FS verringerte sich bei 25,1 % die Gewalt, bei 45,6 % blieb sie gleich und bei 29,3 % trat sie häufiger auf. Unterschiede zeigen sich in verschiedenen Aspekten im Hinblick auf den Kontext der FS.

Signifikant sind die Unterschiede zwischen den Frauen mit bzw. ohne GiP hinsichtlich der Gewolltheit sowie dem Ausgang der FS. Anhand dieser Gruppenunterschiede ergibt sich eine fünffach höhere Wahrscheinlichkeit für eine uS als Folge von sexualisierter Gewalt (OR [Odds Ratio] = 5,6; 95 %-KI [Konfidenzintervall] = 4,3–7,1) und eine dreifach höhere Wahrscheinlichkeit für den SAB (OR = 3,039; 95 %-KI = 2,3–3,9). Obwohl 8 % der Frauen angaben, dass die FS das Resultat von erzwungenem Sex war, gab keine Frau einen SAB gemäß kriminologischer Indikation an.

Lebenslage

Die Lebenslage der Zielgruppen ist im Vergleich zur gesamten Studienpopulation als prekärer einzustufen.

Innerhalb der Gruppe der Frauen mit MIG zeigten sich signifikante soziodemografische Unterschiede – meist ohne große Effektstärke zwischen ihnen und Frauen ohne MIG sowie bei ihren Partnern. Der Fokus lag auf Bildungsabschlüssen, hauptsächlicher Tätigkeit vor der Schwangerschaft und Erwerbsumfang. Folglich beziehen Frauen mit MIG häufiger staatliche Transferleistungen.

Frauen mit GiP in der Schwangerschaft unterscheiden sich signifikant im Hinblick auf Bildungsabschluss, Erwerbssituation, Erwerbsumfang während der Schwangerschaft sowie Bezug staatlicher Transferleistungen während der Schwangerschaft. Ihre finanzielle Situation hätte sich mit einem weiteren Kind häufiger verschärft oder die Wohnsituation verschlechtert. Häufiger berichten sie von verschiedenen Formen von Kindheitstraumata sowie psychischen Problemen oder Diagnosen.

Eine prekäre Lebenslage ist meist nicht die Ursache, sondern die Folge von GiP [3]. Die große Mehrzahl aller Frauen befand sich in einer Paarbeziehung, gleichwohl war diese bei ihnen signifikant häufiger durch größere Instabilität gekennzeichnet Ihre Beziehung war öfter in einer starken Krise. Der Partner hatte eine zwiespältige Einstellung zur FS oder sie war Anlass für Streit und Stress. Die Frauen berichteten bei der Feststellung der FS signifikant seltener von positiven Gefühlen (Freude/Glücksgefühle; Zuversicht, dass alles gut wird) und stattdessen häufiger von negativen Gefühlen (Sorge vor den Reaktionen nahestehender Personen, Zukunftsängste, Sorgen wegen der Lebensumstände, Unsicherheit, Überforderung, Schuld, Scham, Selbstvorwürfe, Erschrecken, Verzweiflung, Stress, Genervtsein). Die Akzeptanz der FS war signifikant häufiger eingeschränkt.

Erfahrungen in der medizinischen Versorgung

Frauen mit MIG unterscheiden sich im Hinblick auf die Behandlung kaum von den Frauen ohne MIG. Allerdings benennen sie häufiger Unsicherheiten in der I nformationssuche zu einer uS. Sie wissen häufiger nicht, wo sie  suchen sollen oder die gefundenen Informationen verunsichern sie. Der Wunsch nach Geheimhaltung der uS ist größer, sodass viele Frauen mit MIG nicht ihre feste gynäkologische Praxis aufsuchen – oder erst gar keine feste Praxis haben.

Insgesamt finden sich Frauen mit MIG im Beratungs- und Versorgungssystem zurecht, allerdings besteht Bedarf an verständlichen, zum Teil muttersprachlichen Informationen über eine (ungewollte) Schwangerschaft. Häufiger wünschen sie sich Unterstützung bei uS und SAB.

Obwohl das Gespräch mit Fachärztin oder -arzt mehrheitlich als gut bewertet wird, belastet es jede dritte Frau und jede fünfte erhielt ungebeten Informationen, beispielsweise zur Familienplanung (Verhütung, Kinderwunsch). Seltener wurde den Frauen das Ultraschallbild ungefragt gezeigt.

Frauen mit MIG berichten im Vergleich zur gesamten Studienpopulation seltener von freundlicher, respektvoller und einfühlsamer Versorgung. Entscheidend für ihre Wahl der SAB-Einrichtung waren schnelle Terminvergabe, gute Erreichbarkeit und Anonymität. Bei den Frauen mit MIG wurde der Abbruch häufiger frühzeitig (bis zur siebten Schwangerschaftswoche) durchgeführt und ihnen entstand seltener Zeitdruck durch lange Entscheidungsfindung als Frauen ohne MIG.

Frauen mit GiP berichteten im Vergleich mit der Gesamtstudienpopulation häufiger von nicht gewahrter Privatsphäre bei der Schwangerschaftsfeststellung in der Praxis. Außerdem davon, dass ihre Meinung nicht respektiert wurde, die fachärztliche Begleitung zu wenig Zeit hatte und sie kein Vertrauen in diese fanden. Zudem erhielten sie häufiger ungebetene Informationen zur Geburt sowie zur möglichen Abgabe des Kindes, Adoption und vertraulicher Geburt. Die Behandlung durch das medizinische Personal beschreiben sie im Vergleich seltener als respektvoll, freundlich/einfühlsam, neutral/sachlich. Stattdessen wurde die Behandlung häufiger als unfreundlich empfunden und die Patientinnen wurden häufiger mit Vorwürfen konfrontiert und zum Austragen der FS angehalten.

Erschreckend hoch ist der Anteil an Frauen beider Gruppen mit stark belastenden Gefühlen wie Scham/Schuld,         Selbstvorwürfe, Verzweiflung oder Stress.

Entscheidungsfindung

Frauen mit GiP entschieden über den Ausgang der uS oft unter sehr hohem Zeitdruck, was häufig auf die späte Feststellung der uS und Wartezeiten auf einen Termin lag. Sie entschieden häufiger ohne den Partner zu informieren, berichten aber auch häufiger, dass der Partner die Entscheidung traf. Insgesamt waren ihre Entscheidungsmöglichkeiten stark eingeschränkt.

Die Entscheidungsfindung wurde bei den Vergleichsgruppen kaum durch die Beratung oder die Bedenkzeit beeinflusst.

Gesundheitliche Selbsteinschätzung

Frauen mit MIG schätzen im Vergleich zur Gesamtheit der Studienteilnehmerinnen sowohl ihre psychische als auch körperliche Gesundheit signifikant schlechter ein – dies zu allen drei erfragten Zeitpunkten (vor / während / drei Monate nach Ausgang der Schwangerschaft). Der psychische Zustand innerhalb der Gruppe mit MIG variierte nicht signifikant zwischen dem Zeitpunkt vor und nach der Schwangerschaft. Folglich besteht kein statistischer Zusammenhang zwischen einem SAB und einer schlechteren psychischen Gesundheit. Nach einem SAB ging es den Frauen mit MIG körperlich signifikant besser.

Frauen mit GiP bewerten ihre psychische Gesundheit schlechter als die Vergleichsgruppe. Ihre Gesundheit nach Abbruch/Austragen der uS verbessert sich jedoch deutlich stärker und nahm innerhalb dieser Gruppe den höchsten Wert im Vergleich der drei Zeitpunkte ein (▶ Abb. 4). Ein negativer Zusammenhang zwischen psychischer Gesundheit und einem SAB kann statistisch nicht belegt werden.

Fazit

Für Frauen mit MIG zeigten sich keine relevanten Unterschiede in Prävalenz und Erleben einer uS sowie eines SAB; dies weist auf eine Stichprobenverzerrung hin. In Beratung und Versorgung sind muttersprachliche Informationen und ein respektvoller Umgang wichtig, der dem Wunsch nach Geheimhaltung der uS entspricht. Eine paternalistische Beziehung, die Frauen mit MIG nicht als gleichwertig und selbstbestimmt wahrnimmt, ist zu vermeiden.

Frauen mit GiP haben ein deutlich erhöhtes Risiko für uS und SAB. Ihre sozialen und ökonomischen Lebenslagen sind prekärer; soziale Isolation verstärkt die Vulnerabilität dieser Frauen. Beratungsstellen haben für sie einen größeren Stellenwert. Ihre Entscheidungsmöglichkeiten sind stark eingeschränkt; Beratung und Versorgung müssen Entscheidungen ernst nehmen.

Im Vergleich zeigten sich größere Bedarfe an sensibler Unterstützung und Versorgung. Bei beiden Zielgruppen wird die Informationsbeschaffung häufiger durch die Angst beeinträchtigt, negativ beurteilt zu werden. Für die Frauen mit GiP zeichnet sich ein großes Dilemma ab. Bei Ihnen besteht ein erhöhter Bedarf durch:

  1. Hohes Risiko für uS und SAB
  2. soziale Isolation durch GiP
  3. Größere Bedeutung von Beratungsstellen sowie Beratung in der Gesundheitsversorgung

Gleichzeitig ist der offene Austausch erschwert durch:

  1. Gesellschaftliches Verschweigen von GiP
  2. Tabuisierung und Stigmatisierung von uS sowie SAB
  3. Idealisierung von Schwanger-schaft und Mutterschaft

Dieses Dilemma macht von GiP betroffene Frauen zu einer schwer erreichbaren Zielgruppe. Schuld, Scham, Angst vor dem gewalttätigen Partner und seiner Kontrolle, Isolation und das Verwehren medizinischer/psychosozialer Versorgung erschweren dies noch weiter.

Grundsätzlich ist eine Schwangerschaft eine Umbruchsituation und betroffene Frauen sind offener für sensible Ansprache. Die gesundheitliche Vorsorge bietet besondere Interventions- und Präventions chancen gemäß des S.I.G.N.A.L. Interventionsprogramms. Hierbei ist ein sensibles Ansprechen von Gewalt ohne Schuldzuweisung zu beachten. Die Frauen sollen gestärkt aus der Beratung hervorgehen. Die Voraussetzung hierfür sind eine Sensibilisierung und das Aneignen von Fachwissen. Die Istanbul-Konvention bietet hierfür die rechtliche Grundlage.

Gewalt ist kein Schicksal, sondern kann verhindert werden.
Etienne Krug, 2008

Interessenkonflikte:

Die Autorin erklärt, dass keine Interessenkonflikte im Sinne der Empfehlungen des International Committee of Medical  Journal Editors bestanden.

Korrespondenzadresse:

Prof. Dr. Petra J. Brzank, Dipl. Soz, MPH
Hochschule Nordhausen Weinberghof 4, 99734 Nordhausen
petra.brzank@hs-nordhausen.de

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Slide Versorgungsbedarfe von ungewollt Schwangeren in vulnerablen Lebenslagen Gyne 06/2025

Gyne 05/2025 – Beitrag der Hebamme zur Versorgungsqualität bei Schwangerschaftsabbrüchen

  • 30. November 2025
  • Gyne

Gyne 05/2025

Beitrag der Hebamme zur Versorgungsqualität bei Schwangerschaftsabbrüchen

Autorin:

A. Köbke

Einleitung

Die direkte Verbindung von Hebammen und Schwangerschaftsabbrüchen ist oft nicht ersichtlich, da meist Ärztinnen und Ärzte eingebunden sind. In der Praxis ist das Thema aber unter anderem durch die medizinisch indizierten späten Schwangerschaftsabbrüche im klinischen Setting präsent. Beruflich ist die Autorin dieses Beitrags mit dem Thema Schwangerschaftsabbruch bereits in ihrer Ausbildung 1991 konfrontiert worden. Damals wie heute sind Handlungsanweisungen wünschenswert, die Sicherheit bieten – basierend auf einem gesellschaftlichen Konsens, auf den sich alle Gesundheitsberufe stützen können.

Bis heute stehen wir vor der Frage, wie das Recht auf und die medizinische Versorgung von Schwangerschaftsabbrüchen aussehen können. Im Folgenden soll auf die gegenwärtige und zukünftig mögliche Rolle von Hebammen und Geburtshelfern eingegangen werden. Auch internationale Forderungen sowie die jeweiligen Positionen der Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization, WHO), des internationalen Hebammenverbands (International Council of Midwives, ICM) und des Deutschen Hebammenverbands e. V. (DHV) werden dabei mit einbezogen.

Die stärkere Einbindung von Hebammen in die Versorgung rund um Schwangerschaftsabbrüche ist nicht nur eine Erweiterung der Versorgungskompetenz, sondern auch eine Antwort auf zunehmende Herausforderungen im Gesundheitssystem, wie den Mangel an ärztlichem Personal und die Sicherstellung einer flächendeckenden Versorgung. Auch die Qualität und Effizienz der Betreuung von Patientinnen können verbessert werden.

Juristische Grundlagen [1]

Ein Schwangerschaftsabbruch ist in Deutschland für alle Beteiligten straffrei, wenn er nach der Beratungsregelung erfolgt (§ 218a Absatz 1 Strafgesetzbuch (StGB)) oder wenn es einen medizinischen oder kriminologischen Grund für den Abbruch gibt (§ 218a Absatz 2 und 3 StGB).

Bei einem Abbruch nach der Beratungsregelung müssen folgende Voraussetzungen erfüllt sein:

  • Die Schwangere, die den Ein-griff verlangt, muss sich mindestens drei Tage vor dem Eingriff in einer staatlich anerkannten Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle beraten lassen.
  • Sie hat der Ärztin oder dem Arzt, die oder der den Eingriff vornehmen soll, eine Beratungsbescheinigung über das stattgefundene Beratungsgespräch vorzulegen.
  • Eine Ärztin oder ein Arzt muss den Schwangerschaftsabbruch innerhalb von zwölf Wochen p. c. vornehmen. Es darf sich dabei nicht um dieselbe Person handeln, die das Beratungs gespräch geführt hat.
  • Ein medizinischer Grund für einen Schwangerschafts abbruch liegt vor, wenn für die Schwangere Lebensgefahr oder die Gefahr einer schwerwiegenden Beeinträchtigung des körperlichen oder seelischen Gesundheitszustandes besteht (= sogenannte medizinische Indikation). In diesem Fall bleibt ein Abbruch auch nach der 14. Schwangerschaftswoche straffrei.

Ausgangslage: Versorgungslücken, Zugang und rechtlicher Rahmen

Die Versorgung rund um den Schwangerschaftsabbruch sollte für alle Frauen wohnortnah, barrierearm und qualitativ hochwertig zugänglich sein. Im deutschen Gesundheitssystem erschweren jedoch gesetzliche Beschränkungen und die Einbindung von Schwangerschaftsabbrüchen ins Strafgesetzbuch (§ 218 StGB) einen diskriminierungsfreien Zugang und ein diskriminierungsfreies  Angebot.

Der Schwangerschaftsabbruch ist als einzige medizinische Versorgungsleistung im Strafgesetzbuch geregelt, damit ist er kein selbstverständlicher Teil einer medizinischen Versorgungsleistung. Weder bis zur zwölften Schwangerschaftswoche (SSW) p. c., noch darüber hinaus, wenn im Rahmen der Pränataldiagnostik Befunde zu der Entscheidung einer Schwangerschaftsbeendigung führen.

Hebammen und Schwangerschaftsabbruch

Hebammen sind ausgebildete Expertinnen und von Familienplanung über Schwangerschaft und Geburt bis in das Wochenbett hinein involviert (▶ Abb. 1). Sie sind vertraute Ansprechpersonen für Frauen in allen Bereichen der reproduktiven Gesundheit, sind niedrigschwellig und aufsuchend tätig. Sie bringen umfangreiche Kenntnisse in Beratung, Begleitung, Wochenbettbetreuung und psychosozialer Unterstützung mit. Die Nähe zu den betreuten Familien sowie ein hoher Vertrauensvorschuss machen Hebammen zum prädestinierten      medizinischen Fachberuf in der Versorgung bei Schwangerschaftsabbrüchen.

Abb. 1: Einsatzorte der Hebamme im Betreuungsbogen. Darstellung der außerklinischen und klinischen Settings sowie der jeweiligen Aufgabenbereiche der Hebamme in den verschiedenen Phasen der Betreuung. © Deutscher Hebammenverband

 

Rolle der Hebamme in der  Gesundheitsversorgung und beim Schwangerschaftsabbruch nach WHO

Hebammen sind nach WHO-Verständnis tragende Säulen für eine evidenzbasierte, frauenorientierte Gesundheitsversorgung – inklusive der Begleitung beim Schwangerschaftsabbruch. In der „Abortion Care Guideline“ [2] von 2022 fordert die WHO explizit ein, dass Hebammen – sofern anhand entsprechender nationaler Gesetze geschult und autorisiert – eine Kernrolle bei der sicheren Versorgung rund um den Schwangerschaftsabbruch einnehmen sollen. Die WHO betrachtet sichere Schwangerschaftsabbrüche als grundlegenden Bereich der reproduktiven Gesundheitsversorgung.

Entsprechend der WHO-Richtlinien sollen Hebammen medizinische Abbrüche im ersten Trimester (Medikamentengabe) und ggf. instrumentelle Verfahren eigenständig durchführen können. In Frankreich ist dies bereits tägliche Praxis. Studien zeigen, dass der Schwangerschaftsabbruch sicher und effektiv ist, wenn Hebammen fundiert geschult sind. Die WHO fordert deshalb, Hebammen ausreichend auszubilden und zu befähigen, sämtliche Aufgaben im Kontext des Schwangerschaftsabbruchs kompetent und ohne Angst vor Diskriminierung oder Kriminalisierung auszuüben. Sie werden als wichtige Ansprechpartnerinnen und Schnittstelle im Gesundheitssystem betrachtet, um Patientinnen Rechte und Versorgungsoptionen verständlich zu erklären und deren Entscheidungsautonomie zu fördern. Konkret empfiehlt die WHO, Hebammen aktiv einzubinden und die Zusammenarbeit zu stärken.

Rolle der Hebamme beim Schwangerschaftsabbruch nach ICM

Der ICM hat aktuell ein überarbeitetes Positionspapier zur Rolle der Hebamme beim Schwangerschaftsabbruch herausgebracht. Er definiert die Rolle der Hebamme als zentralen Bestandteil einer umfassenden und sicheren Versorgung im Bereich der sexuellen und reproduktiven Gesundheit. Hebammen sollen in alle Phasen des Schwangerschaftsabbruchs eingebunden sein, um eine evidenzbasierte, menschenrechtsorientierte Versorgung zu erbringen und zu gewährleisten (▶ Infobox. 1).

Infobox 1: Zentrale Aufgaben und Kompetenzen der Hebammen im Kontext des Schwangerschaftsabbruchs nach ICM:

–            Beratung und Informationsvermittlung: Hebammen informieren über Behandlungsmethoden und deren Risiken und unterstützen bei der Entscheidungsfindung

–            Durchführung von medikamentösen und instrumentellen Abbrüchen im Rahmen ihrer fachlichen Kompetenzen und der jeweiligen gesetzlichen Vorgaben

–            Betreuung nach dem Abbruch: Versorgung bei Komplikationen, Beratung zur Empfängnisverhütung und psychosoziale Unterstützung

–            Ermöglichung und Begleitung von Selbstmanagement-Ansätzen, etwa beim medikamentösen Schwangerschaftsabbruch oder selbstbestimmter Empfängnisverhütung

Darüber hinaus betont der ICM das Recht von Hebammen, Schwangerschaftsabbrüche zu begleiten und     durchzuführen, ohne Angst vor Diskriminierung, Bedrohung oder strafrechtlicher Verfolgung. Diesen Vorgaben entsprechende Schutzregelungen durch Arbeitgeber, Gesundheits- und Rechtssysteme sind laut ICM unabdingbar, um die fachgerechte Versorgung zu gewährleisten.

Schwangerschaftsabbrüche mit Beratungsregelung nach § 218 bis zur zwölften SSW p. c.

Der Deutsche Hebammenverband und internationale Leitlinien (z. B. WHO, ICM) sprechen sich zunehmend dafür aus, dass Hebammen – im Sinne einer verbesserten Versorgungslage und Entkriminalisierung – künftig auch medikamentöse Schwangerschaftsabbrüche in der Frühschwangerschaft durchführen dürfen. Voraussetzung dafür wären eine Anpassung der rechtlichen und berufsrechtlichen Rahmen bedingungen sowie eine entsprechende Erweiterung der Aus- und Weiterbildung.

In Ländern wie Nepal, Schweden, Frankreich und Südafrika [3] ist es Hebammen erlaubt, medikamentöse Schwangerschaftsabbrüche selbstständig von der Beratungsleistung bis zur Verordnung und der Ausgabe entsprechender Medikamente durchzuführen. Nach der Anpassung der „Differenzierten strukturellen Anforderungen“ [4] für Einrichtungen, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen bestehen geringe organisatorische Hürden für die Durchführung eines medikamentösen Schwangerschaftsabbruch in Deutschland [4]. Es wären eine Anpassung des Beruferechts und eine entsprechende Wissens- und Kompetenzvermittlung im Studium notwendig, um Hebammen effektiv in diese Versorgung einzubinden. Analog zu Frankreich ist eine Ausbildung zur Ausführung von instrumentellen Abbrüchen denkbar.

Schwangerschaftsabbrüche nach medizinischer Indikation nach zwölfter SSW p. c.

Im Falle der Begleitung medizinisch induzierter Abbrüche sind Hebammen in der ambulanten und stationären Versorgung in großen Pränatalzentren bereits eingebunden und nehmen eine wichtige Schnittstelle ein. Die Tätigkeitsfelder auf Pränatalstationen und in Pränatalambulanzen sind automatisch mit Schwangerschaftsabbrüchen verwoben. Schwangere kommen hierher zur generellen Pränataldiagnostik, zur Abklärung auffälliger Befunde oder aufgrund von Schwangerschaftsabbrüchen aus medizinischer Indikation. Folgende Aufgabenbereiche werden bereits von Hebammen wahrgenommen und/oder sind denkbar (▶ Tab. 1).

Tab. 1: Aufgabenbereiche, die im Kontext des Schwangerschaftsabbruchs auf Pränatalstationen und in Pränatal ambulanzen bereits von Hebammen wahrgenommen werden und/oder denkbar sind.

Mögliche Aufgabenbereiche von  Hebammen bei Schwangerschaftsabbrüchen mit medizinischer Indikation

  • Anamnese
  • Übergabe und Besprechung ärztlicher Dienst
  • Abklärung und Assistenz bei der
  • Klärung von akuten Beschwerden
  • Interdisziplinäre Entwicklung eines Therapieplans
  • begleitende psychosoziale Unterstützung
  • Durchführung oder Assistenz bei Ultraschalluntersuchungen
  • Teilnahme an der Ethikkommission
  • Unterstützung der Angehörigen
  • Assistenz beim Fetozid
  • Betreuung und Begleitung der Geburt
  • Begleitung und Assistenz im OP

Die dauerhafte Anwesenheit der Hebamme auf Pränatalstationen macht sie zu einer zentralen Ansprechpartnerin und Schnittstelle zwischen Patientin und ärztlichem Dienst. Der Mangel an ärztlichem Personal verstärkt die Notwendigkeit, die Kompetenzen der Hebammen für die stationäre Versorgung zu nutzen und zu erweitern. Im Rahmen der Vollakademisierung ist eine Spezialisierung auf Pränatalberatung, traumasensible Begleitung oder Ultraschalldiagnostik im Rahmen von Masterstudiengängen für Hebammen naheliegend und perspektivisch sehr wünschenswert.

Rolle der Hebamme bei  auffälligen Befunden in der Pränataldiagnostik und späten Schwangerschaftsabbrüchen

Pränataldiagnostik ist für viele Schwangere heute fester Bestandteil der Schwangerschaftsvorsorge und wird von den meisten Paaren selbstverständlich angenommen. Zum Teil ist den Betroffenen der Unterschied zwischen Vorsorgeleistungen und Pränataldiagnostik nicht bewusst [5]. Ein auffälliger pränataldiagnostischer Befund stellt die Betroffenen oft vor existenzielle Entscheidungen, insbesondere wenn ein medizinisch indizierter Schwangerschaftsabbruch erwogen werden muss. Gerade in dieser hochsensiblen Phase sind  eine umfassende Begleitung und professionelle Beratung essenziell – hier nimmt die Hebamme eine spezifische und absolut unverzichtbare Rolle ein.

Hebammen sind bereits heute in Pränatalambulanzen und geburtshilflichen Einrichtungen aktiv an der Beratung und Betreuung im Kontext auffälliger Ergebnisse der Pränataldiagnostik beteiligt. Ihre Aufgabe umfasst nicht nur die verständliche Aufklärung über Möglichkeiten, Grenzen und Konsequenzen pränataldiagnostischer Verfahren, sondern auch die psychosoziale Unterstützung während der Entscheidungsfindung und im weiteren Verlauf. Falls gewünscht oder notwendig, übernehmen sie zudem die Begleitung und Assistenz beim medikamentösen oder instrumentellen Spätabbruch.

Unklare Versorgungspfade

Die besonderen Herausforderungen beginnen für viele Schwangere und ihre medizinische Betreuung bei einem auffälligen Befund, ohne dass für die weitere Versorgung ein strukturierter Behandlungspfad existiert. Es ist nach wie vor keine Selbstverständlichkeit, dass die Institutionen, die pränatale Diagnostik anbieten, auch eine weiterführende medizinische Versorgung gewährleisten oder vermitteln. Schwangere, bei denen ein auffälliger Befund festgestellt wird und die sich auf dieser Grundlage für einen Abbruch entscheiden, werden häufig mit der Organisation ihrer weiteren Versorgung – der Suche nach einem geeigneten Zentrum für einen späten Schwangerschaftsabbruch – alleingelassen.

Gerade für diese Frauen und Paare stellt dies eine erhebliche zusätzliche psychische Belastung dar, zusätzlich zu der ohnehin krisenhaften Situation. Für Hebammen bedeutet diese Versorgungsrealität, dass sie die Frauen zwar fachlich kompetent beraten, begleiten und beim Schwangerschaftsabbruch unterstützen, jedoch vielfach zwischen den Schnittstellen verloren gehen.

Ohne geregelte Versorgungspfade bleibt auch für sie die Betreuung fragmentiert. Gleichzeitig ist der professionelle Umgang mit späten

Schwangerschaftsabbrüchen hochbelastend – emotional wie ethisch. Hebammen können hier essenziell sein, indem sie medizinisch-assistierend tätig sind. Darüber hinaus sorgen sie durch kontinuierliche, psychosoziale Präsenz für Stabilität, Orientierung und Entlastung.

Forderung

Um die Lücken zwischen Pränataldiagnostik und Versorgung von Schwangeren nach auffälligen Befunden zu schließen, muss eine rechtsverbindliche Vorgabe existieren, die alle Einrichtungen, die Pränataldiagnostik anbieten, verpflichtet, Versorgungspfade für Frauen mit auffälligen Befunden sicherzustellen – inklusive einer strukturierten Überleitung in geeignete Zentren für Schwangerschaftsabbrüche im Falle einer entsprechenden Entscheidung der Frau. Nur so kann gewährleistet werden, dass betroffene Schwangere nahtlos psychosozial, medizinisch, ärztlich und hebammenfachlich begleitet werden – ohne dass sie in einer Ausnahmesituation  allein nach passenden Versorgungsstrukturen suchen müssen.

Die Hebamme als Expertin der reproduktiven Gesundheit

Hebammen sind vertraute Ansprechpersonen für Frauen in allen Phasen der reproduktiven Gesundheit. Sie bringen umfangreiche Kenntnisse in Beratung, Begleitung, Wochenbettbetreuung und psychosozialer Unterstützung mit. Die Nähe zu den betreuten Familien sowie ein hoher Vertrauensvorschuss machen Hebammen zu zentralen Akteurinnen, auch in der Versorgung bei Schwangerschaftsabbrüchen.

Hebammen können – entsprechende Weiterbildung vorausgesetzt – sicher sowohl medikamentöse als auch chirurgische Schwangerschaftsabbrüche begleiten und durchführen. Internationale Studiendaten und Leitlinien bestätigen die Sicherheit und Akzeptanz dieser Versorgung durch Hebammen, solange eine adäquate Notfallversorgung s ichergestellt ist. Eine vertrauensvolle, interprofessionelle Zusammenarbeit zwischen Ärzteschaft und Hebammen ist selbstverständlich die Grundvoraussetzung dafür.

Voraussetzungen und Perspektiven für Deutschland

Für eine Erweiterung der Hebammenrolle sind folgende Schritte unerlässlich:

  • Änderung des Hebammen -gesetzes, der Berufsordnungen und Klärung der Vergütungs fragen
  • Anpassung der Ausbildungs- und Weiterbildungsinhalte an neue Aufgabenfelder
  • Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs und Entfernung der Versorgung aus dem Strafgesetzbuch
  • Aufbau von Netzwerken und interprofessionellen Kooperationsstrukturen
  • Etablierung von Qualitätsstan-dards und klaren Handlungspfaden für die Zusammenarbeit aller beteiligten Berufsgruppen

Empfehlungen an Politik, Berufsverbände und die Praxis

Analog zu den Forderungen des ICM lassen sich diese wie folgt auf Deutschland übertragen:

Auf politischer Ebene: Entkriminalisierung des Schwangerschafts abbruchs, Schutz der Hebammen sowie rechtlicher Rahmen für deren Tätigkeit im gesamten Spektrum der Abbruchversorgung, Änderung des Berufegesetzes.

Auf berufspolitischer Ebene: Einsatz für die Erweiterung der Hebammenaufgaben im Betreuungsbogen, Einsatz für eine Anpassung der Studieninhalte, Forderung für umfangreiche praktische Ausbildungsangebote, Unterstützung der Kolleginnen und Förderung der interprofessionellen Zusammenarbeit.

Auf praktischer Ebene: Förderung von interprofessioneller Zusammenarbeit und Netzwerken sowie Sicherstellung einer individuellen, informierten und würdevollen Betreuung der Schwangeren, Festschreibung von regionalen Versorgungsangeboten und Versorgungspfaden.

Fazit

Die Integration von Hebammen in die Versorgung beim Schwangerschaftsabbruch ist eine logische Konsequenz aus internationalen Erkenntnissen von WHO und ICM, den gestiegenen Versorgungsansprüchen und dem demografischen Wandel. Hebammen bieten wohnortnahe, niedrigschwellige und ganzheitliche Unterstützung, die Versorgungslücken schließt und die Rechte sowie das Wohlergehen der Frauen stärken kann. Entkriminalisierung, gesetzliche Rahmenbedingungen und verantwortungsvolle Kooperation zwischen Ärzteschaft und Hebammen sind dafür Voraussetzung.

Literatur:

  1. Schwangerschaftsabbruch (Abtreibung). BMBFSFJ. (https://www. bmfsfj.de). Zugegriffen: 15.09.2025
  2. Abortion care guideline. Geneva: World Health Organization; 2022. Licence: CC BY-NC-SA 3.0 IGO. (https://www.who.int/publications/ i/item/9789240039483). Zugegriffen: 20.07.2025
  3. Fullerton J, Butler MM, Aman C, Reid T, Dowler M. Abortion-related care and the role of the midwife: a global perspective. Int J Womens Health 2018; 10: 751–762
  4. Differenzierte Anforderungen an Einrichtungen, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen. Gemeinsamer Bundesausschuss. (https://www.g-ba.de/service/fachnews/206/)
  5. Mertens C. Der Informiertheitsgrad schwangerer Frauen im Vorfeld von Pränataldiagnostik am Beispiel des Bonner Modellprojektes „Psychosoziale Beratung im Kontext von Pränataldiagnostik“. Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn: 2009

 

Interessenskonflikte:

Die Autorin erklärt, dass sie Mitglied im Präsidium des Deutschen Hebammenvereins e. V. ist.

Korrespondenzadresse:

Andrea Köbke
Beirätin für den Angestelltenbereich
Mitglied im Präsidium Deutscher Hebammenverband e. V.
Lietzenburger Straße 53, 10719 Berlin
01523 1914096
koebke@hebammenverband.de

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Slide Beitrag der Hebamme zur Versorgungsqualität bei Schwangerschaftsabbrüchen Gyne 05/2025

Gyne 04/2025 – Statement zur Gewaltdebatte in der Geburtshilfe – Zwischen Nocebo und neuem Vertrauen

  • 30. November 2025
  • Gyne

Gyne 04/2025

Statement zur Gewaltdebatte in der Geburtshilfe – Zwischen Nocebo und neuem Vertrauen

Autor:

W. Lütje

Einleitung

Etwa 10–15 % der Mütter, also in Deutschland jährlich etwa 100.000, erleiden eine peripartale psychische Erkrankung. Zu diesen peripartalen psychischen Erkrankungsbildern ge- hören peripartale Depression, Angst-, Zwangsstörung und Psychose.

Formen und Symptome peripartaler psychischer Erkrankungen

Vielen Müttern werden die Anzei- chen des Babyblues vermittelt. Die- ses postpartale Stimmungstief tritt in den ersten 10–14 Tagen nach der Entbindung auf und sollte über die- sen Zeitraum nicht hinausgehen. 50–80 % aller Mütter leiden darun- ter. Typische Anzeichen sind:

  • Empfindsamkeit und Stim- mungsschwankungen
  • Traurigkeit und häufiges Wei- nen
  • Müdigkeit und Erschöpfung
  • Schlaf- und Ruhelosigkeit
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Ängstlichkeit und Reizbarkeit

Das postpartale Stimmungstief kann durch pflanzliche und ho- möopathische Medikamente und durch Fürsorge gelindert werden, bedarf aber nicht unbedingt einer Behandlung.

Dass es aber auch in der Schwan- gerschaft und sehr häufig nach der Geburt zu Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen kommen kann, die dringend einer Behand- lung bedürfen, ist den meisten Müttern nicht bewusst. Diese Krankheitsbilder können jederzeit in der Schwangerschaft oder im Laufe des ersten Jahres nach der Entbindung auftreten und mehre- re Wochen bis einige Monate an- dauern – sich ohne Behandlung so- gar chronifizieren. Da das Stillen depressionshemmend wirkt, kön- nen die Symptome hinausgezögert werden und erst mit dem Abstillen auftreten. Meistens hat der Krank- heitsverlauf eine schleichende Ent- wicklung und die ersten Anzeichen werden häufig nicht erkannt, da sie denen des Babyblues ähneln.

Zu den möglichen Symptomen des Babyblues kommen bei einer post- partalen Erkrankung Symptome hinzu. So etwa:

  • Schuldgefühle
  • inneres Leeregefühl, allgemeines Desinteresse, sexuelle Unlust
  • zwiespältige Gefühle dem Kind gegenüber
  • Konzentrations-, Appetit-,Schlafstörungen
  • Schwindel, Herzbeschwerden, andere psychosomatische Beschwerden
  • Ängste, extreme Reizbarkeit, Panikattacken, Zwangsgedanken
  • Suizid-, Infantizidgedanken

Die schwerwiegendste Reaktionsform ist die postpartale Psychose, auch Wochenbettpsychose. Sie tritt vorwiegend in den ersten zwei Wochen nach der Entbindung auf. Etwa 1–3 ‰ aller Mütter erleiden eine Psychose. Typische Symptome sind:

  • starke Antriebssteigerung, mo- torische Unruhe
  • Antriebs-, Bewegungs- und Teil- nahmslosigkeit
  • Verworrenheit, Wahnvorstellun- gen, Halluzinationen

Die Psychose bedarf unbedingt ei- ner stationären Behandlung, die vorübergehende Trennung von Mutter und Kind ist leider meist nicht zu vermeiden.

Ursachen und Risikofaktoren

Die Ursachen für alle peripartalen psychischen Reaktionsformen sind vielfältig. Meistens führt nicht nur ein Auslöser, sondern das Zusammentreffen verschiedener Risikofaktoren zu einer peripartalen Überlastungsreaktion.

Begleitende Auslöser auf körperlicher Ebene können mangelnder Schlaf, Hormonumstellung, Mutter- tät und körperliche Erkrankungen wie z. B. Schilddrüsendysfunktion und Stoffwechselstörungen oder psychische Vorerkrankung sein.

Maßgeblich ist auch der Verlauf von Schwangerschaft, Entbindung und Wochenbett. Wird eine dieser Phasen von der Mutter als belastend erlebt, kann dies ein Auslösefaktor sein. So sind Schwierigkeiten vor der Schwangerschaft, wie vorhergehende Fehlgeburt, langes Warten auf ein Wunschkind oder künstliche Befruchtung, genauso Risikofaktoren wie Schwierigkeiten in der Schwangerschaft, zum Bei- spiel in Form einer ungeplanten oder aufgrund vorzeitiger Wehen angstbeladenen Schwangerschaft.

Häufige Risikofaktoren bei der Entbindung sind eine frühzeitige oder langwierige Entbindung, ungewollter Kaiserschnitt, unsensible Behandlung oder Gewalt unter der Geburt oder eine anderweitig traumatische Entbindung. Auch die Verfassung des Kindes spielt eine Rolle. Eine Früh- oder gar Totgeburt, ein Schreibaby, Stillprobleme oder ungewolltes Abstillen belasten die Mutter enorm und führen zu Versagensgefühlen, die in eine Depression münden können.

Zudem sollte grundsätzlich bedacht werden, dass die Geburt eines Kindes eine gewaltige Umstellung für die Eltern bedeute. Diese Veränderungen müssen nicht nur physisch, sondern auch psychisch bewältigt werden: Abschied von der Schwangerschaft und der da- mit verbundenen Fürsorge, Ab- schied von der eigenen Kindheit,

Verlust der Freiheit und Selbstbestimmung, Abschied vom eigenbestimmten, strukturierten Berufsleben. Mitunter kommen noch andere belastende Umstände wie Tod oder Trennung von einem geliebten Menschen, Ortswechsel, finanzielle oder familiäre Probleme oder Probleme in der Partnerschaft dazu.

Auch die Beziehungen zu Partner oder Partnerin, zur eigenen Mut- ter, zu befreundeten Personen und zu Kolleginnen und Kollegen ändern sich. Und die auffangende Großfamilie gibt es nur noch sehr selten. Außerdem können traumatische Erlebnisse in der Kindheit wie früher Verlust der Eltern, Gewalterfahrung, Missbrauch oder das eigene schwierige Geburtserlebnis durch die Schwangerschaft und Geburt reaktiviert werden.

Ein zusätzlicher Auslösefaktor ist das in Werbung, Literatur und Me- dien völlig idealisierte Mutterbild . Dem Traumbild der allzeit lächeln- den, glücklichen, gepflegten Mut- ter können die Mütter nicht entsprechen. Sie leiden unter Versagensgefühlen und wagen nicht, über ihre wahren Gefühle zu reden und sich Hilfe zu holen. Stattdessen versuchen sie so lange wie möglich dem Bild der perfekten Mutter zu entsprechen, weshalb man im englischen Sprachgebrauch auch von „Smiling Depression“ spricht.

Das Wochenbett ist also eine hoch- sensible Zeit der Umstellung, in der die Mutter einen geschützten Rahmen benötigt. Sie sollte in dieser Zeit von allen weiteren Aufgaben entlastet und selbst bemuttert werden und die Möglichkeit zu ausreichend Schlaf erhalten.

Behandlungsansätze und Unterstützungsangebote

Die Möglichkeiten der Behandlung richten sich nach der Krankheitsform und deren Schwere. Bei einer leichten Erkrankungsform können schon Unterstützungsangebote wie Mütterpflegerinnen, Doulas, Familienhebammen, Frühe Hilfen etc. sowie begleitende Gespräche durch Schwangerschafts- oder psychosoziale Beratungsstellen helfen; meist reicht das aber nicht aus.

Dann sollte eine medikamentöse Begleittherapie durch den Facharzt oder die Fachärztin erfolgen. Es gibt schwangerschafts- und stillverträgliche Medikamente, zu denen sich behandelnde Fachpersonen über Internetportale (https://www. embryotox.de/ und https://repro tox.org/) oder entsprechender Fachliteratur (z. B. Rohde A, Schaefer C et al. Mutter werden mit psychischer Erkrankung: Von Kinderwunsch bis Elternschaft. Kohlhammer, 2023) informieren können.

Da viele betroffene Mütter unter permanenter Anspannung leben, haben sich Körpertherapien als große Hilfen erwiesen. Darüber hinaus ist aber vor allem eine Psychotherapie wichtig, um die Ursachen der peripartalen psychischen Erkrankung herauszufinden und auf- zuarbeiten. Dabei sind je nach Ursache der Erkrankungen verschiedenste Therapieformen hilfreich; häufig ist aber aufgrund einer als traumatisch erlebten Geburt eine Traumatherapie sehr sinnvoll. Bei schwererer Erkrankung können ambulante psychiatrische Pflege oder stationsäquivalente Behandlung (STÄB) helfen.

Die Behandlung einer sehr schweren postpartalen Depression mit Suizidgedanken oder einer postpartalen Psychose sollte stationär in einer psychiatrischen Fachklinik mit einer reinen Mutter-Kind-Station und gezielten Therapieangeboten, einschließlich einer Mutter-Kind-Interaktionstherapie, erfolgen. Solche Einrichtungen sind aber leider in Deutschland längst nicht ausreichend vorhanden, so dass es häufig zu einer Trennung von Mutter und Baby und damit einer Störung der beiderseitigen Bindung kommt.

Selbsthilfe und Aufklärung

In vielen Fällen kann Selbsthilfe und damit die bundesweite Selbsthilfe-Organisation „Schatten & Licht e. V. – Initiative peripartale psychische Erkrankungen“ helfen. Dieser gemeinnützige Verein wurde 1996 von betroffenen Frauen gegründet, wird mittlerweile etwa hälftig von Betroffenen und Fachpersonen getragen, verfügt über einen wissenschaftlichen Beirat und ist dem weltweiten Netzwerk PSI-Postpartum Support International (USA) und diversen medizinischen Fachgesellschaften, so auch der DGPFG, angeschlossen.

Da das Problemfeld der peripartalen psychischen Erkrankungen in Deutschland stark vernachlässigt wird, finden betroffene Mütter und ihre Familien keine oder nur unzureichende Hilfe. Dies zu ändern, ist Ziel des Vereins.

Hilfsangebote für betroffene Mütter und Angehörige

Als initiale Unterstützung können kostenfrei Plakate und Flyer vom Verein bezogen werden (▶ Abb. 1), auf denen die betroffenen Frauen erste Erläuterungen zum Krankheitsbild, den Selbsteinschätzungstest EPDS (Edinburgh Postnatal Depression Scale), Angebote zu Informationsmaterial und Kontaktdaten zu Geschäftsstelle, telefonischer Beratung und Website finden können.

Abb. 1: Infobroschüre des Schatten & Licht e. V. für von peripartalen psychischen Erkrankungen betroffene Personen.

Eine ebenfalls kostenfrei beim Ver- ein zu bestellende 48-seitige Bro- schüre erläutert Krankheitsbilder und Ursachen, gibt einen Überblick über die verschiedenen Hilfsmög- lichkeiten, beinhaltet Tipps für An- gehörige und Prävention und stellt mehrere Erfahrungsberichte be- troffener Mütter zur Verfügung, in deren Schilderungen sich die Lese- rinnen wiederfinden können. Ganz niedrigschwellig bietet der Verein eine Kontaktliste mit ehemals betroffenen Frauen an, die bereit sind, sich mit erkrankten Müttern auszutauschen, um diesen mit ihren eigenen Erfahrungen zu hel- fen. Damit ist ein flächendeckendes Hilfsnetz von ehemals betroffenen Frauen geschaffen, so dass die akut erkrankten Mütter sich nicht mehr isoliert fühlen müssen.

Eine Angehörigenliste, in die sich Ehepartner, Geschwister, Mütter und Väter von Betroffenen haben aufnehmen lassen, gibt Angehöri- gen geeignete Gesprächspartner an die Hand. Außerdem gibt es ei- ne Angehörigen-Beratung, kosten- freie Online-Angehörigen-Info- abende und eine Online-Väter- gruppe.

Selbsthilfegruppen und Beratung

Über 100 ehrenamtliche Beraterinnen und Berater, die vom Verein geschult und laufend fortgebildet werden, bieten kostenfreie Telefonberatung und teilweise auch Besuchsdienste an. Außerdem organisieren sie regionale Selbsthilfe- gruppen in Präsenz und online. Da- rüber hinaus bietet der Verein Online-Selbsthilfegruppen zu diversen Schwerpunkten an. Themen sind unter anderem Schwangerschaftsängste und -depressionen, postpartale Depression, postpartale Angst- und Zwangsstörung, postpartale Psychose, traumatische Geburt, Sternenkind-Eltern, Borderline-Mütter sowie selbst von postpartalen Depressionen betroffene Väter. Auch eine englischsprachige Online-Selbsthilfegruppe steht zur Verfügung.

In den Gruppen werden persönliche und therapeutische Erfahrungen sowie Informationen und Tipps ausgetauscht. Vor allem aber ist das Gespräch mit anderen betroffenen Müttern und Vätern, die aufgrund ihrer eigenen Erfahrung entsprechend glaubwürdig und hilfreich sind, sehr entlastend. Die Betroffenen fühlen sich nicht mehr so allein mit ihrer Erkrankung. Auch können in diesem Rahmen Zwangs- und Suizidgedanken leichter erstmals geäußert und Ängste vor Jugendamt, Fachärzten und Medikamenten abgebaut werden.

Informationsmaterial und Öffentlichkeitsarbeit

Um gute professionelle Anlaufstellen zu vermitteln, führt der Verein eine Fachleuteliste, in der zurzeit 2.150 Fachpersonen verschiedenster Berufsgruppen aufgeführt sind. Darunter finden sich neben Heilpraktik, Sozialpädagogik, Gynäkologie und Psychiatrie vor allem Fachpersonen aus der ärztlichen und psychologischen Psychotherapie, die sich auf die Behandlung von Müttern mit psychischen Krisen rund um die Geburt spezialisiert haben.

Darüber hinaus stellt der Verein ausführliche Informationen zur räumlichen, personellen und therapeutischen Ausstattung der über 60 Mutter-Kind-Einheiten an den psychiatrischen Kliniken in Deutschland zusammen, an denen die postpartal erkrankten Mütter mit ihren Kindern aufgenommen werden können.

Eine vom Verein geführte Literaturliste umfasst Bücher zu peripartalen Erkrankungen, Psychiatrie und Psychologie, Medikamenten in Schwangerschaft und Stillzeit, Therapieformen für Kinder psychisch kranker Eltern und sonstige hilfreiche Literatur.

Tipps für Angehörige zum Umgang mit den erkrankten Müttern hel- fen, die familiäre Situation zu er- leichtern. Informationsmaterial zur Prävention lindert die Angst vor ei- ner erneuten Schwangerschaft.

ie sehr gut besuchte zweisprachige (deutsch und englisch) Website https://www.schatten-und-licht.de/ vermittelt zahlreiche Informationen zu Krankheitsbildern, Ursachen, Hilfsangeboten, Medikamenten, Therapieformen, Mutter-Kind-Einrichtungen und Prophylaxe sowie Listen zu Beratungsmöglichkeiten, Selbsthilfegruppen und Fachpersonen. Fragebögen zur Selbsteinschätzung, Literatur-, Film- und Podcast-Listen, hilfreiche Links, Er- fahrungsberichte und ein betreutes Forum runden das Angebot ab. Für viele Betroffene ist dieser anonyme Erfahrungsaustausch ein wichtiger Einstieg, sich die Erkrankung einzugestehen und sich Hilfe zu holen.

Darüber hinaus werden Fachpersonen verschiedenster Berufsgruppen bei Ausbildung, Forschung und Studien unterstützt. Der Verein bietet zudem Vorträge und Fortbildungen für die Öffentlichkeit und für Fachpersonen an. Sehr erfolgreich und regelmäßig werden zwölf verschiedene, jeweils fünfstündige OnlineSeminare rund um das Thema der peripartalen psychischen Erkrankungen angeboten, u. a. peripartale Depression, Angst-, Zwangsstörung, traumatische Geburt, Sternenkind, Krisengespräch, positive

Psychologie, Bindungsentwicklung, Stillen und peripartale Erkrankung, Väter mit peripartaler Depression.

Die Referentinnen des Vereins verfügen über eine langjährige Vortragsund Praxiserfahrung rund ums Thema der peripartalen psychischen Erkrankungen.

Durch Informationsstände, Medien und zunehmend auch Lobbyarbeit bringt der Verein das Problemfeld der peripartalen Erkrankungen der allgemeinen Öffentlichkeit, Fachpersonen und der Politik näher, um mehr Verständnis für die Problematik und damit langfristig mehr gesellschaftliche, finanzielle und gesundheitspolitische Unterstützung für die Betroffenen zu gewinnen.

Fazit für die Praxis

Mit diesem Artikel sollen Gynäkologinnen und Gynäkologen auf die Hilfsangebote des Vereins hingewiesen und ihnen die kostenfreie Zusendung von Infomaterial angeboten werden. Sehr gerne und dankend nimmt der Verein auch weitere Fachpersonen aus dem Bereich Gynäkologie in die Fachleuteliste auf. Die zugehörige Einwilligungserklärung findet sich auf der Website neben der Fachleuteliste. Damit kann die Arbeit der Organisation „Schatten & Licht e. V.“ unterstützt und den betroffenen Müttern geholfen werden.

Interessenskonflikte:

Die Autorin erklärt, dass keine Interessenkonflikte im Sinne der Empfehlungen des International Committee of Medical Journal Editors bestanden.

Korrespondenzadresse:

Sabine Surholt (M.A.)
Vorsitzende Schatten & Licht e. V. –Initiative peripartale psychische Erkrankungen
08293 965864
info@schatten-und-licht.de

Artikel zum Download

Slide Statement zur Gewaltdebatte in der Geburtshilfe – Zwischen Nocebo und neuem Vertrauen Gyne 04/2025

Gyne 03/2025 – Schatten & Licht e. V – Initiative peripartale psychische Erkrankungen

  • 30. November 2025
  • Gyne

Gyne 03/2025

Schatten & Licht e. V – Initiative peripartale psychische Erkrankungen

Autorin:

S. Surholt

Einleitung

Etwa 10–15 % der Mütter, also in Deutschland jährlich etwa 100.000, erleiden eine peripartale psychische Erkrankung. Zu diesen peripartalen psychischen Erkrankungsbildern ge- hören peripartale Depression, Angst-, Zwangsstörung und Psychose.

Formen und Symptome peripartaler psychischer Erkrankungen

Vielen Müttern werden die Anzei- chen des Babyblues vermittelt. Die- ses postpartale Stimmungstief tritt in den ersten 10–14 Tagen nach der Entbindung auf und sollte über die- sen Zeitraum nicht hinausgehen. 50–80 % aller Mütter leiden darun- ter. Typische Anzeichen sind:

  • Empfindsamkeit und Stim- mungsschwankungen
  • Traurigkeit und häufiges Wei- nen
  • Müdigkeit und Erschöpfung
  • Schlaf- und Ruhelosigkeit
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Ängstlichkeit und Reizbarkeit

Das postpartale Stimmungstief kann durch pflanzliche und ho- möopathische Medikamente und durch Fürsorge gelindert werden, bedarf aber nicht unbedingt einer Behandlung.

Dass es aber auch in der Schwan- gerschaft und sehr häufig nach der Geburt zu Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen kommen kann, die dringend einer Behand- lung bedürfen, ist den meisten Müttern nicht bewusst. Diese Krankheitsbilder können jederzeit in der Schwangerschaft oder im Laufe des ersten Jahres nach der Entbindung auftreten und mehre- re Wochen bis einige Monate an- dauern – sich ohne Behandlung so- gar chronifizieren. Da das Stillen depressionshemmend wirkt, kön- nen die Symptome hinausgezögert werden und erst mit dem Abstillen auftreten. Meistens hat der Krank- heitsverlauf eine schleichende Ent- wicklung und die ersten Anzeichen werden häufig nicht erkannt, da sie denen des Babyblues ähneln.

Zu den möglichen Symptomen des Babyblues kommen bei einer post- partalen Erkrankung Symptome hinzu. So etwa:

  • Schuldgefühle
  • inneres Leeregefühl, allgemeines Desinteresse, sexuelle Unlust
  • zwiespältige Gefühle dem Kind gegenüber
  • Konzentrations-, Appetit-,Schlafstörungen
  • Schwindel, Herzbeschwerden, andere psychosomatische Beschwerden
  • Ängste, extreme Reizbarkeit, Panikattacken, Zwangsgedanken
  • Suizid-, Infantizidgedanken

Die schwerwiegendste Reaktionsform ist die postpartale Psychose, auch Wochenbettpsychose. Sie tritt vorwiegend in den ersten zwei Wochen nach der Entbindung auf. Etwa 1–3 ‰ aller Mütter erleiden eine Psychose. Typische Symptome sind:

  • starke Antriebssteigerung, mo- torische Unruhe
  • Antriebs-, Bewegungs- und Teil- nahmslosigkeit
  • Verworrenheit, Wahnvorstellun- gen, Halluzinationen

Die Psychose bedarf unbedingt ei- ner stationären Behandlung, die vorübergehende Trennung von Mutter und Kind ist leider meist nicht zu vermeiden.

Ursachen und Risikofaktoren

Die Ursachen für alle peripartalen psychischen Reaktionsformen sind vielfältig. Meistens führt nicht nur ein Auslöser, sondern das Zusammentreffen verschiedener Risikofaktoren zu einer peripartalen Überlastungsreaktion.

Begleitende Auslöser auf körperlicher Ebene können mangelnder Schlaf, Hormonumstellung, Mutter- tät und körperliche Erkrankungen wie z. B. Schilddrüsendysfunktion und Stoffwechselstörungen oder psychische Vorerkrankung sein.

Maßgeblich ist auch der Verlauf von Schwangerschaft, Entbindung und Wochenbett. Wird eine dieser Phasen von der Mutter als belastend erlebt, kann dies ein Auslösefaktor sein. So sind Schwierigkeiten vor der Schwangerschaft, wie vorhergehende Fehlgeburt, langes Warten auf ein Wunschkind oder künstliche Befruchtung, genauso Risikofaktoren wie Schwierigkeiten in der Schwangerschaft, zum Bei- spiel in Form einer ungeplanten oder aufgrund vorzeitiger Wehen angstbeladenen Schwangerschaft.

Häufige Risikofaktoren bei der Entbindung sind eine frühzeitige oder langwierige Entbindung, ungewollter Kaiserschnitt, unsensible Behandlung oder Gewalt unter der Geburt oder eine anderweitig traumatische Entbindung. Auch die Verfassung des Kindes spielt eine Rolle. Eine Früh- oder gar Totgeburt, ein Schreibaby, Stillprobleme oder ungewolltes Abstillen belasten die Mutter enorm und führen zu Versagensgefühlen, die in eine Depression münden können.

Zudem sollte grundsätzlich bedacht werden, dass die Geburt eines Kindes eine gewaltige Umstellung für die Eltern bedeute. Diese Veränderungen müssen nicht nur physisch, sondern auch psychisch bewältigt werden: Abschied von der Schwangerschaft und der da- mit verbundenen Fürsorge, Ab- schied von der eigenen Kindheit,

Verlust der Freiheit und Selbstbestimmung, Abschied vom eigenbestimmten, strukturierten Berufsleben. Mitunter kommen noch andere belastende Umstände wie Tod oder Trennung von einem geliebten Menschen, Ortswechsel, finanzielle oder familiäre Probleme oder Probleme in der Partnerschaft dazu.

Auch die Beziehungen zu Partner oder Partnerin, zur eigenen Mut- ter, zu befreundeten Personen und zu Kolleginnen und Kollegen ändern sich. Und die auffangende Großfamilie gibt es nur noch sehr selten. Außerdem können traumatische Erlebnisse in der Kindheit wie früher Verlust der Eltern, Gewalterfahrung, Missbrauch oder das eigene schwierige Geburtserlebnis durch die Schwangerschaft und Geburt reaktiviert werden.

Ein zusätzlicher Auslösefaktor ist das in Werbung, Literatur und Me- dien völlig idealisierte Mutterbild . Dem Traumbild der allzeit lächeln- den, glücklichen, gepflegten Mut- ter können die Mütter nicht entsprechen. Sie leiden unter Versagensgefühlen und wagen nicht, über ihre wahren Gefühle zu reden und sich Hilfe zu holen. Stattdessen versuchen sie so lange wie möglich dem Bild der perfekten Mutter zu entsprechen, weshalb man im englischen Sprachgebrauch auch von „Smiling Depression“ spricht.

Das Wochenbett ist also eine hoch- sensible Zeit der Umstellung, in der die Mutter einen geschützten Rahmen benötigt. Sie sollte in dieser Zeit von allen weiteren Aufgaben entlastet und selbst bemuttert werden und die Möglichkeit zu ausreichend Schlaf erhalten.

Behandlungsansätze und Unterstützungsangebote

Die Möglichkeiten der Behandlung richten sich nach der Krankheitsform und deren Schwere. Bei einer leichten Erkrankungsform können schon Unterstützungsangebote wie Mütterpflegerinnen, Doulas, Familienhebammen, Frühe Hilfen etc. sowie begleitende Gespräche durch Schwangerschafts- oder psychosoziale Beratungsstellen helfen; meist reicht das aber nicht aus.

Dann sollte eine medikamentöse Begleittherapie durch den Facharzt oder die Fachärztin erfolgen. Es gibt schwangerschafts- und stillverträgliche Medikamente, zu denen sich behandelnde Fachpersonen über Internetportale (https://www. embryotox.de/ und https://repro tox.org/) oder entsprechender Fachliteratur (z. B. Rohde A, Schaefer C et al. Mutter werden mit psychischer Erkrankung: Von Kinderwunsch bis Elternschaft. Kohlhammer, 2023) informieren können.

Da viele betroffene Mütter unter permanenter Anspannung leben, haben sich Körpertherapien als große Hilfen erwiesen. Darüber hinaus ist aber vor allem eine Psychotherapie wichtig, um die Ursachen der peripartalen psychischen Erkrankung herauszufinden und auf- zuarbeiten. Dabei sind je nach Ursache der Erkrankungen verschiedenste Therapieformen hilfreich; häufig ist aber aufgrund einer als traumatisch erlebten Geburt eine Traumatherapie sehr sinnvoll. Bei schwererer Erkrankung können ambulante psychiatrische Pflege oder stationsäquivalente Behandlung (STÄB) helfen.

Die Behandlung einer sehr schweren postpartalen Depression mit Suizidgedanken oder einer postpartalen Psychose sollte stationär in einer psychiatrischen Fachklinik mit einer reinen Mutter-Kind-Station und gezielten Therapieangeboten, einschließlich einer Mutter-Kind-Interaktionstherapie, erfolgen. Solche Einrichtungen sind aber leider in Deutschland längst nicht ausreichend vorhanden, so dass es häufig zu einer Trennung von Mutter und Baby und damit einer Störung der beiderseitigen Bindung kommt.

Selbsthilfe und Aufklärung

In vielen Fällen kann Selbsthilfe und damit die bundesweite Selbsthilfe-Organisation „Schatten & Licht e. V. – Initiative peripartale psychische Erkrankungen“ helfen. Dieser gemeinnützige Verein wurde 1996 von betroffenen Frauen gegründet, wird mittlerweile etwa hälftig von Betroffenen und Fachpersonen getragen, verfügt über einen wissenschaftlichen Beirat und ist dem weltweiten Netzwerk PSI-Postpartum Support International (USA) und diversen medizinischen Fachgesellschaften, so auch der DGPFG, angeschlossen.

Da das Problemfeld der peripartalen psychischen Erkrankungen in Deutschland stark vernachlässigt wird, finden betroffene Mütter und ihre Familien keine oder nur unzureichende Hilfe. Dies zu ändern, ist Ziel des Vereins.

Hilfsangebote für betroffene Mütter und Angehörige

Als initiale Unterstützung können kostenfrei Plakate und Flyer vom Verein bezogen werden (▶ Abb. 1), auf denen die betroffenen Frauen erste Erläuterungen zum Krankheitsbild, den Selbsteinschätzungstest EPDS (Edinburgh Postnatal Depression Scale), Angebote zu Informationsmaterial und Kontaktdaten zu Geschäftsstelle, telefonischer Beratung und Website finden können.

Abb. 1: Infobroschüre des Schatten & Licht e. V. für von peripartalen psychischen Erkrankungen betroffene Personen.

Eine ebenfalls kostenfrei beim Ver- ein zu bestellende 48-seitige Bro- schüre erläutert Krankheitsbilder und Ursachen, gibt einen Überblick über die verschiedenen Hilfsmög- lichkeiten, beinhaltet Tipps für An- gehörige und Prävention und stellt mehrere Erfahrungsberichte be- troffener Mütter zur Verfügung, in deren Schilderungen sich die Lese- rinnen wiederfinden können. Ganz niedrigschwellig bietet der Verein eine Kontaktliste mit ehemals betroffenen Frauen an, die bereit sind, sich mit erkrankten Müttern auszutauschen, um diesen mit ihren eigenen Erfahrungen zu hel- fen. Damit ist ein flächendeckendes Hilfsnetz von ehemals betroffenen Frauen geschaffen, so dass die akut erkrankten Mütter sich nicht mehr isoliert fühlen müssen.

Eine Angehörigenliste, in die sich Ehepartner, Geschwister, Mütter und Väter von Betroffenen haben aufnehmen lassen, gibt Angehöri- gen geeignete Gesprächspartner an die Hand. Außerdem gibt es ei- ne Angehörigen-Beratung, kosten- freie Online-Angehörigen-Info- abende und eine Online-Väter- gruppe.

Selbsthilfegruppen und Beratung

Über 100 ehrenamtliche Beraterinnen und Berater, die vom Verein geschult und laufend fortgebildet werden, bieten kostenfreie Telefonberatung und teilweise auch Besuchsdienste an. Außerdem organisieren sie regionale Selbsthilfe- gruppen in Präsenz und online. Da- rüber hinaus bietet der Verein Online-Selbsthilfegruppen zu diversen Schwerpunkten an. Themen sind unter anderem Schwangerschaftsängste und -depressionen, postpartale Depression, postpartale Angst- und Zwangsstörung, postpartale Psychose, traumatische Geburt, Sternenkind-Eltern, Borderline-Mütter sowie selbst von postpartalen Depressionen betroffene Väter. Auch eine englischsprachige Online-Selbsthilfegruppe steht zur Verfügung.

In den Gruppen werden persönliche und therapeutische Erfahrungen sowie Informationen und Tipps ausgetauscht. Vor allem aber ist das Gespräch mit anderen betroffenen Müttern und Vätern, die aufgrund ihrer eigenen Erfahrung entsprechend glaubwürdig und hilfreich sind, sehr entlastend. Die Betroffenen fühlen sich nicht mehr so allein mit ihrer Erkrankung. Auch können in diesem Rahmen Zwangs- und Suizidgedanken leichter erstmals geäußert und Ängste vor Jugendamt, Fachärzten und Medikamenten abgebaut werden.

Informationsmaterial und Öffentlichkeitsarbeit

Um gute professionelle Anlaufstellen zu vermitteln, führt der Verein eine Fachleuteliste, in der zurzeit 2.150 Fachpersonen verschiedenster Berufsgruppen aufgeführt sind. Darunter finden sich neben Heilpraktik, Sozialpädagogik, Gynäkologie und Psychiatrie vor allem Fachpersonen aus der ärztlichen und psychologischen Psychotherapie, die sich auf die Behandlung von Müttern mit psychischen Krisen rund um die Geburt spezialisiert haben.

Darüber hinaus stellt der Verein ausführliche Informationen zur räumlichen, personellen und therapeutischen Ausstattung der über 60 Mutter-Kind-Einheiten an den psychiatrischen Kliniken in Deutschland zusammen, an denen die postpartal erkrankten Mütter mit ihren Kindern aufgenommen werden können.

Eine vom Verein geführte Literaturliste umfasst Bücher zu peripartalen Erkrankungen, Psychiatrie und Psychologie, Medikamenten in Schwangerschaft und Stillzeit, Therapieformen für Kinder psychisch kranker Eltern und sonstige hilfreiche Literatur.

Tipps für Angehörige zum Umgang mit den erkrankten Müttern hel- fen, die familiäre Situation zu er- leichtern. Informationsmaterial zur Prävention lindert die Angst vor ei- ner erneuten Schwangerschaft.

ie sehr gut besuchte zweisprachige (deutsch und englisch) Website https://www.schatten-und-licht.de/ vermittelt zahlreiche Informationen zu Krankheitsbildern, Ursachen, Hilfsangeboten, Medikamenten, Therapieformen, Mutter-Kind-Einrichtungen und Prophylaxe sowie Listen zu Beratungsmöglichkeiten, Selbsthilfegruppen und Fachpersonen. Fragebögen zur Selbsteinschätzung, Literatur-, Film- und Podcast-Listen, hilfreiche Links, Er- fahrungsberichte und ein betreutes Forum runden das Angebot ab. Für viele Betroffene ist dieser anonyme Erfahrungsaustausch ein wichtiger Einstieg, sich die Erkrankung einzugestehen und sich Hilfe zu holen.

Darüber hinaus werden Fachpersonen verschiedenster Berufsgruppen bei Ausbildung, Forschung und Studien unterstützt. Der Verein bietet zudem Vorträge und Fortbildungen für die Öffentlichkeit und für Fachpersonen an. Sehr erfolgreich und regelmäßig werden zwölf verschiedene, jeweils fünfstündige OnlineSeminare rund um das Thema der peripartalen psychischen Erkrankungen angeboten, u. a. peripartale Depression, Angst-, Zwangsstörung, traumatische Geburt, Sternenkind, Krisengespräch, positive

Psychologie, Bindungsentwicklung, Stillen und peripartale Erkrankung, Väter mit peripartaler Depression.

Die Referentinnen des Vereins verfügen über eine langjährige Vortragsund Praxiserfahrung rund ums Thema der peripartalen psychischen Erkrankungen.

Durch Informationsstände, Medien und zunehmend auch Lobbyarbeit bringt der Verein das Problemfeld der peripartalen Erkrankungen der allgemeinen Öffentlichkeit, Fachpersonen und der Politik näher, um mehr Verständnis für die Problematik und damit langfristig mehr gesellschaftliche, finanzielle und gesundheitspolitische Unterstützung für die Betroffenen zu gewinnen.

Fazit für die Praxis

Mit diesem Artikel sollen Gynäkologinnen und Gynäkologen auf die Hilfsangebote des Vereins hingewiesen und ihnen die kostenfreie Zusendung von Infomaterial angeboten werden. Sehr gerne und dankend nimmt der Verein auch weitere Fachpersonen aus dem Bereich Gynäkologie in die Fachleuteliste auf. Die zugehörige Einwilligungserklärung findet sich auf der Website neben der Fachleuteliste. Damit kann die Arbeit der Organisation „Schatten & Licht e. V.“ unterstützt und den betroffenen Müttern geholfen werden.

Interessenskonflikte:

Die Autorin erklärt, dass keine Interessenkonflikte im Sinne der Empfehlungen des International Committee of Medical Journal Editors bestanden.

Korrespondenzadresse:

Sabine Surholt (M.A.)
Vorsitzende Schatten & Licht e. V. –Initiative peripartale psychische Erkrankungen
08293 965864
info@schatten-und-licht.de

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Slide Schatten & Licht e. V – Initiative peripartale psychische Erkrankungen Gyne 03/2025

Gyne 02/2025 – Beratung zu den Wechseljahren – Zeit für Empowerment statt Pathologisierung

  • 30. November 2025
  • Gyne

Gyne 02/2025

Beratung zu den Wechseljahren – Zeit für Empowerment statt Pathologisierung

Autorin:

I. Hahn

Hintergrund

Die gegenwärtige Diskussion zur Menopause bzw. zu den Wechseljahren ist aufgeheizt. Für wen sind die Wechseljahre ein Problem? Ab wann, von wem und wo soll informiert werden? Wie ausführlich sollen die Informationen sein? In wie vielen Fällen sind Medikamente notwendig und ratsam, und wenn ja, wie früh? In den Praxen beobachten wir eine gestiegene Nachfrage nach Hormonbestimmungen und nach Hormontherapie sowie eine häufig sehr frühzeitige Besorgnis um die richtige „Vorbereitung“ auf die Wechseljahre.

Dies ist nicht verwunderlich, denn in den Medien ist das Thema in letzter Zeit außerordentlich präsent. Von Zeitungsartikeln über Blogs und Podcasts bis hin zum Bayerischen Gesundheitsamt, welches eine 33-seitige MenopauseBroschüre herausgegeben hat [1]. Auch die starke Bewegung „Wir sind neun Millionen“, ein Verbund von Ärztinnen, Wechseljahresberaterinnen, Apothekerinnen, Journalistinnen, Unternehmerinnen, Aktivistinnen und Influencerinnen, spricht von einer Tabuisierung der Wechseljahre und fordert umfangreiche Maßnahmen, unter anderem eine automatische briefliche Aufklärung über die Menopause für alle Frauen ab 35 und die Menopause als Thema in der Schule und am Arbeitsplatz [2].

Im Zusammenhang damit veröffentlichte die Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin unter dem Schlagwort Menosupport eine (gesponserte) Studie und stellte fest: ein hohes Ausmaß an Menopausenbeschwerden [3], ungenügende ärztliche Beratungen, starke Beeinträchtigungen am Arbeitsplatz, dadurch bedingte Krankschreibungen, Wünsche nach Arbeitszeitreduktion und früherem Renteneintritt (10–20 %) [4]. Die Art der Rekrutierung, die hierfür hauptsächlich über Social Media, Newsletterbeiträge und Aushänge in gynäkologischen Praxen erfolgte, wirft jedoch die Frage auf, ob die Studie einen Bias hat – ggf. wurden an dieser Stelle vermehrt Frauen mit Beschwerden angesprochen.

Hingegen kommt eine von der HKK 2024 in Auftrag gegebene repräsentative Forsa-Studie mit fast gleicher Fragestellung und ähnlicher Anzahl Teilnehmerinnen (ca. 2.000 berufstätige Frauen zwischen 45 und 60 Jahren) zu den folgenden Ergebnissen: Weit weniger Frauen fühlen sich stark durch die Menopause beeinträchtigt, die meisten fühlen sich mindestens gut informiert, es gibt kaum Krankschreibungen wegen klimakterischer Beschwerden [5].

Es ist Zeit für eine abgeklärte, evidenzbasierte Betrachtung der Zusammenhänge der Beschwerden von Frauen im Wechseljahresalter von ca. 45–60 Jahren. Es ist Zeit, die Frauen in ihrer Selbstwirksamkeit zu stärken. Dieser Artikel möchte dazu beitragen.

Definition der Wechseljahre

Die Wechseljahre (Fachbegriff Klimakterium) umfassen die Zeitspanne vor und nach der Menopause, die durch die letzte Menstruationsblutung im Leben einer Frau, also retrospektiv definiert ist. Es handelt sich um eine Zeit der Hormonumstellung, der Begriff ist biologisch definiert. In den meisten Fällen liegt dieser Zeitraum zwischen 45–60 Jahren. Noch vor der eigentlichen Menopause kommt es bei verringerter Follikelzahl zu selteneren 0vulationen und dadurch zu Zyklusschwankungen, verlängerten oder verkürzten Zyklen, häufig stärkeren Blutungen bei Follikelpersistenz und zeitweiligem Auftreten von klimakterischen Beschwerden wie Hitzewallungen und Schlafstörungen [6, 7]. In dieser Zeit schwanken die Werte des follikelstimulierenden Hormons (FSH) und des Estradiols sehr stark, und auch das Anti-Müller-Hormon als Repräsentant der Follikelzahl ist unzuverlässig, so dass Hormonmessungen (der sogenannte „Hormonspiegel“) zur Feststellung der Menopause in den meisten Fällen unsinnig sind. Bei hysterektomierten Frauen mit klimakterischen Beschwerden kann eine FSH-/Estradiolbestimmung lediglich als Hinweis auf den Menopausalstatus dienen. Meist pendeln sich die Hormone ein bis zwei Jahre nach der Menopause auf ein gleichbleibendes Niveau, mit hohem FSH und niedrigem Estradiol, ein [6]. Allerdings bleibt es in einigen Fällen auch später bei Schwankungen.

Ist der MRS als Maß für Wechseljahresbeschwerden problematisch?

Der Menopause Rating Scale (MRS) wurde Anfang der 1990er Jahre zur Beurteilung von klimakterischen Beschwerden seitens der betroffenen Frauen selbst entwickelt und später an Frauen in den Wechseljahren validiert [8, 9]. Diese Zeit war die Hochzeit der sog. Hormonersatztherapie (HRT). Möglichst alle Frauen um und nach der Menopause sollten mit HRT behandelt werden, hörten wir damals in den gynäkologischen  Fortbildungen.

„Die Frauen erschienen als defizitäre Hormonmangelwesen, die mit ihrem Leben nicht mehr zurechtkommen, und die Substitutionstherapie mit Sexualhormonen versprach, diese Frauen wieder lebenstüchtig zu machen.“ (Mühlhauser [10]). Mit dem heute verwendeten MRS II werden elf Symptome in je fünf Ausprägungen erfasst (▶ Abb. 1). Die Bewegung „Wir sind neun Millionen“ kritisiert, dies erfasse nicht einmal alle Beschwerden, die Frauen in den Wechseljahren haben können, Kopfschmerzen, Gewichtszunahme und Hautveränderungen fehlten [2].

Es ist unbestritten, dass Frauen in den Wechseljahren sehr unterschiedliche Beschwerden haben können. Dennoch stellt sich an dieser Stelle die Frage, ob Frauen sich durch die Nennung der sehr zahlreichen Menopausensymptome dazu verleitet fühlen könnten, sich als kränker und behandlungsbedürftiger einzustufen, als sie sich ursprünglich gefühlt hatten.

Eine Studie von K. Weidner zeigt, dass nur vasomotorische Symptome, vornehmlich Hitzewallungen und Scheidentrockenheit, eindeutig typisch für die (Post-)Menopause sind. Im Rahmen der Studie wurden sowohl Männer als auch Frauen im Alter von 14–90 Jahren mit Hilfe des MRS II befragt. Dabei zeigte sich, dass die anderen neun Symptome auch bei Frauen anderer Altersgruppen sowie bei Männern ähnlich oft vorkommen, manche (Gelenkund Muskelbeschwerden) vornehmlich im höheren Alter [11]. Speziell die oft im Zusammenhang mit Wechseljahren oder sogar als Indiz dafür genannten Depressionen, kommen tatsächlich in dieser Zeit nicht gehäufter vor [12]. Wichtig ist auch: Nicht alle Frauen leiden in den Wechseljahren. Etwa ein Drittel hat keine oder nur sehr geringe Beschwerden, ein Drittel hat mäßige Beschwerden und ein Drittel gibt schwere Beeinträchtigungen durch Wechseljahresbeschwerden an [13].

Psychosoziale Aspekte der Lebenssituation von 45–60-jährigen Frauen

Die Zeit der Wechseljahre ist nicht nur durch die Hormonumstellung charakterisiert. Sondern gerade Frauen stehen in dieser Zeit vor nötigen Anpassungen im familiären, gesellschaftlichen und beruflichen Umfeld. Gerade in den Jahren zwischen 45 und 60 befinden sich viele Frauen in einer Art

„Sandwichposition“: Sie kümmern sich um ihre fast erwachsenen, oft heftig pubertierenden Kinder und übernehmen gleichzeitig die Pflege und Versorgung ihrer gebrechlich werdenden Eltern. Diese CareArbeit wird noch immer zum überwiegenden Teil von Frauen übernommen und zu wenig honoriert, weder durch Wertschätzung noch durch finanzielle Vergütung. Diese erhöhte Belastung und gleichzeitig mangelnde Anerkennung führt ganz unabhängig von hormonellen Veränderungen zu psychosomatischen Beschwerden, die soziodemografischen Einflussfaktoren können also maßgeblich sein [13].

Zudem hat sich im beruflichen Umfeld vieles zunehmend schnell verändert, insbesondere durch Umstrukturierungen und die fortschreitende Digitalisierung. Viele Frauen berichten in den Sprechstunden von willkürlichen Versetzungen oder Zurücksetzungen und von Schwierigkeiten bei der Adaptation an die neuen beruflichen Erfordernisse, wodurch sie sich erschöpft und irritabel fühlen. Generell aber fühlen sich berufstätige Frauen ab 50 gesünder als nicht berufstätige Frauen [14]. Dies ist sicherlich dadurch erklärt, dass die berufstätigen Frauen immer noch mehr Anerkennung und Bestätigung erfahren als die nicht berufstätigen.

Psychosomatische Beratung zu Wechseljahren

Ärztinnen und Ärzte sollten sich auf den heutzutage größeren Informationsund Gesprächsbedarf der Frauen einstellen. Sie sollten in Beratungsgesprächen rund um die Menopause Gelassenheit transferieren und die Menopause keinesfalls zu sehr problematisieren. Dabei hat jede Frau ein anderes Erleben der Wechseljahre, hat andere gesundheitliche und psychosoziale Voraussetzungen und Risiken. Empathisches Zuhören, sachliche, individuell angepasste Informationen, die Einordnung der Beschwerden, die Darstellung der Menopause als normale hormonelle Umstellungsphase im Leben – all dies kann helfen, gut durch die Wechseljahre zu kommen. Diesen Konsensus zur psychosomatischen Betreuung in den Wechseljahren hat eine Arbeitsgruppe innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe (DGPFG) bereits 2010 erarbeitet [15]. Gemeinsam sollen möglichst selbstwirksame Lösungen bei Beschwerden gesucht werden, die Frau soll individuell gestützt werden.

In der 2024 erschienenen Lancetserie zur Menopause hat die Autorin M. Hickey dies wunderbar ausgeführt, unter der Überschrift: An empowerment model for managing menopause [16]. Der beste Zeitpunkt der Beratung sollte sich nach dem individuellen Bedarf der Frauen richten. Fragen sollten dann, wenn sie für die Frauen wichtig werden, beantwortet werden.

Beim Abwägen von Risiko und Nutzen einer Behandlung und der Suche nach möglichst selbstwirksamen Lösungen ohne größere Risiken kann man sich an der S3-Leitlinie zur Perimenopause orientieren (▶ Tab. 1) [17].

Risiko/Nutzen Nutzen nachgewiesen Nutzen möglich Nutzen unwahrscheinlich
Geringes Risiko für Schaden bzw. Therapieabbruch Abwarten bzw. Placebo, Achtsamkeit und CBT (kognitive Verhaltens- therapie) Cimicifuga 5,6–40 mg/d, Isoflavone 30 – 80 mg inkl. phytoöstrogenreiche Ernährung, Rotklee, S-Equol, Genistein

30 – 60 mg/d, Rheumrhapontikum 4 mg, Johanniskraut 300 mg, Akupunktur

Sport (3 – 6 Monate),

Tiefenentspannung (4 –12 Wochen), Vitamin E

Mittleres Risiko für Schaden bzw. Therapieabbruch Östrogene, Tibolon SSRI, SNRI, Gabapentin, Clonidin DHEA (Dehydroepiandrosteron), Raloxifen
Risiko für Schaden nicht ausreichend untersucht Chinesische Kräuter im Rahmen der TCM (traditionelle chinesische Medizin), Melatonin

Tab. 1: Maßnahmen gegen Hitzewallungen nach S3-Leitlinie Peri- und Postmenopause 2020.

Im Beratungsgespräch kann die Frau herausfinden, welche ihrer gegenwärtigen Lebensgewohnheiten sich ungünstig auswirken, und wie sie diese ändern kann. So kann beispielsweise das Wissen darum, dass Aufgaben gerne auch delegiert werden dürfen, für viele Frauen bereits hilfreich sein. Bezüglich der Ernährung wirken sich beispielsweise zu süßes und zu fettiges Essen ungünstig auf Übergewicht und Erschöpfung aus, scharfe Gewürze, viel Kaffee und Alkohol verstärken Hitzewallungen. Anleitungen zu Schlafhygiene (z. B. die Zwei-Bettdeckentechnik, ein kühler Schlafraum, Regelmäßigkeit und eine entspannte Pufferzeit ohne elektronische Geräte vor dem Schlafengehen) sowie die Erkenntnis, dass auch weniger als acht Stunden Schlaf ausreichen können, helfen gegen Schlafstörungen.

Bei Ausgleichssport sowie Bewegung findet sich laut der S3-Leitlinie keine Evidenz zur Verringerung von Hitzewallungen [17]. Zur Verbesserung gereizter oder depressiver Stimmung, des Schlafes, des Gewichtes und der allgemeinen Gesundheit sowie auch bei Gelenkbeschwerden spielt maßvoller Sport jedoch eine große Rolle.

Behandlung von Wechseljahresbeschwerden

Kognitive Verhaltenstherapie

Als effektives Mittel gegen vasomotorische Symptome und deren Einfluss auf Schlafqualität, depressive Verstimmung, Ängstlichkeit und Lebensqualität hat sich die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) erwiesen [18], die sich laut S3-Leitlinie im günstigsten Feld für Effektivität und Nebenwirkungsarmut befindet [17]. Diese kann mit Hilfe von Therapeutinnen und Therapeuten oder Büchern erlernt werden. Eine deutschsprachige App für KVT in der Menopause, die als digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) verordnet werden könnte, ist derzeit in Erprobung.

Pflanzliche Mittel

Das hierzulande häufigste pflanzliche Mittel gegen Hitzewallungen ist Cimicifuga, die Traubensilberkerze, welche sich seit Jahrzehnten großer Beliebtheit erfreut, jedoch laut eines Cochrane Reviews nicht so wirkungsstark ist [19]. Ein Therapieversuch mit 5,6–40 mg/d macht Sinn für Frauen, die etwas einnehmen möchten. Auch Johanniskraut in der Dosierung von 300 mg kann Hitzewallungen reduzieren und wird von den NICE-Guidelines empfohlen. Diese Wirkung ist jedoch nicht sicher bewiesen. Besser belegt ist die Wirkung bei depressiver Stimmungslage und Unruhe in Dosierungen über 450 mg [20]. Als Nahrungsergänzungsmittel können Phytoöstrogene aus Soja, Rotklee oder Rheum rhaponticum eingesetzt werden, deren Wirkung gegen Wechseljahresbeschwerden allerdings nicht in allen Studien bewiesen wurden. Frauen mit Brustkrebs sollten extrem vorsichtig mit der Einnahme von Phytoöstrogenen sein [20].

Menopausale Hormontherapie

Hormone müssen in den Wechseljahren nicht „ersetzt“ werden, aber bei dem oben beschriebenen psychosomatischen Behandlungsansatz hat selbstverständlich auch eine MHT ein fundiertes Einsatzgebiet: Bei deutlichen und für die Wechseljahre spezifischen Beschwerden, nämlich Hitzewallungen und deren Folgen wie Reizbarkeit und Schlafstörungen sowie bei vaginaler Atrophie, sollte eine MHT entsprechend der S3-Leitlinie [17] angeboten werden, da sie hierbei am zuverlässigsten hilft.

Placebo-Effekt

Bei allen berichteten Wirkungen spielt der Placebo-Effekt eine erhebliche Rolle. In der WHI-Studie wurden z. B. Hitzewallungen bei 75 % der Probandinnen mit MHT reduziert versus immerhin 58 % bei Placebotabletten [20]. Der PlaceboEffekt, also eigentlich der Glaube an die Therapie, bewirkt natürlich auch bei allen anderen Behandlungen wie Phytotherapie, Akupunktur und Nahrungsergänzungsmitteln, selbst bei KVT und Sport eine Verbesserung!

Hormontherapie: wo hilft sie sicherlich, wo vielleicht?

Auf die MHT soll, aufgrund zahlreicher aktueller Publikationen zum Thema [21–24] und dem Gesamtkontext der Psychosomatik, an dieser Stelle lediglich kursorisch eingegangen werden. Die nachgewiesene zuverlässige Wirkung bei vasomotorischen Symptomen wurde in diesem Beitrag bereits beschrieben. Bei vaginaler Atrophie, die meist erst in der späteren Postmenopause auftritt, helfen lokale Estriolcremes oder -suppositorien zuverlässig und risikoarm. Damit werden auch Dyspareunie und somit diverse Probleme bei der Sexualität sowie Dysurie, Dranginkontinenz und die Neigung zu Harnwegsinfekten verringert [25]. Auch zur Prophylaxe oder zur Behandlung einer 0steoporose wirkt die MHT. Allerdings verschwindet dieser Effekt einige Jahre nach Absetzen der Therapie, als erste Wahl gelten Vitamin D, Kalzium, Kraftsport und Bisphosphonate. Laut Leitlinie wird die MHT alleine zur 0steoporoseprävention nicht empfohlen [17]. Gegebenenfalls kann die MHT auch eine Verbesserung des Schlafes, der Libido, der Stimmung und der Konzentration erreichen, eher fraglich ist hingegen eine dauerhaft positive Wirkung auf Gelenkbeschwerden oder gar Migräne.

Auf welche gesicherten Daten können wir zurückgreifen?

Alle wichtigen großen Studien und Metaanalysen wurden in der S3Leitlinie zu Peri-und Postmenopause von 2020 verarbeitet [17], sie befindet sich z. Zt. in Bearbeitung. Ei-nen Überblick gibt ▶ Tabelle 1. Für Frauen finden sich zuverlässige, unabhängige Informationen, die vom IQWIG (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen) herausgegeben werden, unter https://www.gesund heitsinformation.de/.

Die Timing Hypothese

Nach Abbruch der WHI-Studie hat man mit Subgruppenanalysen zu zeigen versucht, dass sich ein frühzeitiger Einsatz von MHT in den ersten zehn Jahren nach der Menopause zur Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen eignet. Die Ergebnisse waren an dieser Stelle jedoch nicht signifikant, wahrscheinlich aufgrund von zu kleinen Subgruppen [26, 27]. Sie können demnach lediglich als Hinweise gewertet werden.

„Zauberwort” Bioidentische Hormone

Bei vielen Frauen besteht die Auffassung, dass bioidentische Hormone in Cremeund Gelform ganz natürlich sind und risikolos angewendet werden können. Es ist Aufgabe der Fachärztinnen und Fachärzte, Anwenderinnen vor dem Einsatz bioidentischer Hormone grundlegend aufzuklären. So ist beispielsweise das Risiko für Brustkrebs sowohl durch kombinierte MHT, als auch durch Einsatz bioidentischer Hormone gesteigert [28]. Lediglich das Risiko für thromboembolische Ereignisse ist, bei transdermaler Anwendung von Estradiol (mit oder ohne mikronisiertem Progesteron), weniger hoch, als mit den in der WHI-Studie verwendeten Kombinationen [29]. Individuelle Mischungen von bioidentischen Hormoncremes, sog. Magistralrezepturen, können ggf. den Placebo-Effekt verstärken. Es ist dennoch davon abzuraten, da die Hormonmengen schwanken und nicht streng kontrolliert sind. Außerdem wird Progesteron nicht ausreichend über die Haut aufgenommen [23].

Risiken verständlich darstellen und individuell beachten

0b Hormone und welche im individuellen Fall eingesetzt werden, sollte Ergebnis einer partizipativen Entscheidungsfindung sein. In der Praxis ist es aufgrund des hohen Zeitaufwands und der fehlenden kassenärztlichen Vergütung oft nicht leicht, dies umzusetzen. Bei der Risikoberatung empfiehlt sich die Benutzung von Visualisierungsmaterial. Zudem muss das individuelle Risiko aufgrund von Vorerkrankungen und Familienanamnese erläutert werden – erst dann ist eine sinnvolle Nutzen-Risiko-Abwägung möglich.

Literatur:

  1. Bayerisches Staatsministerium für Gesundheit, Pflege und Prävention. Wechseljahre können sich verrückt anfühlen. (https://www.stmgp.bay ern.de/wechseljahre/). Zugegriffen: 07.03.2025
  2. Interessengemeinschaft Wir sind NEUN Millionen. (https://wirsind neunmillionen.de/). Zugegriffen: 07.03.2025
  3. Besins Healthcare Germany GmbH. Ergebnisse einer Befragung von 45 bis 60-jährigen berufstätigen Frauen in und nach den Wechseljahren mit forsa.omninet. 2023. (https://www.initiative-blickwechsel. de/wp-content/uploads/2024/03/ initiative-blickwechsel_forsaergebnisse-2023.pdf). Zugegriffen: 07.03.2025
  4. Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin. Befragungsergebnisse MenoSupport. (https:blog.hwr-berlin. de/menosupport/ergebnisse/). Zugegriffen: 07.03.2025
  5. hkk Krankenkasse. Studien & Reports. (https://www.hkk.de/presse/ studien-und-reports). Zugegriffen: 07.03.2025
  6. Leidenberger F, Strowitzki T, 0rtmann 0. Klinische Endokrinologie für Frauenärzte. Springer Heidelberg/Berlin; 2014
  7. Santoro N, Neal-Perry G, Randolph JF. The menopause transition: signs, symptoms, and management options. J Clin Endocrinol Metab 2021; 106: 1–15
  8. Hauser GA, Huber IC, Keller PJ et al. Evaluation der klinischen Beschwerden (Menopause Rating Scale). Zentralbl Gynakol 1994; 116(1): 16–23
  9. Heinemann LAJ, Potthoff P, Schneider HPG. International versions of the Menopause Rating Scale (MRS). Health Qual Life 0utcomes 2003; 1:
  10. Mühlhauser I, Beckermann M. Menopausale Hormontherapie: Evidenz und Eingang in die Praxis. In: Schröder H et al. (Hrsg.). Arzneimittel-Kompass
  11. Weidner K, Richter J, Bittner A et al. Klimakterische Beschwerden über die Lebensspanne? Psychother Psychosom Med 2012; 62: 266–275
  12. Judd FK, Hickey M, Bryant C. Depression and midlife: are we overpathologising the menopause? J Affect Disord 2012; 136: 199–211
  13. Weidner K, Richter J, Bittner A et al. Beschwerden in den Wechseljahren: Nicht nur eine Frage der hormonellen Situation. Dtsch Arztebl 2016; 113(46): A–2101
  14. Gesundheitliche Lage der Frauen in Deutschland. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Gemeinsam getragen von RKI und Destatis. Berlin 2020; 270–271
  15. Tormann D, Beckermann M, von Bodelschwingh F. „Gelassenheit und Bestätigung haben mir die Angst genommen“ Psychosomatische Praxis in den Wechseljahren. In: Dorn A et al, Hrsg. Die Psyche im Spiegel der Hormone, 2012, Mabuse-Verlag, Frankfurt/M
  16. Hickey M, LaCroix AZ, Manson JE. An empowerment model for managing menopause. Lancet 2024; 403:
  17. S3-Leitlinie Periund Postmenopause – Diagnostik und Interventionen. AWMF-Registernummer 015–062, Vers. 1.1, Stand Sept. 2020

Interessenkonflikte:

Die Autorin erklärt, dass keine Interessenkonflikte im Sinne der Empfehlungen des International Committee of Medical Journal Editors bestanden.

Korrespondenzadresse:

Dr. med. Iris Hahn Frauenärztin
Garthestr. 5, 50735 Köln hahn@gynpraxis-heumarkt.de

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Slide Beratung zu den Wechseljahren – Zeit für Empowerment statt Pathologisierung Gyne 02/2025

Gyne 01/2025 – Psyche und Somatik nach belastend erlebter Geburt

  • 24. Februar 2025
  • Gyne

Gyne 01/2025

Psyche und Somatik nach belastend erlebter Geburt

Autorin:

J. Marschke

Einleitung

Die Geburt eines Kindes ist ein bedeutendes Ereignis, das auch psychische und körperliche Belastungen mit sich bringen kann. Wie von Frau Professor Weidner und ihren Mitarbeitenden beschrieben, bewerten etwa 20 % aller Gebärenden die Geburtserfahrung als traumatisch oder belastend [1]. Dabei spielen Faktoren wie unerwartete Änderungen im Geburtsablauf, im Zusammenhang mit dem Gefühl von Kontrollverlust und mangelnder Unterstützung, eine zentrale Rolle. Rund 10 % der Betroffenen leiden in den ersten Wochen unter Symptomen einer traumatischen Stressreaktion wie Unruhe, Angst, Traurigkeit und Gefühl der Überforderung. 3 % der Frauen zeigen langfristig Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) [1]. Als Gynäkologinnen und Gynäkologen erleben wir Patientinnen, die sich mit ausgeprägter körperlicher Symptomatik und hohem Leidensdruck, der auf körperlicher Ebene nicht immer vollständig verstehbar ist, vorstellen. In diesem Beitrag sollen am Beispiel postpartaler Beckenbodenfunktionsstörungen psychosomatische Zusammenhänge beleuchtet und therapeutische Optionen erörtert werden.

 

Belastende Geburtsverläufe und ihre psychische Wirkung

Eine belastend erlebte Geburt ist nicht allein an objektive medizinische Komplikationen geknüpft. Entscheidend ist die subjektive Wahrnehmung, die durch Gefühle der Ohnmacht, des Ausgeliefertseins oder des Kontrollverlusts geprägt wird. Es gibt Faktoren, die insbesondere aus geburtshilflicher Sicht eine objektiv belastende Geburt beschreiben (▶ Tab. 1). In dieser Tabelle sind auch Faktoren beschrieben, die schon vor der Entbindung bestehen und eine Verarbeitung einer belastenden Geburt erschweren können.

Präpartale Faktoren
– Psychische Erkrankungen wie Depression, Angsterkrankungen, PTBS
– Überforderung (wenig partnerschaftliche oder soziale Unterstützung)

Intrapartale Faktoren
– Sekundäre operative Eingriffe, z. B. Notkaiserschnitte und vaginal operative
– Längere Geburtsverläufe
– Höhergradige Geburtsverletzungen und starker Blutverlust

Postpartale Faktoren
– Negative oder unerwartete Ereignisse, die das Kind/die Kinder betreffen, wie etwa die Verlegung auf eine Neugeborenenintensivstation
– Ein vermindertes Gefühl der eigenen körperlichen Potenz (nach anstrengener Entbindung, Verletzungen, Aufenthalt in ungewohnter Umgebung)

Tab. 1: Das Geburtserlebnis beeinflussende Faktoren (nach [1]).

Ob es bei Vorliegen dieser Faktoren zu einer als sehr belastend erlebten Geburt kommt, hängt vor allem vom subjektiven Erleben unter der Geburt ab. Insbesondere das Erfahren von Kontrollverlust, Ohnmachtsgefühlen, Ausgeliefertsein und Nicht-gesehen-werden ist für Menschen eine kaum aushaltbare Situation. Wir alle verfügen über Bewältigungsstrategien, die wir, oft auch intuitiv, nutzen, um eine solche Erfahrung gut zu verarbeiten. Die akute Belastungsreak – tion (ICD 10: F.43.0) umfasst Symptome (▶ Tab. 2) als unmittelbare Reaktion auf ein außergewöhnlich belastendes Ereignis.

Psychische Symptome
Angst, Unruhe, Panik
Emotionale Taubheit
Verwirrtheit, Konzentrationsschwäche
Körperliche Symptome
Herzrasen, Schwitzen, Zittern, Atemnot
Schlafstörung
Übelkeit, Magen-Darm-Beschwerden
Verhalten
Hyperarousal/Übererregbarkeit
Flucht-/Vermeidungsverhalten, Rückzug

Tab 2: Symptome einer akuten Belastungsreaktion.

Die akute Belastungsreaktion kann unter dem Motto: “a soup and a blanket“ behandelt werden – das bedeutet, die betroffene Person emotional zu beruhigen und ihr Sicherheit zu vermitteln. Insbesondere zur Einordnung der teilweise sehr beunruhigenden Symptomatik einschließlich der körperlichen Phänomene (Herzrasen, Zittern) ist die Psychoedukation unter Nutzung von Normalisierung als verbaler Interventionstechnik hilfreich. Beispielhaft kann diese Interven – tion kurze Zeit nach der Entbindung folgendermaßen ablaufen:

„Die Geburt war für Sie sehr belastend. Nach einer solchen Belastung reagieren viele Menschen mit körperlichen und psychischen Symptomen. Das ist eine normale Reaktion auf eine außergewöhn – liche Situation. Ihr Körper zeigt Ihnen, dass etwas sehr anstrengend war. Hier hilft es sehr, sich Zeit und Ruhe zu geben und Unterstützung anzunehmen. Gemeinsam können wir überlegen, welche Unterstützungsmöglichkeiten es für Sie gerade gibt.”

Erfolgt eine solche Aufarbeitung nicht, so fehlen der Patientin nach der Geburt Verständnis und Unterstützung. Auf Grund dessen kann es zu einer traumatischen Verarbeitung (mit langanhaltenden Symptomen als Folge der Belastung) der erlebten belastenden Erfahrung kommen.

 

Fallbeispiel

Frau K., eine 32-jährige Erstgravida mit Spontanpartus vor sechs Monaten, stellte sich mit folgenden Beschwerden in unserer urogynäkologischen Sprechstunde vor:

– postpartal kein Gefühl für Beckenboden, Darmentleerung
– zunächst Blasenentleerungsstörung subjektiv
– starke Senkungsbeschwerden

Sie wirkte sehr angespannt, konnte kaum sitzen, und beschrieb ihren Zustand mit drastischen Worten, die ihren hohen Leidensdruck deutlich machten:

– „Ich kann mich kaum bewegen, alles ist offen, fällt nach unten raus.“
– „Bei der Geburt wurde ich total auseinandergerissen.“

Der Alltag könne nur mühsam bewältigt werden und eine gute Mutter sei sie nicht, erklärte Frau K. Außer Stillen könne sie derzeit nichts tun. Ihre Frauenärztin und ihre Hebamme hatten ihr im Rahmen von körperlichen Untersuchungen wiederholt gesagt, dass alles normal sei. Auf gezieltes Nachfragen berichtet Frau K. von einer tagsüber bestehenden Pollakisurie, von Schmerzen im Becken (Zunahme bei körperlicher Belastung) sowie von einer gelegentlichen Darmentleerungsstörung (Gefühl, nicht oder nicht vollständig entleeren zu können). Die gynäkologische Untersuchung zeigte folgenden Befund:

– Zystozele durch Lateraldefekt I° (erhaltene Rugae vaginales)
– Descensus uteri I°, Portio klobig
– Rektozele I°
– Damminsuffizienz
– BB-Kontraktilität 0/5 (n. Oxford), Levatoren bds hyperton, Dolenz re > li
– Atrophie, Introitus geöffnet, symmetrisch

Sonografisch war kein Restharn sichtbar, jedoch zeigten sich eine Hypermobilität von Blase und Urethra sowie eine geringe Rektozele. Aus rein urogynäkologisch/somatischer Sicht war der Befund besser, als die angegebenen Beschwerden zunächst vermuten ließen.

Die Geburt wurde von der Patientin als massive Belastung erlebt, wie sie sehr eindrücklich beschreibt. Eine ausreichende Verarbeitung scheint nicht erfolgt zu sein. Den hohen Leidensdruck schreibt Frau K. allein ihren körperlichen Symptomen zu. Bei Patientinnen und Patienten mit psychosomatischen Symptomen erleben wir oft eine veränderte Kommunikation mit der Umwelt: „Wenn das Symptom nicht wäre, könnte ich ja… (mein Leben leben, meinen Alltag bewältigen, eine gute Mutter sein etc.).”

Alexander [2] beschrieb ein anschauliches Modell zur Entwicklung psychosomatischer Symptome: Emotionen aktivieren das autonome Nervensystem, bei Stress/ Belastungen insbesondere die sympathische Reaktion (Kampfoder- Flucht-Modus). Diese Effekte sind an körperlichen Reaktionen messbar mit beispielsweise erhöhter Muskelspannung oder Tachykardie. Die hypertone Muskulatur, durch Angst und hohe psychische Belastung physiologisch, kann schmerzhaft sein und auf Grund der Schmerzen zu weiterer Anspannung führen. Karsten et al. [3] konnten 2020 eine Assoziation von traumatischen Erfahrungen und hyperaktiver Beckenbodenmuskulatur nachweisen. Werden die Emotionen, die zu den muskulären Verspannungen stehen, nicht wahrgenommen, dann wird nur die körperliche Symptomatik wahrgenommen. Hieraus erlebt das medizinische Personal eine Diskrepanz zwischen Symptomatik und Befund. Die Behandlung auf rein somatischer Ebene verläuft oft enttäuschend, wobei die Frustration auf beiden Seiten besteht. In diesem Kontext und aus einem Gefühl der Hilflosigkeit heraus erfolgt an dieser Stelle häufig die „Psycho-Diagnose“.

Im Sinne des bio-psycho-sozialen Krankheitsverständnisses können nun alle Dimensionen unserer Patientin, welche sich postpartal bei uns vorstellte, Beachtung finden.

Es bietet sich an, schon im Rahmen der gynäkologischen Untersuchung die körperlichen Befunde klar zu benennen und ggf. einzuordnen. Die erhobenen Befunde sind vermutlich durch Schwangerschaft und Geburt verursachte Veränderungen. Hier nur von „alles ist normal“ zu sprechen, nimmt die Beschwerden und Ängste der Patientin oftmals nicht ausreichend ernst – vielmehr ist zu klären, was wir mit „normal“ meinen. Die Tatsache, dass bleibende körperliche Veränderungen im Körperbild der Patientin (noch) nicht als normal empfunden werden können, muss beachtet werden. Im Folgenden werden die Beschwerden der Patientin anhand der anatomischen Befunde erläutert:

Die Zystozele und der geöffnete Introitus sind als „alles ist offen und fällt raus“ von der Patientin spürbar. Die Beckenbodenmuskulatur ist von der Patientin nicht aktiv anzusteuern, was das „offene Gefühl“ eher noch verstärkt. Neben der Dyskoordination liegt auch eine stark hypertone Muskulatur vor. Dass angespannte Muskulatur starke Schmerzen verursacht, kann im Allgemeinen gut vermittelt werden. Dieser Zusammenhang kann im Rahmen von Psychoedukation mit der Patientin besprochen werden. Mit einem Gespräch über Angst und belastende Erfahrungen, welche hier zu verspannter und schmerzhafter Muskulatur führen, wird neben dem somatischen auch dem psychischen Aspekt entsprochen. Wahrgenommen zu werden und die Beschwerden angemessen eingeordnet zu bekommen, führt oft zu einer deutlichen Entlastung der Patientinnen. Die therapeutischen Angebote können gut analog zur Befunderhebung erfolgen: Alle Aspekte werden im Sinne eines multimodalen Therapieansatzes bei multifaktorieller Genese der Beschwerden angesprochen. Die körperlichen Befunde werden einzeln adressiert.

Ähnlich können psychosoziale Unterstützungsmöglichkeiten besprochen werden (▶ Infobox).

Mögliche psychosoziale Unterstützungsmöglichkeiten

– Gibt es Unterstützung in der Familie/Partnerschaft? Könnte dadurch Ruhe und körperliche Entlastung gewährleistet sein?
– Fühlt sich die Patientin wohl und sicher zu Hause?
– Benötigt die Patientin weitere Gespräche? Ggf. auch, um das Erlebte zu verarbeiten?

Um die Ausprägung der psychischen Belastung besser erfassen zu können und um einzuschätzen, wie dringend Interventionen erforderlich sind, empfiehlt sich die Anwendung von Fragebögen. Gut etabliert und einfach anzuwenden ist im postpartalen Kontext die Edinburgh ostnatal Depression Scale (EPDS). Vor allem die psychosozialen Bereiche sind nicht immer im Rahmen der psychosomatischen Grundversorgung durch Gynäkologinnen und Gynäkologen abzudecken.  Hier bietet es sich an, vorhandene Netzwerke zu nutzen oder für sich zu etablieren (verschiedene Websites wie z. B. Schatten und Licht e. V., regional bestehende Netzwerke im Bereich früher Hilfen kontaktieren, Verordnung von Haushaltshilfen).


Fazit

Die Nachsorge nach belastend erlebten Geburten erfordert einen ganzheitlichen Ansatz. Die Aufgabe von Gynäkologinnen und Gynäkologen ist es, die Symptomatik der Frauen in allen Aspekten zu erfassen und ernst zu nehmen. Darauf basierend kann gemeinsam mit der Patientin das therapeutische Konzept besprochen werden, in das häufig auch weitere Berufsgruppen einbezogen werden sollten.


Zusammenfassung

Die Geburt eines Kindes ist ein einschneidendes Ereignis, das sowohl körperliche als auch psychische Belastungen verursachen kann. Etwa 20 % der Gebärenden erleben die Geburt als traumatisch, 10 % entwickeln kurz darauf stressbedingte Symptome, und 3 % leiden langfristig an posttraumatischen Belastungsstörungen. Entscheidend für das Belastungserleben ist weniger der medizinische Verlauf als vielmehr die subjektive Wahrnehmung der Situation, geprägt von Kontrollverlust, Ohnmachtsgefühlen und fehlender Unterstützung. Eine nicht erfolgte Aufarbeitung kann zu langanhaltenden Symptomen führen. Besonders in der Gynäkologie zeigt sich, dass psychosomatische Zusammenhänge, wie muskuläre Verspannungen durch psychische Belastungen, oft eine Diskrepanz zwischen körperlichem Befund und wahrgenommenem Leidensdruck hervorrufen. Ein ganzheitlicher Ansatz im Sinne des bio-psycho-sozialen Modells ist daher essenziell. Neben körperlichen Befunden sollten auch psychosoziale Faktoren berücksichtigt werden, etwa durch Psychoedukation und die Nutzung etablierter Netzwerke. Die Nachsorge nach belastenden Geburten erfordert eine enge Zusammenarbeit mit weiteren Berufsgruppen, um den betroffenen Frauen eine umfassende Unterstützung zu bieten.

Schlüsselwörter: Geburtstrauma – Belastungsreaktion – Psychoedukation – Beckenbodenfunktionsstörung – Nachsorge


Summary

Psyche and Somatics After a Traumatic Birth Experience J. Marschke

The birth of a child is a significant event that can cause both physical and psychological strain. Around 20% of women experience childbirth as traumatic, 10% develop stress-related symptoms shortly after, and 3% suffer from long-term post-traumatic stress disorder. The perception of the experience, shaped by feelings of loss of control, helplessness, and lack of support, is more critical to the sense of burden than the medical course itself. A lack of processing can lead to persistent symptoms. In gynecology, psychosomatic connections, such as muscular tension caused by psychological stress, often reveal a discrepancy between physical findings and the perceived level of suffering. A holistic approach, based on the bio-psycho-social model, is therefore essential. In addition to addressing physical findings, psychosocial factors should also be considered, such as through psychoeducation and the use of established networks. Postpartum care following distressing births requires close collaboration with other professionals to provide comprehensive support for affected women.

Keywords: birth trauma – stress reaction – psychoeducation – pelvic floor dysfunction – aftercare

Literatur

  1. Weidner K et al. Traumatic Birth: Recognition and prevention. Z Geburtshilfe Neonatol 2018; 222(5): 189–196
  2. Alexander F Hrsg. Psychosomatische Medizin. DeGruyter. 4. Auflage 1985, Reprint 2019
  3. Karsten M et al. Sexual function and pelvic floor activity in women: the role of traumatic events and PTSD symptoms. Eur J Psychotraumatol 2020; 11(1) 1764246
  4. Van Rejn-Baggen D et al. Pelvic Floor Physical Therapy for Pelvic Floor Hypertonicity: A Systematic Review of Treatment Efficacy. Sex Med Rev 2022; 10(2): 209–230
  5. Günthert EA. Psychosomatische Urologie. Klett-Cotta-Verlag. 2. Auflage 2018

Interessenkonflikt:

Die Autorin erklärt, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Empfehlungen des International Committee of Medical Journal Editors bestand.

Korrespondenzadresse:

Dr. med. Juliane Marschke
Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Zusatztitel Psychotherapie (tp) Oberärztin Deutsches Beckenbodenzentrum, Klinik für Urogynäkologie St. Hedwig Krankenhaus Berlin
j.marschke@alexianer.de

Slide Psyche und Somatik nach belastend erlebter Geburt Gyne 01/2025

Gyne 04/2024 – Sexualität und Partnerschaft nach der Geburt – „Es ist anders, als wir dachten!“

  • 9. Dezember 2024
  • Gyne

Gyne 04/2024

Sexualität und Partnerschaft nach der Geburt – „Es ist anders, als wir dachten!“

Autorin:

R. Gnirss-Bormet

Einleitung

Kaum ein Ereignis im Leben eines Paares verändert das Miteinander so sehr wie die erste Schwangerschaft und Geburt. Die damit einhergehenden Veränderungen haben körperliche, psychische, partnerschaftliche und gesellschaftliche Aspekte. Sie verändern das Selbstbild der Eltern, ihr Gefühl zum eigenen Körper und zueinander sowie ihre Rolle innerhalb der eigenen Familie und in der Gesellschaft.

All diese biologischen, psychologischen und nicht zuletzt sozialen Veränderungen führen zu einer Art Reifungskrise. Die Bewältigung dieser Veränderungen geht mit vielen innerseelischen und interpersonellen Konflikten einher, wie jede wichtige Veränderung. Bei aller Freude über das Baby ist eine zeitweilige Verunsicherung vollkommen normal. Viele Paare fragen sich, ob sie als Eltern gut genug sein können, ob sie all die neuen Herausforderungen bewältigen können und wie ihre Partnerschaft diese stürmische Zeit gut übersteht.

Veränderte Sexualität durch Schwangerschaft und Geburt

In dieser Zeit verändert sich auch die Sexualität des Paares. Es hat sich bei vielen Untersuchungen gezeigt, dass die meisten Paare bereits während der Schwangerschaft weniger Sexualität miteinander erleben, und dass für viele Paare eine lange Zeit vergeht, bis beide wieder ähnliches Interesse und ähnlich viel Freude am sexuellen Zusammensein haben wie vor der Geburt. Bemerkenswert ist die große inter individuelle Variabilität bezüglich des sexuellen Interesses [1]. Angesichts der mit den sexuellen Veränderungen oft einhergehenden Unsicherheit der Patientinnen und ihrer Partner ist dies ein Thema, das viele Patientinnen gerne mit ihrer Gynäkologin oder ihrem Gynäkologen besprechen möchten.

Im Folgenden möchte ich aus der Praxis der Paar- und Sexualberatung berichten, um den behandelnden Frauenärztinnen und Frauenärzten Mut zu machen, das wichtige Thema Sexualität bereits in der Schwangerschaft informierend anzusprechen und ihren Patientinnen und deren Partnern nach der Geburt die Möglichkeit anzubieten, über sexuelle Probleme zu sprechen. Bei der Sichtung der Literatur zum Thema postpartaler Sexualität wurde deutlich, dass bisher vor allem zur Sexualität der Mütter geforscht wurde und hier v. a. die körperlichen Faktoren und deren Einfluss beforscht wurden [2].

Mögliche somatische Faktoren

  • ein hoher Prolaktinspiegel bei stillenden Frauen und damit einhergehend niedrige Östrogen- und Testosteronwerte
  • durch den Östrogenmangel bedingt eine vulvovaginale Atrophie mit einem negativen Einfluss auf die genitale Erregungsreaktion und fehlende Lubrikation, damit einher – gehend Schmerzen beim Geschlechtsverkehr
  • eine verminderte Libido und eine verminderte Empfänglichkeit für sexuelle Stimulation und vermindertes Vergnügen an Sexualität, wie es als eines der Kernsymptome bei Testosteronmangel beschrieben wird [3]
  • Müdigkeit und Erschöpfung durch das Stillen und den Schlafmangel
  • fortbestehende Schmerzen im Bereich der Vulva und der Vagina nach Geburtsverletzungen, eventuell schmerzende Narben, manchmal auch Schädigung des Nervus Pudendus durch Überdehnung bei vaginaler Entbindung
  • Dauer der körperlichen Erholung: Die Rückbildung des Beckenbodens und die Kräftigung der überdehnten Bauchmuskulatur brauchen Zeit, Missempfindungen im Bereich der Vulva und des Beckenbodens sind ebenso wie Rückenschmerzen sehr häufig

In den gesichteten Studien wurden die Einflüsse der Veränderungen in der Partnerschaft und psychosoziale Stressfaktoren selten erfasst. Wenn man sexuelle Begegnungen als eine körperliche intime Interaktion zweier Menschen versteht, die von beiden gestaltet und die auch durch psychosoziale Rahmenbedingungen beeinflusst wird, bleiben entsprechend viele wichtige Veränderungen ungeklärt. Ich habe in meiner Praxis überwiegend heterosexuelle Paare beraten, deshalb beziehe ich mich im Folgenden auf diese Erfahrungen. Lesbische Paare, die nach der Geburt zur Beratung kamen, unterschieden sich kaum in ihren sexuellen und partnerschaftlichen Problemen, jedoch schienen sie sich in ihrem Umfeld besser unterstützt zu fühlen.

Psychosoziale Einflussfaktoren auf die gelebte Sexualität

Viele Faktoren, die sich im Rahmen einer Sexualberatung als wichtig erweisen, sind nicht einfach zu untersuchen. So etwa wie die Eltern die Beziehung zum Kind erleben, ob das Kind gesund ist, ob sie ein Baby haben, das besonders schwer zur Ruhe kommt oder eine Fütterungsstörung hat, und wie die Ressourcen bezüglich Unterstützung und Entlastung im Umfeld aussehen. Um einen besseren Eindruck von den doch sehr deutlichen und häufigen Veränderungen des sexuellen Erlebens von Frauen nach der Geburt zu vermitteln, werden zunächst die Ergebnisse einer Untersuchung der Universitätsklinik Bonn [4] näher betrachtet.

Dort wurden heterosexuelle Frauen sechs Monate nach der Geburt zu ihrer Sexualität befragt. Zum allgemeinen sexuellen Erleben gaben nur 55 % der Frauen an, dass die Sexualität wieder ähnlich gut war wie vor der Schwangerschaft, 4 % bzw. 1,4 % berichteten von einem besseren bzw. viel besseren sexuellen Erleben. Immerhin 40 % der Frauen gaben an, ihr sexuelles Empfinden habe sich verschlechtert. Danach wurde gezielt nach sexuellen Dysfunktionen gefragt. Jede dritte Frau klagte über ein mangelndes sexuelles Verlangen, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr und mangelnde sexuelle Befriedigung, 13 % klagten über Orgasmusprobleme. Stillende Frauen waren am häufigsten betroffen. Sie nannten v. a. Lustlosigkeit und Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Als Gründe für die bei stillenden Frauen häufiger auftretenden Störungen werden der hohe lustmindernde Prolaktinspiegel sowie der niedrigere Östrogenspiegel während des Stillens und die größere Müdigkeit durch das Stillen diskutiert. Ein wichtiges Ergebnis der Studie war auch, dass die überwiegende Mehrheit der sexuellen Probleme erst nach der Geburt aufgetreten war. Ein weiteres wichtiges Ergebnis dieser Untersuchung: Die Frauen mit einer Verschlechterung der Sexualität fühlten sich psychisch stärker belastet, sie fühlten sich sozial unsicherer, depressiver und gereizter. Die Verschlechterung der Sexualität geht somit auch mit vermehrten psychischen Symptomen einher.

Sexuelle Probleme nach der Geburt sind also keine Seltenheit, sondern finden sich bei vielen Frauen und verdienen Beachtung, zumal sie auch dazu tendieren zu chronifizieren. Aus der Sexualberatung ist der folgende Zusammenhang bekannt: Einerseits wirken sich psychische und soziale Belastungen bei Frauen häufig sexuell dämpfend aus, andererseits wirkt sich die gestörte Sexualität als Stressor und Belastung für die Frauen aus – insbesondere dann, wenn der Partner dadurch irritiert ist und sich daraus weitere partnerschaftliche Probleme ergeben. Allerdings er – leben auch viele Männer eine Verminderung ihrer sexuellen (Re)aktionsfähigkeit nach der Geburt, sie geben als Gründe dafür v. a. körperliche Müdigkeit und die zeitliche Beschränkung der Möglichkeiten zu sexuellen Begegnungen an. Einige berichten, dass sie selbst noch Zeit brauchen, sich vom Erleben der Geburt zu erholen. Das vermeintliche Desinteresse der Väter kann zu einer Irritation ihrer Partnerinnen führen, wenn diese das Gefühl entwickeln, mit ihrem veränderten Körper für den Partner nicht mehr attraktiv zu sein. Hier besteht ein erheblicher Bedarf an frühzeitiger Information und Beratung, damit die Sexualität vorübergehend in den Hintergrund treten kann, ohne dass sich daraus schwerwiegende sexuelle Probleme und eine Belastung der Partnerschaft ergeben. Ein solches Gespräch kann für beide Partner enorm entlastend sein, wenn deutlich wird, dass sie einvernehmlich fürs Erste auf intensivere sexuelle Begegnungen verzichten. Dies gelingt v. a. dann, wenn andere Möglichkeiten des Austauschs gefunden werden können.

Fallbeispiel

Frau H. hatte sich bei mir angemeldet, sie war sexuell lustlos und hatte vier Monate nach der Geburt dennoch versucht, mit ihrem Mann zu schlafen. Sie hatte starke Schmerzen beim Einführen des Penis empfunden und sie mussten den Versuch aufgeben. Ihr Kind sei gesund, fordere sie allerdings sehr. Sie stille bisher noch voll. Sie habe sich sehr unter Druck gefühlt, wieder mit ihrem Mann zu schlafen. Allerdings sei sie kaum erregt gewesen. Ich frage sie, was sie vor der Schwangerschaft als erregend empfunden hätte. Sie schildert, vor allem durch intensives Küssen und Berührungen ihrer Brüste erregt worden zu sein, jetzt seien diese für sie aber wegen des Stillens tabu. Bei der sexuellen Begegnung sei sie vaginal trocken und angespannt gewesen. In der Schwangerschaft hatte sie zeitweilig viel Lust gehabt, ihr Mann sei hingegen sehr zurückhaltend gewesen. Das hätte sie damals traurig gestimmt. Darüber geredet hätten sie nicht. Auch jetzt habe sie mit ihrem Mann seit dem missglückten Versuch nicht über ihre Sexualität gesprochen. Ich informierte sie über die Normalität und die Zusammenhänge ihrer Situation und bot an, ihren Partner zum nächsten Gespräch einzuladen.

Im zweiten Gespräch berichtet Herr H., auch er sei im Moment oft sehr erschöpft und sexuell deshalb nicht sonderlich interessiert. Er habe jedoch viel Freude am kleinen Sohn und für ihn sei es beglückend, seine Frau als Mutter und sich als Vater zu erleben. Er freue sich auf die bevorstehende Elternzeit. Beim ersten sexuellen Kontakt nach der Geburt hätten sie beide sehr unter Druck gestanden. Sie hätten nicht gewusst, wann der Kleine wieder wach würde und waren beide wegen des Kondoms als Verhütungsmethode unsicher. Frau H. ist durch dieses Gespräch sehr entlastet. Beide kommen überein, sich regelmäßig Zeit für sich selbst und für ihre Zweisamkeit zu nehmen.

Beim Folgetermin nach vier Monaten arbeitet Frau H. wieder. Sie hat abgestillt und nimmt die Pille. Bereits vier Wochen nach dem Abstillen habe sie mehr Lust empfunden. Sie berichtet von kleinen Auszeiten, die sie manchmal auch nutzt, um ihre Dammregion einzuölen und zu massieren. Nachdem sie sich durch das problemlose Einführen eines Fingers überzeugen konnte, dass sie keine Schmerzen mehr hatte, habe sie sich sexuell besser öffnen können. Sie und ihr Partner seien beide froh, wieder diese Nähe spüren zu können.

Das Beispiel zeigt das Zusammenspiel körperlicher und psychosozialer Faktoren und dass zur Problemlösung eine kurze biopsychosoziale Sexualberatung ausreichen kann.

Psychische Situation Schwangerer

Viele Frauen vermissen bereits in der Schwangerschaft in ihrem Umfeld eine Art (mütterliche) Betreuung mit Zuspruch und Hilfe. Zudem erleben sie, wie unterschiedlich sie selbst und ihr Partner von der Schwangerschaft betroffen sind. Viele Frauen empfinden angesichts dieser Situation Gefühle wie Neid, Wut und Empörung und fühlen sich isoliert und alleine, wenn sie darüber nicht sprechen können. Viele werdende Eltern leiden außerdem unter der Angst, im neuen Lebensabschnitt ihre Autonomie zu verlieren. Die Folge sind häufig peri- sowie postpartale Depressionen. Auch die Väter können diese Symptome entwickeln.

Psychosoziale Situation junger Mütter und Väter

Junge Mütter haben in ihrem nahen Umfeld oft keine erfahrene, ihnen zugewandte mütterliche Person, die ihnen mit mütterlicher Kompetenz Sicherheit und Bestätigung geben kann. Sie vermissen das, was der bekannte Säuglingsforscher Daniel Stern als absolute Notwendigkeit für jede Mutter beschreibt: Eine bestätigende, Halt sowie Unterstützung und Anerkennung gebende Umwelt, die er „unterstützende mütterliche Matrix“ nennt [5]. Hier kommt der Betreuung durch ambulant tätige Hebammen in der Schwangerschaft und im Wochenbett eine wichtige Rolle zu: Eltern berichten oft, wie wertvoll diese Unterstützung war.

Hinzu kommt, dass heutige Eltern oft weniger auf das Elternsein vorbereitet sind als jede Generation vor ihnen. Sie hatten weniger Möglichkeiten, im persönlichen Umfeld den Umgang mit Säuglingen zu beobachten und zu üben. Dies verstärkt die Ängste, nicht früh genug zu merken, wenn es dem eigenen Kind nicht gut geht und führt zu einer erheblichen seelischen Belastung im Alltag. Häufige Besuche beim Kinderarzt oder in der Notaufnahme können die Folge sein. Dort kann allerdings aufgrund des Zeitmangels und infolge mangelnden Verständnisses selten auf die Ängste eingegangen werden, die hinter dem Gang zum Arzt stehen. Viele junge Mütter erleben auch schmerzlich, wie sie mit dem Mutterwerden den Kontakt zu ihren bisherigen Bekannten und Freundinnen verlieren. Sie fallen oft aus ihrem bisherigen sozialen Bezugsrahmen heraus. Mütter und Väter beschäftigt die Frage, ob sie den Wiedereinstieg in den Beruf nach der Elternzeit gut bewältigen können und ob es ihnen gelingt, sich so zu organisieren, dass sie Beruf und Elternsein gut vereinbaren können [6]. Viele Väter möchten sich in der Kindererziehung und im Haushalt stärker einbringen. Sie vermissen ebenfalls Rat und Unterstützung sowie Arbeitgeber, die Verständnis haben. Viele Eltern machen sich zudem Sorgen, ob ihre Stelle sicher ist.

Bedeutung von Sexualität für die Partnerschaft

Sexualität kann in dieser Situation Trost, Unterstützung und Bestätigung der Partnerschaft sein sowie die Zweierbeziehung bestätigen und ihr den nötigen Raum geben. Wenn Sexualität noch nicht ohne Probleme möglich ist, kann gemeinsam überlegt werden, welche anderen Möglichkeiten ein Paar hat, um das Gefühl von Zusammengehörigkeit, Liebe und Geborgenheit zu stärken. Häufig geht es überhaupt nicht in erster Linie um die Sexualität, wenn Mütter oder Väter auf eine sexuelle Zurückweisung empfindlich reagieren. Vielmehr werden in der ungewohnten Dreiersituation oft Gefühle von Kränkung aktiviert, die aus der eigenen Kindheit stammen. Manchmal kommt ein Partner dieser Situation auch prophylaktisch zuvor und zieht sich vom anderen emotional und sexuell zurück. Diese Reaktion findet sich nicht selten als wichtiges seelisches Motiv bei Affären in der Schwangerschaft und nach der Geburt, v. a. auf Seiten der Väter. Viele Mütter und Väter vermissen die Bestätigung für das, was sie tun. Viele Väter haben Angst vor einer Trennung, wenn sie merken, dass ihre Frau unglücklich ist. Wenn Väter das Baby als Rivalen um die Liebe ihrer Partnerin erleben und mit dem Baby um die Aufmerksamkeit der Mutter kämpfen, erfahren sie kaum die gewünschte Zuwendung und Bestätigung. Vielmehr sehen sie sich einer wütenden Frau gegenüber, die ihr Verhalten absolut nicht nachvollziehen kann. Wenn es in dieser Zeit zu gegenseitigen Enttäuschungen und Kränkungen kommt, dann bestimmen diese häufig den weiteren Verlauf der Partnerschaft. Hier zeigt sich das System der Kleinfamilie ohne zusätzliche Hilfe von außen häufig überlastet. In solchen Szenarien kommt es oft zu mühsamen sexuellen Erlebnissen mit Versagensgefühlen. Und diese Erlebnisse lösen Druck, Stress und Angst vor einer Wiederholung aus. Schöne sexuelle Begegnungen werden somit immer unwahrscheinlicher.

Was können Gynäkologinnen und Gynäkologen tun?

Wichtig erscheint ein frühzeitiges Ansprechen der möglichen Veränderungen der Sexualität, wann immer möglich im Paargespräch und noch vor der Geburt. Wenn Paare hören, dass ca. die Hälfte aller Paare nach der Geburt zunächst sexuelle Probleme haben und die Gründe dafür erfahren, fühlen sie sich weniger belastet. Nach der Geburt sollte die „Normalität“ von sexuellen Problemen erneut betont sowie Ursachen im Einzelfall betrachtet werden. Das kann die Empfängnisverhütung sein, die Lustlosigkeit während der Zeit des Stillens, Schmerzen beim Verkehr, der Mangel von Zweisamkeit etc. Zudem kann kommuniziert werden, dass es evolutionär betrachtet durchaus Sinn macht, wenn Eltern während dieser Zeit durch die Veränderung ihrer Sexualhormone weniger Interesse an Sexualität haben, weil so die Hinwendung zum Baby unterstützt wird. Auch bei Vätern, die viel Zeit mit ihrem Baby verbringen, verändern sich die Hormone. Ihre Testosteronwerte nehmen ab, während ihre Oxytocinwerte deutlich ansteigen, was ihre Reaktion auf sexuelle Reize vermindert, die Hinwendung zum Kind aber verstärkt [7].

Zu wissen, dass man sich Zeit nehmen darf, bis man sich selbst wieder körperlich wohl fühlt, und miteinander zu besprechen, wie auch in dieser Zeit das Gefühl von Verbundenheit erhalten werden kann, ist für viele Paare absolut ausreichend. Zur Klärung wichtiger emotionaler Anliegen können wir Fragen stellen. So kann beispielsweise erfragt werden, was jede und jeder für sich selbst sowie für den Partner tun kann, um sich wieder wohler und geborgener/geliebter zu fühlen. Die Ideen und Wünsche, die dabei genannt werden, sind oft erfüllbar und sehr konkret. Wir können so als Beratende Teil einer unterstützenden elterlichen Matrix sein. Wir können den Eltern unsere Anerkennung für ihre Leistungen in diesem neuen Lebensabschnitt aussprechen und sie ermutigen, unnötige Aufgaben und Belastungen auszusortieren. Wir können ihnen helfen, sich gegenüber Ansprüchen und Begehrlichkeiten von außen abzugrenzen und sie ermutigen, sich zusätzliche Ressourcen im Außen zu erschließen. Die Teilnahme an einem Kurs zur Rückbildungsgymnastik verbessert die Chance, sich wieder wohler zu fühlen im eigenen Körper – und man kann sich mit anderen Müttern austauschen und Freundschaften schließen.

Interdisziplinäre Unterstützung

Sollte weitere professionelle Hilfe nötig sein, ist ein interdisziplinäres Netzwerk hilfreich. Wenn neben den sexuellen Problemen eine depressive Erkrankung besteht, muss eine fachärztliche Weiterbehandlung erfolgen. Manchmal ist eine gründliche funktionelle Untersuchung des Beckenbodens nötig, weil es bei der Geburt zu bisher nicht festgestellten Verletzungen des Beckenbodens oder zu Tonusänderungen der Beckenbodenmuskulatur gekommen ist. Dies kann sich in einem Gefühl von Druck und Schwere im Dammbereich oder auch in einer Inkontinenz äußern. Hier sollte früh eine Behandlung eingeleitet werden. Schwerwiegende Dysfunktionen des Beckenbodens verändern sich nicht von selbst. Auf der Website der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologie Geburtshilfe Urologie Proktologie (AG GGUP, https://www.ag-ggup. de) finden sich Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten mit entsprechender Ausbildung. Zum postpartalen Schutz des Beckenbodens bei Alltagsbelastungen können Hebamme oder eine Physiotherapeutin beratend zur Seite stehen.

Wenn der Eindruck entsteht, dass ein Paar in dieser Situation weiteren Beratungsbedarf hat, kann eine Überweisung an eine Ehe und Familienberatungsstelle bei der Diakonie, zu katholischen Familien-Beratungsstellen, zur pro familia oder Familienplanungszentren hilfreich sein. Es ist nützlich, über das Angebot der Beratungsstellen vor Ort informiert zu sein. Auch kann gemeinsam überlegt werden, ob eine Sexual- oder Paartherapie sinnvoll ist. Eine entsprechend spezialisierte Fachperson kann z. B. über das Webangebot https://www.psychotherapiesuche. de gefunden werden. Auch auf den Seiten der deutschen Gesellschaft für Sexualforschung (DGfS, https://www.dgfs.info/home.html) sowie der Deutschen Gesellschaft für Sexualmedizin und Sexualpsychologie (DGSMP, https://www. dgsmp.org) finden sich Listen ausgewiesener Fachpersonen, geordnet nach Postleitzahlen.

Literatur

  1. Von Sydow K. Sexualität in der Schwangerschaft und nach der Entbindung. Sexuologie 2006; 13: 148–153
  2. Gutzeit O, Levy G, Lowenstein L. Postpartum Female Function: Risk Factors for Postpartum Sexual Dysfunction. Sex Med 2020; 8: 8–13
  3. Schwenkhagen A. Sexualität und Hormone. In: Dorn A, Kimmich- Laux D, Richter-Appelt H et al. Hrsg. Die Psyche im Spiegel der Hormone. Frankfurt am Main: Mabuse- Verlag 2011. S. 55–60
  4. Wendt A, Rohde A et al. Erleben der Sexualität nach Schwangerschaft und Entbindung. In: Stöbel- Richter Y, Ludwig A, Franke P et al. Hrsg. Anspruch und Wirklichkeit in der psychosomatischen Gynäkologie und Geburtshilfe. Gießen: Psychosozial-Verlag 2006. S 227–235
  5. Stern D, Bruschweiler-Stern N, Hrsg. Die Geburt einer Mutter. München: Piper; 2002. S. 157–158
  6. Stern D, Bruschweiler-Stern N, Hrsg. Die Geburt einer Mutter. München: Piper; 2002. S. 215–227
  7. Mescaro JS, Hackett PD, Rilling JK. Differential Neural Response to Child and Sexual Stimuli in Human Fathers and Non- Fathers and their Hormonal Correlates. Psychoneuroendocrinologie 2014; 46: 153–163

Weiterführende Literatur:

  • „Sprechen über Sex“ –Karina Kehlet Lins, Carl-Auer-Verlag 2020
  • „Mutterhirn“ – Chelsea Conaboy, Harpercollins, Hamburg, 2023
  • „Sexualberatung” – Claus Buddeberg, Thieme-Verlag, 4. Auflage 2005
  • “Returning to running postnatal“ – guidelines for medical, health and fitness professionals manging this population, Goom T, Donelly G, Brockwell E. 2019

Zusammenfassung

Die erste Schwangerschaft und die Geburt bringen tiefgreifende Veränderungen im Leben eines Paares mit sich, die sowohl körperliche, psychische als auch partnerschaftliche Aspekte betreffen. Besonders die Sexualität wird stark beeinflusst: Viele Paare erleben während der Schwangerschaft und nach der Geburt eine verminderte sexuelle Aktivität. Stillen, hormonelle Umstellungen, Müdigkeit und körperliche Beschwerden tragen dazu bei. Ein hoher Prolaktinund ein niedriger Östrogen- und Testosteronspiegel können das sexuelle Verlangen senken. Geburtsverletzungen und veränderte Hormone können zu Schmerzen beim Geschlechtsverkehr führen. Auch psychosoziale Faktoren wie der Stress durch die neue Familiensituation, Erschöpfung oder der Verlust von Unabhängigkeit spielen eine Rolle. Trotz der Herausforderungen ist es wichtig, diese Themen frühzeitig in der Beratung anzusprechen. Eine offene Kommunikation kann helfen, sexuelle Probleme zu lösen und die Beziehung zu stärken. Paar- und Sexualberatung kann dabei unterstützen, eine Balance zwischen Elternschaft und Partnerschaft zu finden.

Schlüsselwörter: Sexualität – Sexualität nach Geburt – Paarbeziehung – Sexualberatung – Sexualhormone

Summary

Sexuality and Partnership After Birth – “It‘s Different Than We Thought!“ R. Gnirss-Bormet The first pregnancy and birth bring profound changes to a couple‘s life, affecting physical, psychological, and relational aspects. Sexuality is particularly impacted: many couples experience reduced sexual activity during pregnancy and postpartum. Factors like breastfeeding, hormonal changes, fatigue, and physical discomfort contribute to this. High prolactin and low estrogen and testosterone levels can decrease sexual desire. Birth injuries and hormonal changes lead to pain during intercourse. Psychosocial factors such as stress from the new family situation, exhaustion, or loss of independence also play a role. Despite these challenges, it is crucial to address these issues early in consultations. Open communication can help resolve sexual issues and strengthen the relationship. Couple and sexual counseling can support couples in balancing parenthood and partnership.

Keywords: sexuality – postpartum sexual activity – couple relations – sexual consultation – sex hormones

Korrespondenzadresse:
Dr.med.Ruth Gnirrs-Bormet
Fachärztin für Allgemeinmedizin und Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin; Sexual- und Paartherapeutin Dozentin und Supervisorin der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung DGfS dr.ruth.gnirss@web.de

Interessenkonflikt:
Die Autorin erklärt, dass keine Interessenkonflikte im Sinne der Empfehlungen des International Committee of Medical Journal Editors bestanden.

Slide Sexualität und Partnerschaft nach der Geburt - "Es ist anders, als wir dachten!" Gyne 04/2024

Gyne 02/2024 – Nichthormonelle Kontrazeption: Es wird Zeit, sich darum zu kümmern!

Gyne 02/2024

Nichthormonelle Kontrazeption: Es wird Zeit, sich darum zu kümmern!

Autorin:

C. Schumann-Doermer

Zur Einleitung

Aktuelle Umfragen belegen die Erfahrung in der gynäkologischen Praxis: Die Beliebtheit und Akzeptanz der Pille nehmen ab, die Skepsis wegen möglicher Schäden und Nebenwirkungen nimmt zu. Zwar sind Frauenärzt* innen immer noch gesuchte Ansprechpartner*innen zu Fragen der Kontrazeption, aber der Einfluss anderer Quellen, vorrangig von Social Media, steigt kontinuierlich an. Um sich gegenüber den oft einseitigen Informationen von TikTok & Co [1] behaupten und Alternativen anbieten zu können, sollten Frauenärzt*innen ihr Wissen aktualisieren, zu hormonellen wie besonders zu nichthormonellen Kontrazeptiva. Fragen, die sich stellen: Was ist für die Betroffenen so „schlimm“ an der Pille? Wie kann man mit Kondomen eine hohe kontrazeptive Effektivität erreichen? Wie wendet man ein Diaphragma an? Und vor allem: Wie erreichen wir mit unserem Wissen die Ratsuchenden?

Die folgenden Ausführungen stützen sich in weiten Teilen auf die Anfang 2024 fertiggestellte und lesenswerte AWMF-Leitlinie Nichthormonelle Empfängnisverhütung [2].

Verhütungsverhalten in Deutschland

Die aktuellen Daten zum Verhütungsverhalten Erwachsener, die von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) seit 2007 regelmäßig erhoben werden, belegen [3]: Der Trend „contra Pille, pro Kondom“ [4] hat weiter deutlich weiter zugenommen. Zwischen 2007 und 2023 ging der Anteil der Pillennutzung zurück von 55 % (2007) auf 38% (2023), während im gleichen Zeitraum die Kondom- Verwendung stieg von 36% (2007) auf 53% (2023). Dieser „grundlegenden Veränderung im Verhütungsverhalten liegt eine zunehmend kritische Einstellung zu hormonellen Verhütungsmethoden zugrunde“ [5]. Der Anteil der Spirale als Verhütungsmethode stieg in den letzten Jahren etwas an: Er lag bis 2018 bei konstant 10–11 %, 2023 bei 14 %. Alle übrigen Verhütungsmethoden stagnieren bei niedrigen Prozentzahlen.

Schon seit 1980 erhebt die BZgA Daten zur Sexualität von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Laut der Repräsentativstudie „Jugendsexualität 9. Welle“ [6] verhüteten im Jahre 2019 73 % der Befragten beim ersten Geschlechtsverkehr mit Kondom, nur 43 % mit der Pille. Die hohe Zahl für Kondome erklärt sich auch dadurch, dass viele Kondom und Pille gleichzeitig nutzen, um sich zusätzlich gegen STI zu schützen [7]. Mit zunehmender sexueller Erfahrung nimmt bei Jugendlichen der Anteil der Pillen- Nutzung zu auf 58 %, während der der Kondomnutzung abnimmt, aber immer noch bei 50 % liegt. „Entsprechend sind Ärzt*innen aufgefordert, ihr Wissen um nicht-hormonelle Kontrazeptiva zu intensivieren“, heißt es im Vorwort der neuen Leitlinie [2].

Verhütungsberatung in der gynäkologischen Praxis I

Die offene Anamnese-Frage „Ist Verhütung ein Thema für Sie?“ öffnet die Tür für das weitere Gespräch. Die Frage signalisiert Interesse für die aktuelle Lebenssituation: Leben als Single? In einer lesbischen oder in einer heterosexuellen Beziehung? Kinderwunsch? Verhütung temporär oder längerfristig gewünscht? Weitere offene Fragen können sich anschließen: „Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer Methode? Was ist Ihnen wichtig bei einer Verhütungsmethode?“ Das impliziert: Die „ideale Methode für jede/n“ gibt es nicht. Es geht um das Abwägen von Wirksamkeit und Nebenwirkungen der Methode und um eventuellen zusätzlichen Nutzen. Nicht selten kommen spontan Äußerungen wie: „Die Pille ist ja eine richtige Hormonbombe, die nehme ich auf keinen Fall (weiter)“. Das kann ein Trigger sein für manche Frauenärzt*innen, der ärgerliche Ablehnung provoziert: „Das ist doch Quatsch, wer hat Ihnen denn das gesagt?“ Folge: Ende des Gesprächs.

Exkurs Pille (Kombinationspräparate)

Die Pille greift massiv ein in den hormonellen Kreislauf. Und das ist gewollt: Durch den über Wochen konstanten Östrogen-Gestagen-Spiegel werden FSH und LH gehemmt und damit der Eisprung verhindert. Darauf beruht die hohe kontrazeptive Sicherheit.

Aber: Die Unterdrückung der Hypothalamus- Hypophysen-Gonaden-Achse (HHGA) kann neben der Verhinderung des Eisprungs auch andere Auswirkungen haben. Die Ergebnisse der Neuro-Psycho-Endokrinologie weisen darauf hin, wie im Körper alles mit allem verzahnt ist im Sinn einer psychohormonellen Regulation. In der Fachinformation steht nicht umsonst als häufige Nebenwirkung „Stimmungsschwankungen, einschließlich Depression; Änderungen der Libido.

Zur Auswirkung auf die Libido gibt es keine eindeutigen Ergebnisse, sowohl positive wie negative werden in Studien beschrieben [8]. Zu den psychischen Auswirkungen hat eine dänische Studie vor Jahren neue beunruhigende Daten geliefert: Diese große Kohortenstudie [9] verwies auf den Zusammenhang zwischen der Einnahme von Kombinationspräparaten und depressiven Veränderungen, gerade bei Jüngeren. Eine Erhöhung der Suizidrate wurde beobachtet. Seit 2019 wurde der Fachinformation zur Pille entsprechend als Warnhinweis eingefügt: „Depressive Verstimmung und Depression stellen bei der Anwendung hormoneller Kontrazeptiva allgemein bekannte Nebenwirkungen dar […] Depressionen können schwerwiegend sein und sind ein allgemein bekannter Risikofaktor für suizidales Verhalten und Suizid.“

Länger und allgemein bekannt ist das erhöhte Thrombose-Risiko unter kombinierten Kontrazeptiva, das laut aktueller BfAM-Information [10] unverändert gilt, abhängig von der Östrogen/Gestagen Kombination. Ebenfalls unverändert haben die „älteren“ LNG-haltigen Kontrazeptiva das niedrigste Thrombose-Risiko, wichtig gerade für die Erst-Verordnung: Viele Frauen bleiben über Jahre bei ihrer ersten Pille.

Die Pille hat aber wie bekannt auch viele Vorteile: Die positiven Nebeneffekte vor allem auf die Menstruation, aber auch auf Haut und Haare werden von vielen Anwenderinnen geschätzt. Und die Methodensicherheit ist hoch; sie verspricht eine fast 100%-ige kontrazeptive Effektivität.

Verhütungssicherheit: Der Unterschied zwischen „perfect use“ und „typical use“

Fast alle Methoden der Kontrazeption hängen von den Anwendenden ab, das heißt davon, ob Pille/ Kondom/ NFP immer konsequent und richtig genutzt werden („perfect use“ / Methodensicherheit), oder ob es, wie im Alltag üblich, Lücken oder Fehler gibt („typical use“ / Gebrauchssicherheit) (▶ Tab. 1). Die früher übliche kontrazeptive Beurteilung nach dem sog. Pearl-Index wurde abgelöst durch Life-Table-Berechnungen. Der kumulative Life-Table-Wert nach 13 Zyklen entspricht der Schwangerschaftsrate pro 100 Frauen in einem Jahr.

Beispiel Pille: Die Methodensicherheit, d.h. die Versagerrate, liegt bei 0,3 Schwangerschaften/100 Frauen. Bei typical use steigt die Rate aber auf 2–8 %. Diese deutlich schlechtere Effektivität „im Alltag“ ist vielen nicht präsent, Anwenderinnen wir Ärzt*innen. Woher kommt das? Das größte Problem ist das „Vergessen“, das „Nicht-Mitnehmen zur Auswärts-Übernachtung“, seltener sind Erbrechen/ Durchfall [11].

Beim Kondom, dem bevorzugten Verhütungsmittel gerade bei Jüngeren, ist die Versagerrate bei perfect use mit 2 % recht niedrig, für viele verblüffend. Die Zahlen für den typical use sind deutlich schlechter, da werden in Studien bis 13 % ungewollte Schwangerschaften angegeben. Hauptgrund sind die Anwendungsprobleme. Laut dem Factsheet Kondom aus der BZgA-Erhebung zur Jugendsexualität [7] geben 32 % der Befragten 14- bis 25-Jährigen an, dass das Kondom schon einmal geplatzt oder gerissen sei, bei 21 % war es schon einmal abgerutscht, 32 % hatten Probleme beim Überrollen, bei 28 % war das Produkt zu klein, bei 6 % zu groß. Ein weiteres Problem: Das (eigentlich zur Verhütung geplante) Kondom wird weggelassen, um den sexuellen Genuss nicht zu stören oder weil die Erektion nachlässt. Die Zahlen zwischen perfect und typical use klaffen bei den weiblichen Barriere-Methoden noch weiter auseinander, wobei die Studienlage dazu begrenzt ist.

Verhütungsberatung II

Die Ablehnung der Pille als „Hormonphobie“ einzelner zu entwerten, geht an der Realität vorbei. Die Skepsis gegenüber der Pille hat teilweise gute Gründe, wie oben dargelegt. Der Aussage „Verhütung mit der Pille oder Hormonen in anderer Form hat negative Auswirkungen auf Körper und Seele“ stimmten 2023 fast Zweidrittel (61 %) der Befragten zu, 2018 war es knapp die Hälfte (48 %) [3]. Bagatellisierung im Gespräch bringt nicht weiter. Das Ernstnehmen der Bedenken ist der Einstieg in die Beratung, und dann die differenzierte Klärung: Worauf beruht die Ablehnung? Eigene Erfahrung? Freundeskreis? Informationen aus Social Media? Im Weiteren geht es um die Klärung der Fakten: Was ist wissenschaftlich belegt an Nachteilen wie auch an Vorteilen?

Unabhängig von wissenschaftlicher Evidenz können subjektive Erfahrung und Einschätzung für die Entscheidung entscheidend sein. Es geht um die Wichtigkeit von Sicherheit, um Vorerkrankungen, mögliche Nebenwirkungen, um die Lebenssituation und -erfahrung, um den Einfluss auf Sexualität, die Kosten. Das „Sortieren der Argumente“ und eine entsprechende ärztliche Positionierung kann ein wichtiger Faktor sein für die Entscheidungsfindung. Ein Beispiel: Für eine gewissenhafte 16-Jährige mit hohem Sicherheitsbedarf und (noch) wenig sexueller Erfahrung kann die Pille die aktuell „richtige“ Methode sein, die sie maximal schützt, beim Sex nicht stört und zusätzlich die Dysmenorrhoe mindert. Es ist wichtig, als Ärztin die Meinung von Influencerinnen zu problematisieren und Mut zu machen für eigene Erfahrungen. Mit dem Angebot, gerne wiederzukommen für ein nächstes Gespräch.

Gut läuft die Beratung, wenn die Frage kommt: „Und was gibt es sonst noch außer der Pille, was können Sie mir empfehlen?“ Um das Pro und Contra dieser Methoden und um Überlegungen, zu wem wann welche Methode passen könnte, geht es im Folgenden.

Nichthormonelle Kontrazeption: Konfusion der Gefühle

Bei allen Verhütungsmethoden, die ohne Hormone auskommen, geht es darum zu verhindern, dass Eizelle und Spermium aufeinandertreffen. Die meisten werden nur situativ beim sexuellen Kontakt angewandt: Kondom, Diaphragma, Coitus interruptus. Das bedeutet: Vernunft („Ich will kein Kind zeugen/empfangen“) trifft auf Emotionalität („Ich bin erregt, auf Wolke 7, will sexuelle Lust, Vereinigung, Orgasmus“). Diese Gefühlsdiskrepanz hat einen hohen Anteil an der Diskrepanz zwischen Methodenund Gebrauchssicherheit: Sex ist nicht vernünftig, die Emotionalität kann den kühlen Kopf vernebeln. Dazu kommt, dass die Barriere-Methoden stören (können) beim Sex. Diese Thematik aktiv anzusprechen ist ein ganz zentraler Aspekt bei der Beratung.

Eine Sonderstellung unter den Kontrazeptiva hat die Spirale: Es gibt nach Einlage keinen „Anwender*in- Fehler“, sie stört nicht beim Sex, deshalb sind typical use und perfect use identisch. Und auch die NFP (natürliche Familienplanung) hat eine Sonderstellung: Gebrauchs- und Methodensicherheit sind zumindest bei der Anwendung „Sensiplan“ hoch, die Differenz dazwischen klein. Das verwundert auf den ersten Blick. Verständlich wird es mit Blick darauf, dass die Methode einen Lern- und Entscheidungsprozess eines Paares voraussetzt, der zu einer konsequenten Anwendung der „periodischen Enthaltsamkeit“ führt. Die Gefühlkonfusion ist geringer, wenn nicht beim Sex, sondern schon vorher die Entscheidung gefällt ist und von beiden (!) getragen wird.

Kondome: Die von vielen bevorzugte Alternative

Die Zahlen lassen keinen Zweifel: Die Mehrheit in Deutschland verlässt sich bei der Verhütung auf Kondome [3]. Und das ist prinzipiell keine schlechte Entscheidung: Die Methodensicherheit ist mit 2 % hoch (▶ Tab. 1) Dazu kommt als weiterer Vorteil der sichere Schutz vor HIV und anderen STI. Allerdings fallen die Zahlen für den typical use mit 13 % viel schlechter aus. Das kann bedeuten: viele ungewollte Schwangerschaften. Auf dem FOKO 2024 in Düsseldorf wurde von Experten im Rahmen eines (pharmagesponserten) Lunch-Symposium deshalb schon eine „Lawine der Abbrüche“ an die Wand gemalt und die noch intensivere Beratung pro Pille propagiert. Wirkt das? Was ist die Alternative?

Die Entscheidung für Kondome sollten Frauenärzt*innen ernst nehmen und nicht abwerten. Die Ratsuchenden, Männer wie Frauen (!), sollten darin unterstützt werden, Anwendungsfehler zu reduzieren, um über die Entwicklung vom typical use Richtung perfect use ungewollte Schwangerschaften zu verhindern. Bei der Beratung sind folgende Themen besonders wichtig:

  • Kondome IMMER nutzen (auch wenn subjektiv die Einschätzung besteht, es könne z. B. perimenstruell „eigentlich“ keine Schwangerschaft eintreten)
  • das richtige Kondom aussuchen (Größe, Qualität,)
  • die Anwendung lernen und „üben“ [z. B. 12]
  • mögliche Auswirkung auf die Sexualität ansprechen („weniger Gefühl“ / Scham beim Anlegen / (Sorge vor) Nachlassen der Erektion)

Kondome werden überwiegend aus Latex hergestellt. Bei Latexallergie stehen latexfreie Kondome zur Verfügung, die nach Studienlage ähnlich sicher schützen. Es gibt Kondome in verschiedenen Größen und Passformen. Männer können die Größe (=Umfang) ihres erigierten Penis selbst messen mit einem dafür entwickelten Maßband, z. B. dem Kondometer der BZgA, um das passende Kondom zu kaufen. Die richtige Größe hat Einfluss auf den „guten Sitz“, d.h. sie schützt vor Platzen oder Abrutschen und erhöht den Tragekomfort. Ein „gut-sitzendes“ Kondom wird eher benutzt als ein zu enges oder zu weites! Zwei Kondome übereinander zu verwenden erhöht die Sicherheit nicht. Falls es zu einem „Kondom-Unfall“ kommt, kann die Pille danach eine Konzeption verhindern.

Wichtig für die Qualität ist das CE-Prüfkennzeichen. Die etwa 5-jährige Haltbarkeit von Kondomen hängt von der Qualität und von ihrer Lagerung ab: Hitze, starke Sonne und Druck/Reibung (z.B. in der Hosentasche) vertragen Kondome nicht. Bei trockener Scheide kann ein Gleitgel verwendet werden, das auf Wasseroder Silikonöl-Basis hergestellt sein muss. Das scheint auch die Gefahr des Reißens zu verringern. Gels oder auch vaginal applizierte Medikamente auf fettlöslicher Basis können die Latexmembran porös machen. Klar ist: Eine nahezu 100%-ige kontrazeptive Sicherheit wie mit Spirale oder Pille ist mit Kondomen nicht zu erreichen. Wenn Mann und Frau ins Gespräch kommen über Kondome, Anwendung und Sex, können sie damit aber durchaus einen effektiven kontrazeptiven Schutz erreichen.

Spirale: Sichere langfristige Verhütung

Eine Kupferspirale kann die Methode der Wahl sein für Frauen, die dauerhaft kein Kind haben und nicht jeden Tag an Verhütung denken wollen. Das gilt auch für Frauen, die noch kein Kind geboren haben. Der Vorteil: Kein Einfluss auf den Zyklus. Der Nachteil (für manche): Ein „Fremdkörper“ in der Gebärmutter, außerdem häufig verstärkte und verlängerte Blutung. Unabhängig von der Spiralen-Form ist die Kupfermenge (Kupferoberfläche mindestens 300 qmm) entscheidend für die kontrazeptive Effektivität. Das Risiko für aufsteigende Infektionen ist in den ersten Wochen nach der Insertion erhöht, entsprechend sollte die Spirale bei bestehendem Kontrazeptionswunsch möglichst lange (je nach Herstellerangaben) belassen werden. Einzelheiten zur Wirkung, Einlage, zur Lage- Kontrolle und zu den verschiedenen Modellen (Cu-Kette, -Ball, auch zur LNG-Spirale) werden in der LL Nichthormonelle Empfängnisverhütung [2] ausführlich erörtert. Da die Spirale zu den gynäkologischen Standardthemen gehört, wird hier nicht näher darauf eingegangen.

Diaphragma/Portiokappe: Barrieremethoden für Frauen mit gutem Körpergefühl

Beide Methoden haben einen Vorteil gemeinsam: Sie können schon einige Stunden vor dem Geschlechtsverkehr „in situ“ gebracht werden, damit stören sie weniger beim Sex. Und sie haben außerdem gemeinsam, dass Frauen sich selbst „anfassen“ müssen, dass sie ihr Inneres kennenlernen und dass sie „üben“ müssen, um die Barriere richtig anzubringen. Das kann für manche unangenehm sein und mag dazu beitragen, dass die Methoden kaum angewendet werden. Es gibt aber Hinweise aus Workshops und Beratungsstellen, dass die Methoden von einer jüngeren Generation, die z. B. Menstruationstassen nutzt, zunehmend gefragt werden. In den Statistiken lässt sich das (noch) nicht belegen.

Eine weitere Gemeinsamkeit: Zur Verhütungs-Sicherheit der aktuell erhaltbaren Modelle liegen nur wenige bzw. keine randomisierten Studien von guter Qualität vor. Da besteht dringend Forschungsbedarf, wenn man ernst nimmt, dass Frauen sich selbst vor Empfängnis schützen wollen ohne hormonellen Eingriff. Die Methodensicherheit liegt beim Diaphragma zwischen 4 und 14 %, für die Portiokappe gibt es keine verlässlichen Angaben. Die Gebrauchssicherheit liegt deutlich unter der Methodensicherheit: Für das Diaphragma kann eine Schwangerschaftsrate von 12–18 % angenommen werden, für die Portiokappe 14–16 % [2].

Das Diaphragma (D.) ist eine schalenförmige Barriere aus Silikon, die sich zwischen hinterem Vaginalgewölbe und Urethralnische segelfömig ausspannt. In Deutschland sind 2 Varianten auf dem Markt: Caya® (oval, Einheitsgröße 75×67 mm), und Singa® (rund, Durchmesser 60–90 mm). Es sollte das größtmögliche D. ausgesucht werden, das ohne Druckgefühl getragen werden kann. Vor dem Einsetzen soll auf die Innenseite des D. und auf den Rand ein kontrazeptiv-wirkendes Gel aufgetragen werden. Gels gibt es auf Milchsäurebasis (motilitätshemmend) oder mit einem Spermizid (Nonoxynol 2 %). Die Anwenderin muss nach dem Einsetzen mit dem Finger ihre von der Membran bedeckte Portio tasten können, um sicher zu sein, dass das Diaphragma richtig sitzt. Laut Studien erhöhen die Beratung und Anpassung durch eine Fachkraft die Sicherheit der Methode. Nach dem Sexualverkehr muss das D. noch mindestens 6 Stunden in der Scheide belassen werden, damit alle Spermien ihre Motilität verloren haben. (Im Gegensatz zum intrauterinen Milieu, in dem Spermien bis zu 5 Tage überleben können, sterben sie im sauren Milieu der Scheide schneller ab.)

Die Portiokappe ist in Deutschland nicht mehr auf dem Markt, mangels Nachfrage, kann aber aus England bezogen werden (Femcap®, Material Silikon, Größe 22mm / 26 mm / 30mm). Das Prinzip: Sie wird passgenau auf die Portio gestülpt, saugt sich dort fest und verhindert die Aszension von Spermien. Ebenso wie das D. muss eine Portiokappe mindestens 6 Stunden nach dem Verkehr in situ belassen werden, sie kann aber auch bis zu 48 Stunden liegen bleiben. Da die Portiokappe beim Sex dislozieren kann, wird empfohlen, den Sitz direkt „danach“ zu kontrollieren. Die Pille danach kann dann indiziert sein, ähnlich wie beim Kondom.

Vaginales Kondom: Schützt Frauen vor Schwangerschaft und vor STI

Das Frauenkondom ist ein hauchdünner, mit Gleitmittel befeuchteter Schlauch, der nach dem Einsetzen die Scheide innen völlig auskleidet. An dem geschlossenen Ende, das von der Frau tief in die Vagina eingeführt wird, befindet sich ein Ring oder Schwämmchen. Das andere offene Ende liegt mithilfe eines runden oder dreieckförmigen Rings locker auf den Labien. Es gibt nur eine Einheitsgröße. Die Anwendung ist schon Stunden „davor“ möglich, sie erklärt sich von selbst und verlangt wenig Übung. Beim Einführen des Penis sollte der äußere Ring zur Sicherheit auf den Labien festgehalten werden, damit der Penis tatsächlich in die Hülle und nicht „daneben“ landet. Nach dem Sex sollte das Kondom möglichst noch im Liegen entfernt werden, um zu verhindern, dass doch noch Ejakulat in die Scheide gelangt. Was dafür spricht: Mit dem vaginalen Kondom können sich Frauen selbstständig nicht nur vor Schwangerschaft schützen (bei perfect use Versagerrate 5 %), sondern ähnlich sicher wie mit dem üblichen Kondom auch vor HIV und anderen STI. Es kann schon Stunden vor dem Sex eingelegt werden und hat keinen Einfluss auf die männliche Erektion. Dagegen sprechen der relativ hohe Preis (ca. 3–4 €/ Stück) und eine gewisse „Umständlichkeit“ in der Handhabung (bei typical use Versagerrate 21 %). Insgesamt ist es in Deutschland wenig bekannt und wird selten genutzt, kann aber für bestimmte Lebenssituationen eine sinnvolle Alternative sein. Tipp an die Kolleginnen: Nehmen Sie ein Frauenkondom in die Hand, versuchen Sie ein Diaphragma selbst einzuführen. Das verändert die Beratung.

Natürliche Familienplanung (NFP): Natürlich Sicher für Geschulte

Unter NFP versteht man alle Methoden, die mithilfe der Bestimmung des fertilen Fensters die Konzeptionswahrscheinlichkeit bestimmen. Dafür werden physiologische Veränderungen beobachtet und interpretiert. Die verschiedenen Zyklusparameter (u. a. Basaltemperatur, Zervixschleim) und deren Auswertung und die darauf basierenden Methoden werden ausführlich in der Leitlinie dargestellt [2]. Je nach NFP-Methode liegt die Methodensicherheit zwischen 0,4–6,3 % und die Gebrauchssicherheit zwischen 1,8–30 %.

Die Methode Sensiplan® gilt als die am meisten untersuchte und validierte symptothermale Methode. Dabei werden nach präzisen Regeln die prä- und postovulatorische infertile Phase bestimmt. Die Methodensicherheit von Sensiplan liegt bei 0,4 %, die Gebrauchssicherheit bei 1,8 % – allerdings unter der Voraussetzung, dass ein einführender Schulungs- oder Beratungsprozess durchlaufen wurde, für den es bundesweit zertifizierte Berater*innen gibt. NFP (speziell Sensiplan®) ist gut für Erwachsene, die bereit sind, die Fertilitätszeichen der Frau zu erkunden, viel über das Fertilitätsfenster zu lernen und sich gewissenhaft danach zu richten. Sie passt nicht zu allen – aber wenn sie passt, kann das ideal sein. Zur Unterstützung können Apps genutzt werden, z. B. myNFP®.

Coitus interruptus: Besser als nichts

Das rechtzeitige Herausziehen des Penis aus der Vagina mit Ejakulation außerhalb gilt nicht als „richtige“ Verhütungsmethode, sollte entsprechend auch nicht von Fachleuten empfohlen werden – wird aber angewandt. Geübte Paare berichten von einer hohen Verhütungssicherheit. Laut einer amerikanischen Studie liegt die Gebrauchssicherheit bei 20 %. Studien mit belastbaren Zahlen zum perfect use liegen nicht vor.

Sterilisation: Endgültige Sicherheit

Verfahren zur Sterilisation sind sehr sicher. Sie sind aber eben auch endgültig und dadurch sehr eingreifend. Entsprechend sind eine besonders sorgfältige Aufklärung und die Erläuterung von alternativen Verhütungsmethoden vor dem operativen Eingriff erforderlich. Hormonelle Auswirkungen sind weder bei Frauen noch bei Männern postoperativ zu erwarten. Der objektiv entscheidende Unterschied zwischen der weiblichen und der männlichen Sterilisation besteht, wie bekannt, in der geringeren Invasität bei Männern im Vergleich zu Frauen und damit verbunden geringeren Komplikationsraten.

Es gibt immer wieder Berichte von Ratsuchenden, dass ihnen eine Sterilisation „verweigert“ worden sei. Wichtig: Auch aus juristischer Sicht stellen Nulliparität bzw. Kinderlosigkeit oder das Alter keine Kontraindikation dar für die Durchführung einer Sterilisation. Zu konkreten Fragen wird auf die LL Nichthormonelle Empfängnisverhütung [2] verwiesen, in der die unterschiedlichen OP-Methoden, die Effektivität, die Frage des späteren „Bereuens“ und der möglichen Reversibilität, die gesetzlichen Bestimmungen auch mit Blick auf einwilligungs- bzw. urteilsunfähige Menschen, die Auswirkungen auf die Sexualität, die Komplikationen und gesundheitlichen Risiken ausführlich erörtert werden.

Fazit

Die Pille, in den 70-er Jahren als „Befreiung von der Angst vor ungewollter Schwangerschaft“ von Feministinnen gefeiert, wurde von der Ärzteschaft zunächst argwöhnisch beobachtet. Sie schien dann aus gynäkologischer Sicht wegen der hohen Effektivität lange das Non-plus-ultra für Empfängnisverhütung. Es wurde gefeilt an Dosis und Wirkstoffen, aber nicht am Prinzip. Was die dauerhafte Unterdrückung des Zyklus bedeutet, körperlich und psychisch, wurde wenig beachtet. Nichthormonelle Kontrazeptiva gerieten aus dem Blickfeld der Fachwelt. Natürlich ist die „Sicherheit“ ein zentraler Faktor bei einem Kontrazeptivum, aber eben nicht der einzige: Darauf weist die Veränderung des kontrazeptiven Verhaltens eindrücklich hin. „Die Auswahlkritierien und die Bewertung, was mit Blick auf die Verhinderung einer Schwangerschaft wichtig und akzeptabel ist, können sich im Laufe des Lebens verändern“ [2]. Frauenärzt* innen, die ihre Patient*innen oft über viele Jahre begleiten, sind auch aus diesem Grund prädestiniert für die individuelle Kontrazeptionsberatung. Zusätzlich zur kommunikativen Professionalität ist Fachwissen zu allen, besonders auch zu den nichthormonellen Methoden erforderlich, um weiter dem Beratungsbedarf gerecht zu werden. Nur so ist das Ziel zu erreichen: Ratsuchende kompetent zu machen für die Themen Zeugung, Empfängnis und Verhütung, um so möglichst viele ungewollte Schwangerschaften zu verhindern.

Zusammenfassung

Der Trend geht in Richtung „contra Pille, pro Kondom“, wie Umfragen und Studien zur Verhütungspraxis in Deutschland zeigen. Insbesondere bei jungen Menschen ist die Nutzung von Kondomen beim ersten Geschlechtsverkehr verbreitet. Frauenärzt*innen müssen ihr Wissen über nichthormonelle Kontrazeptiva auffrischen, auch um den steigenden Einfluss von Social Media zu kontern. Nichthormonelle Verhütungsmethoden wie Kondome, Spiralen, Diaphragmen und natürliche Familienplanung bieten Alternativen mit unterschiedlichen Sicherheitsprofilen und Anwendungsmodalitäten. Die Beratung in der Praxis spielt eine entscheidende Rolle bei der Auswahl der am besten geeigneten Methode für jede Patient*in.

Schlüsselwörter: Nichthormonelle Kontrazeption, Verhütungsverhalten, Verhütungsberatung

Summary

Non-Hormonal Contraception: Time to Address the Issue! C. Schumann-Doermer Surveys and studies on contraceptive practice in Germany show that the trend is „against the pill, in favour of condoms“. The use of condoms during first sexual intercourse is particularly widespread among young people. Gynaecologists need to refresh their knowledge about non-hormonal contraceptives, also to counter the increasing influence of social media. Non-hormonal contraceptive methods such as condoms, IUDs, diaphragms and natural family planning offer alternatives with different safety profiles and application modalities. In-practice counselling plays a crucial role in selecting the most suitable method for each patient.

Keywords: Non-hormonal contraception, contraceptive behaviour, contraceptive counselling

Korrespondenzadresse: Dr. med. Claudia Schumann-Doermer Frauenärztin / Psychotherapeutin claudiaschumann@t-online.de

Interessenkonflikt: Die Autorin war Mitautorin der Leitlinie Hormonelle Empfängnisverhütung und der LL Nicht-hormonelle Empfängnisverhütung.

Slide Nichthormonelle Kontrazeption: Es wird Zeit, sich daum zu kümmern! Gyne 02/2024

Gyne 01/2024 – Die genderinklusive gynäkologische Praxis

  • 26. Februar 2024
  • Gyne

Gyne 01/2024

Die genderinklusive gynäkologische Praxis

Autorinnen:

J. Maeffert, L. Kühn, S. Osborn

Terminologie und Prävalenz

Eine Geschlechtsinkongruenz liegt vor, wenn die eigene erlebte Geschlechtsidentität bzw. -zugehörigkeit nicht mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt. Zur Selbstbeschreibung nutzen diese Menschen das Wort „trans”. Trans Personen können sich dabei innerhalb oder jenseits der normativen Zwei-Geschlechter-Norm (Geschlechterbinarität) verorten [1]. Die Angaben zur Prävalenz schwanken je nach Publikation und reichen von 0,01–5 % [2]. In Bevölkerungsstichproben geben 2–4,5 % aller Personen eine gewisse Ambivalenz gegenüber ihrem zugewiesenen Geschlecht an, in Stichproben aus Kliniken mit geschlechtsangleichenden Behandlungen und Angaben zu Personenstandsänderung liegt die Prävalenz bei etwa 4–9/100.000 [3].

Die Geschlechtsinkongruenz maskulin zu feminin ist etwa doppelt so hoch wie feminin zu maskulin [3]. Etwa ein Drittel aller trans Personen befinden sich im nicht-binären Spektrum [3]. Nicht immer, aber sehr häufig, führt eine Geschlechtsinkongruenz zu einem Leidensdruck. Dies wird dann als Geschlechtsdysphorie bezeichnet [1]. Eine Geschlechtsdysphorie kann durch körpermodifizierende (auch geschlechtsangleichende) Maßnahmen signifikant verbessert werden [2, 4].


Infobox:

Begriffserklärungen

trans: Sammelbegriff für alle Personen, deren Geschlechtsidentität nicht dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht entspricht. Trans wird als Adjektiv oder Präfix verwendet, also z.B. trans Frau, trans Mann. Trans Personen können binär und nicht-binär sein.

cis: Die Geschlechtsidentität stimmt dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht überein. Cis stellt somit das Gegenstück zum Begriff trans dar und wird ebenfalls als Adjektiv bzw. Präfix genutzt, z. B. cis Frau, cis Mann. Die Präfixe cis und trans geben keine Hinweise auf die sexuelle Orientierung.

nicht-binär: Personen, die sich nicht im binären Geschlechtersystem einordnen, sich also weder weiblich noch männlich identifizieren. Sie können beispielsweise agender, bigender oder genderfluid sein. Mögliche nicht-binären Pronomen sind z. B. they/them, dey/denen.

Geschlechtsdysphorie: Geschlechtsinkongruenz, die zu einem Leidensdruck führt

misgendern: Wenn Menschen nicht mit den gewünschten Pronomen oder der gewünschten Anrede angesprochen werden. Dies kann Gefühle der Geschlechtsdysphorie auslösen bzw. verstärken.

Passing: Wenn eine Person von außen oder der Gesellschaft als das Geschlecht wahrgenommen wird (z. B. durch die Verwendung der korrekten Anrede), mit der sie sich identifiziert.

Transition: Prozess von Änderungen, um die Geschlechtsidentität auszudrücken. Welche Änderungen erwünscht sind und (in welchem Zeitraum) vorgenommen werden, ist sehr individuell. Mögliche Änderungen können z. B. sein: Veränderung des Kleidungsstils oder Frisur, Stimmtraining, Hormontherapien, Operationen, Namen- oder Personenstandsänderung.

Geschlechtsangleichende Behandlungen

Endokrinologisch (Hormontherapie) – z. B Testosteron/Östrogensuppression, Antiandrogene/Progesteron/Östrogensubstitution
Chirurgisch – z. B. Mastektomie, Hysterektomie, Neovagina, Penoidaufbau
Dermatologisch – z. B. Haarentfernung (Laser-, Nadelepilation)
Logopädisch – z. B. Stimmveränderung


Unterversorgung in der Gynäkologie

Es ist davon auszugehen, dass bei medizinischen Fachkräften, auch in der Gynäkologie, ein Mangel an Wissen um das Thema trans besteht. Diese Wissenslücke führt zur Stigmatisierung und Unterversorgung der Personengruppe [2]. Trans und nicht-binäre Personen erleben im Gesundheitssystem häufig grenzüberschreitende Situationen, in denen sie sich z. B. erklären müssen und/oder misgendert werden. Im Fachbereich der Gynäkologie und Geburtshilfe kommt hinzu, dass es sich teilweise um gesundheitliche Belange und Untersuchungen handelt, die als sehr intim oder entblößend empfunden werden oder mit Schmerzen oder Gefühlen der Scham verbunden sein können. Wurden bereits schlechte Erfahrungen gemacht, werden weitere Untersuchungen und Besuche gemieden [6]. Diskriminierung – egal ob bewusst oder unbewusst – führt im Gesundheitssystem zu schädigenden Effekten wie Unterversorgung, Fehlbehandlungen und Chronifizierungen bestehender Krankheiten.

Trans Personen sind, wie andere Minderheiten auch, von einer erhöhten Stressbelastung betroffen (Minderheitenstress) [5]. Sie sind gegenüber cis Personen häufiger von psychischen Erkrankungen betroffen. So geben Studien bei 60 % der Personen affektive Störungen und Angststörungen an und bei 30 % Substanzmissbrauch. Auch kommen Essstörungen und Gewalterfahrungen häufiger vor [2, 3] und ein erhöhtes Risiko für stressassoziierte Krankheiten wie Herzkrankheiten, Migräne, Asthma und Rückenschmerzen [2].

Die psychische Belastung kann verringert werden, indem Identität und mögliche individuelle Bedürfnisse (z. B. in der Behandlungssituation) anerkannt und respektiert werden sowie die notwendige Versorgung gewährleistet wird, ohne sie in Frage zu stellen. Im Folgenden werden Möglichkeiten aufgezeigt, vom ersten Kontakt bis zur Untersuchung, auf die besonderen Bedarfe einzugehen. Dabei bedarf es die Mitarbeit und Unterstützung des gesamten Praxispersonals

Kontakt

Webseite Die Webseite ist eine gute erste Möglichkeit, um eine akzeptierende Haltung und Wertschätzung zu vermitteln. Dort kann zum Beispiel stehen: „Selbstverständlich sind alle Lebens- und Liebesformen und alle Familienmodelle bei uns in der Praxis willkommen”, „Wir achten darauf, alle Personen mit den richtigen Pronomen anzusprechen” oder „Bitte teilen Sie uns mit, mit welchem Pronomen wir Sie ansprechen sollen“.

Terminvergabe Eine diskriminierungssensible Terminvergabe bedeutet, mehrere Möglichkeiten der Terminvereinbarung (z. B. telefonisch, per Mail, online) anzubieten. Dabei sollte das gesamte Team geschult sein, dass allein aufgrund bestimmter Merkmale (z. B. Stimme, Name) kein Rückschluss auf eine Geschlechtsidentität möglich ist. Somit sollten gleich vom ersten Kontakt an genannte Anreden verwendet und unnötige Nachfragen vermieden werden. Manche trans und nicht-binäre Personen möchten Telefonkontakte lieber ganz vermeiden. Hier sind Online-Termin- Systeme sehr hilfreich, die zudem die Möglichkeit bieten, Geschlechtseinträge oder Anreden direkt anzugeben und Raum für weitere Notizen zu schaffen.

Anamnesebogen Eine einfach durchzuführende Maßnahme ist die Abfrage nach der gewünschten Anrede oder dem Pronomen auf dem Anamnesebogen. Die Ansprache als „Patient*innen” wird unserer Erfahrung nach von vielen trans und nicht-binären Personen als sehr wichtig empfunden. Falls der Vorname von dem Namen auf der Gesundheitskarte abweicht, z. B. weil es (noch) keine Personenstandsänderung gab, sollte dies in der Krankenakte vermerkt werden. Häufig gibt es in der Praxissoftware die Möglichkeit, das Geschlecht und den Namen manuell anzupassen. Es sollte in diesem Fall mit dem*der Patient*in besprochen werden, welche(r) Vorname(n) auf Rezepten, Überweisungen oder Dokumenten erscheinen soll, um ggf. ein nicht gewünschtes Outing zu vermeiden [5]. Falls aufgrund der Praxissoftware auf einigen Dokumenten keine Änderung des Vornamens möglich ist, sollte dies erklärt werden.

Auch bei anderen Fragen auf dem Anamnesebogen ist es leicht, genderinklusive Formulierungen zu verwenden, z. B.: „Haben Sie eine Menstruation?”, „Wie erleben Sie Ihre Menstruation?”, „Angaben zur Partner*innenschaft”, „Brauchen Sie eine Schwangerschaftsverhütung?”

Wartezimmer Im Wartezimmer können Zeitschriften oder Flyer von Beratungsstellen oder Vereinen wie dem „Bundesverband trans*” für Sichtbarkeit sorgen und Sicherheit geben (▶ Abb. 1). Damit wird auch anderen Patient*innen und ihren Partner*innen vermittelt, dass gendernonkonforme Personen in der Praxis keine Ausnahme sind.

Im Sprechzimmer Auf Seiten der Behandelnden kann die Begegnung mit trans Personen eine Konfrontation mit der eigenen geschlechtlichen Identität und Geschlechterrollen bedeuten [2]. Für eine gelungene Ärzt*in-Patient* in-Beziehung ist es entscheidend, diese zu reflektieren. Unsicherheiten können ehrlich benannt werden, sollten aber nicht dazu führen, Patient*innen eine aufklärende Rolle aufzudrängen.

Die grundsätzlichen Prinzipien einer guten, sensiblen und bedürfnisorientierten gynäkologischen Untersuchung unterscheiden sich zwischen cis und trans Personen selbstverständlich nicht. Diese Prinzipien umfassen beispielsweise: keine Untersuchung ohne Indikation, klares Einholen einer Erlaubnis („informed consent“) für den jeweiligen Untersuchungsschritt, Respekt für Bedürfnisse und Gefühle der Patient* innen, Stärkung der Selbstbestimmung/ Empowerment, Vermittlung von Sicherheit durch professionelle Selbstverständlichkeit [6].

Häufiger als bei cis Frauen kann davon ausgegangen werden, dass trans und nicht-binäre Personen noch nie oder sehr lange nicht in einer gynäkologischen Praxis waren. Dadurch sind sie möglicherweise durch (negative) Vorerfahrungen geprägt oder nicht darauf vorbereitet, wie die Untersuchung ablaufen wird. Auch sollte vorher ausführlich besprochen werden, was das Ziel der Konsultation ist und ob eine Untersuchung zu diesem Zeitpunkt überhaupt medizinisch notwendig ist. Anstatt direkt zum Entkleiden zu bitten, ist es ratsam, vorab eine sorgfältige Erklärung der Behandlungsschritte abzugeben und ggf. ein Stopp-Signal zu vereinbaren. Mit der Untersuchung sollte dann erst begonnen werden, wenn die Zustimmung des*r Patient*in eingeholt wurde. Vermieden werden sollten zudem Fragen, die an diesem Tag oder für den Kontext irrelevant sind, insbesondere zu weiteren Schritten der Transition oder Sexualität.

Fragestellungen

Krebsfrüherkennung Für die Krebsfrüherkennung muss zunächst geklärt werden, welche Organe (noch) vorhanden sind und darüber aufgeklärt werden, welchen Zweck eine Untersuchung von Genital- und Brustregion hätte. Sollte dies trotz Aufklärung und ärztlichem Rat nicht gewünscht sein, sollte dieser Wunsch respektiert und entsprechend dokumentiert werden. Bei Personen mit Uterus wird analog zu cis Frauen ab dem 20. Lebensjahr ein Pap-Abstrich empfohlen. Falls eine Testosteron- Therapie besteht, muss dies unbedingt auf dem Begleitformular vermerkt werden, um Irritationen bei den Zytolog*innen und unnötige Kontroll-Abstriche zu vermeiden. Nach vollständiger Hysterektomie ist kein Abstrich mehr notwendig. Auch nach erfolgter Mastektomie sollte ein Abtasten der Brust und der Lymphregion erfolgen. Bei trans Frauen mit Östrogen- Therapie ist das Brustkrebsrisiko gegenüber cis Männern erhöht, gegenüber cis Frauen aber geringer [2]. Nach erfolgter Personenstandsänderung erhalten trans Frauen ebenso wie cis Frauen ab 50 Jahren eine Einladung zum Mammographie- Screening.

Im Gegensatz zu Deutschland gibt es beispielsweise in Großbritannien umfangreiche Informationen zur Inanspruchnahme von Vorsorgeuntersuchungen, die sich explizit an trans Personen richten (▶ Abb. 2) [7].

Kontrazeption/Fertilitätsprotektion Die Geschlechtszugehörigkeit gibt keinen Hinweis auf die sexuelle Orientierung. Da eine Testosterontherapie auch bei Amenorrhoe keinen sicheren Konzeptionsschutz bietet, sollte die Schwangerschaftsverhütung angesprochen werden. Es muss darauf hingewiesen werden, dass eine Testosterontherapie virilisierende Auswirkungen beim Embryo haben kann und bei entsprechender Partner*in-Konstellation eine zusätzliche Verhütung notwendig ist. In einer Befragung an der Innsbrucker Transgender Ambulanz gaben etwa ein Drittel der trans Männer Geschlechtsverkehr mit einem cis Mann an [8]. Optionen neben Barrieremethoden sind Gestagen-Only-Pillen oder Intrauterinpessare (Hormon- oder Kupferspirale).

Eine Therapie mit Antiandrogenen/ Östrogenen bei trans Frauen führt zu einer verminderten Spermienproduktion, die irreversibel sein kann [9]. Eine Therapie mit Testosteron bei erwachsenen Personen führt in der Regel nicht zu einer irreversiblen Beeinträchtigung der Fertilität. Trans Personen sollten in jedem Fall vor dem Beginn einer Hormontherapie über mögliche fertilitätserhaltende Maßnahmen informiert werden und gegebenenfalls an ein reproduktionsmedizinisches Zentrum überwiesen werden.

Dysmenorrhoe/Endometriose/ Wunsch nach Amenorrhoe Die Behandlung einer Dysmenorrhoe bzw. Endometriose unterscheidet sich nicht von den Therapiemöglichkeiten bei cis Frauen. Auch unter Testosterontherapie ist die Behandlung mit Gestagenen unbedenklich und kann oral oder intrauterin (Hormonspirale) erfolgen. Dies ist auch eine Möglichkeit, wenn die Menstruation als psychisch belastend empfunden wird und der Wunsch nach Amenorrhoe besteht.

Beschwerden Vulva/Vagina Nicht immer, aber häufig, führt eine Testosterontherapie zu vaginaler Trockenheit und dadurch ggf. (Kontakt)- Blutungen, v. a. bei Penetration. Hier helfen einfache Präparate zur Hautpflege sowie lokale Estriol- Präparate analog zur klimakterischen Vaginalatrophie. Mögliche Beschwerden sollten erfragt werden.

Schwangerschaft Vor oder nach Feststellen einer Schwangerschaft muss aufgrund der Teratogenität eine Testosterontherapie ausgesetzt werden. Je nach Beziehungskonstellation kann eine Inanspruchnahme von reproduktionsmedizinischen Angeboten notwendig sein analog zu lesbischen Paaren oder cis Frauen ohne Partner. Ansonsten unterscheidet sich die Schwangerschaftsbegleitung in der Praxis medizinisch nicht von denen einer cis Frau. Nicht alle Schwangere finden sich in der Rolle oder Bezeichnung der „Mutter“ wieder. Für die Betreuung kann es hilfreich sein, die gewünschte Selbstbezeichnung abzufragen und zu notieren. Statt „Mutterpass“ eignet sich auch der Begriff „Schwangerschaftspass“ (▶ Abb. 3). Es gibt Hebammenangebote, die sich explizit an gendernonkonforme Schwangere richten.

Hormontherapie Erfahrungsgemäß stellen sich viele trans und nicht-binäre Personen mit dem Wunsch nach dem Beginn einer Hormontherapie häufig eher in spezialisierten endokrinologischen Praxen als in der gynäkologischen Praxis vor. Insbesondere trans Frauen stellen sich in der Regel erst im Laufe der Transition vor. Bei manchen nicht-binären oder trans männlichen Personen wird der Wunsch nach einer Hormontherapie auch in der gynäkologischen Praxis geäußert, wenn beispielsweise bereits ein Vertrauensverhältnis zur Gynäkolog*in besteht. Bei Wunsch nach einer Hormontherapie wird zunächst ein psychotherapeutisches Indikationsschreiben/ Konsiliarbericht benötigt, um die Therapie zu Lasten der gesetzlichen Krankenkasse zu rezeptieren [10]. Nach entsprechender Aufklärung und Abklärung von Kontraindikationen kann danach mit einer Hormontherapie entsprechend Dosierungsempfehlungen begonnen werden.

Weitere Behandlungsanlässe Weitere Anlässe für die Vorstellung in einer gynäkologischen Praxis sind u. a. die Nachsorge von körpermodifizierenden Operationen oder das Ausstellen von Bescheinigungen für die Beantragung von medizinischen Leistungen oder Personenstandsänderungen.

Zitat
Einsendung von einer nicht-binären Person zur Frage „Gibt es Befürchtungen in Bezug auf den Besuch in der gynäkologischen Praxis? Welche?”

„Ich habe Angst davor,

  • dass mich die Fachpersonen und Besuchenden der Praxis für eine Frau halten und misgendern
  • nicht die Versorgung zu erhalten, die ich brauche, aufgrund meines trans Seins.
  • aus der Praxis geworfen zu werden, beleidigt zu werden oder vor Übergriffen.
  • mich auszuziehen und dann nicht mehr in meiner Identität anerkannt zu werden.
  • dass während der Untersuchung, in der ich ausgeliefert auf dem Stuhl sitze, abfällige Kommentare gesagt werden, die Untersuchung fahrlässig gemacht wird, oder absichtlich grob mit mir umgegangen wird.

Ich wurde häufig beleidigt, als nicht menschlich wahrgenommen und mir wurden Vorsorgeuntersuchungen verweigert. Mir wurde mal gesagt, dass es egal sei, was ich denke, ich hätte eine Vulva und deswegen sei ich eine Frau.”

Zitat

„Außerdem habe ich immer Sorge, komisch angeschaut zu werden, […], wenn doch überall „Frauenärztin“, „Patientinnen“, „Informationen für Frauen“ usw. steht.”

Anmerkung: Alle Zitate in diesem Artikel stammen aus Fragebögen, die von Personen ausgefüllt wurden, die sich über Social Media dazu bereit erklärt hatten. Der anonymisierten Veröffentlichung der Zitate wurde zugestimmt.

Fallbeispiel 1

Alan D., 32, stellt sich mit seinem Partner, cis Mann, erstmals in der Praxis vor. Nach 6 Jahren einer transdermalen low-dose Testosteron-Therapie mit 1 Hub Testogel täglich (ca. 20 mg Testosteron) Absetzen der Therapie und spontaner Eintritt einer Schwangerschaft. Eine abdominale Ultraschalluntersuchung zeigt eine intrauterine Schwangerschaft in der 7. Woche. Es besteht bereits Kontakt zu einem Hebammenkollektiv, das insbesondere gendernonkonforme Schwangere betreut. Die Vorsorgeuntersuchungen sollen größtenteils durch die Hebammen erfolgen. In der 10. Woche Vorstellung mit leichten Schmierblutungen. Der Ultraschall zeigt eine avitale Schwangerschaft entsprechend der 9. Woche. Das Paar ist sehr traurig, es erfolgt die Aufklärung über die Möglichkeit eines abwartenden Vorgehens und der medikamentösen sowie der operativen Beendigung. Auch aufgrund von diskriminierenden Erfahrungen durch medizinisches Personal in der Klinik wird die Entscheidung zur medikamentösen Induktion mit Mifepriston und Misoprostol zuhause getroffen. Diese verläuft problemlos, eine Nachbehandlung ist nicht erforderlich. Nach 6 Monaten erneute Vorstellung mit spontan eingetroffener Schwangerschaft, der Verlauf ist dieses Mal unkompliziert und die beiden Väter können 9 Monate später ein gesundes Neugeborenes begrüßen.

Fallbeispiel 2

Luca S., 28 Jahre alt, trans männlich, stellt sich zum ersten Mal in der gynäkologischen Praxis vor mit dem Wunsch, eine Testosterontherapie zu beginnen. Ein psychotherapeutisches Indikationsschreiben liegt vor. Mit dem Patienten wird ausführlich besprochen, welche Erwartungen an die Hormontherapie realisiert werden sollen. Herr S. wünscht sich neben der Amenorrhoe insbesondere Veränderungen an Stimme, Behaarung und Körperfettumverteilung. Nach Ausschluss von Kontraindikationen einer Testosterontherapie (z. B. koronare Herzerkrankungen, Thrombophilie, Fettstoffwechselstörung) erfolgt die Risikoaufklärung. Der Patient willigt ein. Als Startdosis werden 2 Hub Testogel (ca. 40 mg Testosteron) vereinbart.

Nach 3 Monaten erfolgt die Wiedervorstellung in der Praxis. Herr S. ist zufrieden mit den körperlichen Veränderungen und fühlt sich wohl. Der gemessene Testosteronspiegel im Labor beträgt 412 ng/dl.

Herr S. stellt sich 2 x im Jahr für Blutbild (insbesondere Leberwerte, Blutfette) und Spiegelkontrollen vor. Nach 2 Jahren wünscht er Wechsel auf eine i.m. Testosteron-Therapie. Beginn mit 1000 mg (Testosteronundecanoat) alle 12 Wochen. Darunter bemerkt er Haarausfall, dies kann mit Finasterid behandelt werden. Bei der nächsten Vorstellung wird der Wunsch nach Mastektomie geäußert. Überweisung an ein dafür spezialisiertes Zentrum.

Fazit

Nicht alle Personen, die eine gynäkologische Versorgung benötigen, sind cis Frauen. Aus Sorge vor unsensiblen bzw. unwissenden Behandlungen und schlechten Erfahrungen vermeiden einige nicht-binäre und trans Personen einen Besuch in der gynäkologischen Praxis, was zu einer Unterversorgung führt. Um den Besuch zu erleichtern, sind einige wenige Veränderungen in der Praxis hilfreich, die leicht umgesetzt werden können. Es braucht keine Spezialisierung oder Zusatzbezeichnung, um eine genderinklusive Gynäkologie und Geburtshilfe anzubieten, bedarf aber einer Sensibilisierung und Schulung des gesamten Teams.

Zusammenfassung

Nicht alle Personen, die eine gynäkologische Versorgung benötigen, sind Frauen. Häufig stoßen trans Männer und nicht-binäre Personen in gynäkologischen Praxen auf Unverständnis und machen diskriminierende Erfahrungen. Dies führt dazu, dass Besuche bei Ärzt*innen vermieden werden und sowohl die präventive als auch therapeutische Gesundheitsversorgung schlechter ist als bei cis Frauen. Damit sich alle Personen unabhängig von ihrer Geschlechtsidentität in der gynäkologischen Praxis willkommen fühlen, braucht es weder spezielle endokrinologische Fortbildungen noch viel Aufwand. Dieser Artikel gibt einen Überblick über die gynäkologischen Bedarfe von trans und nicht-binären Personen und soll ermutigen, die eigene Praxis diskriminierungssensibel zu gestalten.

Schlüsselwörter: genderinklusiv – nicht-binär – trans Personen – trans Männer – trans Frauen

Summary

The gender-inclusive gynecological practice J. Maeffert, L. Kühn, S. Osborn Not all persons in need of gynecological care are women. Often, trans and non-binary individuals encounter a lack of understanding and discriminatory experiences in gynecological practices. As a result, visits to doctors are avoided and both preventive and therapeutic health care is worse than for cis women. Making everyone feel welcome in the gynecology office, regardless of gender identity, does not require special endocrinology training or much effort. This article provides an overview of the gynecological needs of trans and non-binary persons and is intended to encourage people to make their own practices discrimination-sensitive.

Keywords: gender inclusive – non-binary – trans persons – trans men – trans women

Sam Osborn war verantwortlich für das Sensitivity Reading.

Interessenkonflikt: Die Autoren erklären, dass bei der Erstellung des Beitrages kein Interessenkonflikt im Sinne der Empfehlungen des International Committee of Medical Journal Editors bestand.

Korrespondenzadresse:
Dr. med. Jana Maeffert
Gyn-Praxis Nova
Schönhauser Allee 81
10439 Berlin
Jana.maeffert@praxisnova-berlin.de

Literatur

1. Klein V et al. Diagnoseleitlinien sexueller Störungen in der International Classification of Diseases and Related Health Problems (ICD)-11: Dokumentation des Revisionsprozesses. Zeitschrift für Sexualforschung 2015; 28(4): 363–73
2. Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit: S3-Leitlinie zur Diagnostik, Beratung und Behandlung. AWMF-Register-Nr. 138|001, 2019. (https://register.awmf. org/assets/guidelines/138–001l_S3_Geschlechtsdysphorie-Diagnostik-Beratung-Behandlung_2019–02.pdf). Zugegriffen am 30.12.2023
3. Turner D et al. Geschlechtsinkongruenz, Geschlechts- dysphorie und Trans-Gesundheit. PSYCH up2date 2020; 14: 347–63
4. Feil K et al. Fertilität, Kontrazeption und Fertilitätsprotektion bei Transpersonen. Dtsch Arztebl Int 2023; 120: 243–50
5. Bundesverband trans*, Informationen für den Praxisalltag-für Ärzt*innen und medizinisches Fachpersonal. (https://www.bundesverband-trans.de/wp-content/uploads/2022/09/BVT_Aerzt_03_ONLINE.pdf). Zugegriffen am 30.12.2023
6. Gras C & Schumann-Doermer C. Leitfaden für die gynäkologische Untersuchung (https://arbeitskreis-frauengesundheit.de/wp-content/uploads/2021/11/Leitfaden_AKF_.pdf). Zugegriffen am 30.12.2023
7. (https://www.cancerresearchuk.org/about-cancer/cancer-symptoms/spotcancer-early/screening/trans-and-nonbinary-cancer-screening). Zugegriffen am 30.12.2023
8. Feil K & Toth B. Die Transgendersprechstunde – was gibt es zu beachten? Innsbrucker Erfahrungen anhand von Fallbeispielen, Journal für Gynäkologische Endokrinologie/Österreich. (https://www.springermedizin.at/endokrinologie-und-reproduktionsmedizin/journal-fuer-gynaekologischeendokrinologie-oesterreich/15439466). Zugegriffen am 30.12.2023
9. Meyer G et al. Geschlechtsangleichende Hormontherapie bei Geschlechtsinkongruenz Dtsch Arztebl Int 2020; 117: 725–32
10. Begutachtungsrichtlinie MDK. (https://md-bund.de/fileadmin/dokumente/Publikationen/GKV/Begutachtungsgrundlagen_GKV/BGA_Transsexualismus_201113.pdf). Zugegriffen am 30.12.2023

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Gyne 04/2023 – Schwangerschaftsabbruch – mögliche Folgen für das medizinische Personal

  • 12. Dezember 2023
  • Gyne

Gyne 04/2023

Schwangerschaftsabbruch – mögliche Folgen für das medizinische Personal

Autorin:

M. Neises-Rudolf

Der Schwangerschaftsabbruch ist immer wieder ein Thema von gesellschaftlicher und politischer Brisanz, dabei sind wir als Frauenärzt:innen es sehr gewohnt, die Belange der Frau ins Zentrum unserer Überlegungen zu stellen. Mit diesem Beitrag stehen die beteiligten Mediziner und weiteres Personal im Fokus.

Thema Schwangerschaftsabbruch auf der Bühne

Mit dem Bühnenstück „Frauensa-che“ von Lutz Hübner und Sarah Nemitz kam das Thema Schwangerschaftsabbruch 2019 auf die Theaterbühnen verschiedener Städte in Deutschland. Die Handlung ist folgende: um die Frauenärztin Beate entbrennt ein Konflikt um Abtreibungsfragen. Beate ist liberal und möchte Abtreibungen ermöglichen, wenn es unumgänglich scheint. Zugleich sucht die Ärztin nach einer Nachfolgerin für ihre Praxis. Als Nachfolgerin scheint die junge Ärztin Hanna infrage zu kommen. Doch die ist zugleich eine radikale Abtreibungsgegnerin mit einem politisch rigiden Weltbild. Indem sie Abtreibungen verhindert, glaubt sie dem Erhalt eines „deutschen Staatsvolks“ zu dienen.

Zu diesen beiden Ärztinnen in die Praxis kommt Elke, sie ist ungewollt schwanger und verzweifelt. Weil sie eine feste Stelle in Aussicht hat, möchte sie das Kind abtreiben. Unversehens gerät sie zwischen die Fronten der beiden Ärztinnen. Während Beate bereit ist, eine Abtreibung durchzuführen, bietet Hanna der verzweifelten Frau eine Arbeit auf einem Biohof an – unter der Voraussetzung, dass sie das Kind austrägt. Hinter der jungen, fanatischen Ärztin stecken organisierte Abtreibungsgegner wie Gudrun, die eine neue, nationalistische Agenda betreiben.

Die junge Arzthelferin Mira sieht, was sich da zusammenbraut. Doch ihren Befürchtungen schenkt niemand Glauben. So vertraut sich Mira der gutgläubigen Bürgeramtsleiterin Angelika an, doch die beschwichtigt und sieht keine Gefahr.

Bei einer Podiumsdiskussion prallen schließlich die unvereinbaren Positionen aufeinander. Frauenärztin Beate trifft dabei wieder auf ihre alte Konkurrentin Gudrun. In den Konflikten, die die Frauen austragen, bleiben männliche Figuren im Hintergrund, bestimmen aber heimlich das Geschehen. Hinter der fanatischen Ärztin steht der Kopf einer rechten Ökobewegung, hinter der Bürgeramtsleiterin ein ehrgeiziger Mann, der die Frauenarztpraxis kaufen möchte. Es geht dabei um weibliche Rollenmuster im Spannungsfeld persönlicher Interessen, wohlmeinender Hilfsbereitschaft, alte Freund- und Feindschaften und männlicher Machtinteressen im Hintergrund.

Das Thema „Abtreibung“ wird dabei von verschiedenen Seiten instrumentalisiert, Leidtragende sind sowohl die betroffene Frau als auch wohlmeinend Handelnde, alle werden in der öffentlichen Diskussion beschädigt [1].

Schwangerschaftsabbruch in Zahlen

Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche ist in Deutschland seit über 10 Jahren mit etwa 100.000 gemeldeten Fällen pro Jahr relativ konstant (die Geburtenzahlen liegen zwischen 700.000 und 800.000 pro Jahr). Das statistische Bundesamt, Destatis, informiert weiterhin, dass der geringste Stand im Jahr 2021 mit 94.596 Schwangerschaftsabbrüchen vorlag. Eine eindeutige Ursache für diesen stärkeren Rückgang lässt sich nicht erkennen. Die größte Gruppe der Frauen (etwa 89 %) waren zwischen 18 und 39 Jahre alt, ca. 9 % der Frauen waren 40 Jahre und älter und etwa 3 % waren jünger als 18 Jahre. Rund 42 % der Frauen hatten vor dem Schwangerschaftsabbruch noch kein Kind geboren. 96 % der gemeldeten Schwangerschaftsabbrüche wurden nach der sogenannten Beratungsregel durchgeführt, bei den übrigen 4 % bestand eine Indikation aus medizinischen Gründen und aufgrund von Sexualdelikten.

Die meisten Schwangerschaftsabbrüche (52 %) wurden mittels Vakuum Aspiration durchgeführt, bei etwa 35 % erfolgte ein medikamentöser Schwangerschaftsabbruch. Die Eingriffe erfolgten überwiegend ambulant, davon etwa 82 % in gynäkologischen Praxen und 15 % ambulant im Krankenhaus [2].

Ungewollte Schwangerschaft und die Rolle der Ärzt:innen

Die ungewollte Schwangerschaft ist ein Thema mit langer Tradition nicht nur in der Psychosomatischen Frau- enheilkunde. Ein Standardwerk aus den 80er Jahren von [3] enthält Beiträge u. a. aus anthropologischen und ethischen Aspekten sowie Beiträge aus der klinischen Psychologie, Psychotherapie, Psychosomatik und Psychiatrie. Im Zentrum aller Beiträge steht zurecht die Entscheidungs- und Lebenssituation der Frau und ihr Selbsterleben und Bewältigungsprozess. Nur ansatzweise kommt das ärztliche Erleben zur Sprache als Dilemma zwischen Anspruch und Motivation

  • Im ärztlichen Selbstverständnis ist die ethische Zielsetzung auf die Heilung und Erhaltung menschli- chen Lebens ausgerichtet
  • Von Empathie gegenüber der ungewollt-Schwangeren und von Mitleid getragen, ist der Arzt andererseits auch immer zur Hilfe bereit [3, S. 15].

Befragungsergebnisse zum Erleben der durchführenden Ärzte wurden in der DGPFG, Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe, erstmalig mit zwei Dissertationen an der Medizinischen Hochschule Hannover unter der Betreuung von P. Petersen vorgelegt. Amtenbrink [4] beschreibt eine Stichprobe von 140 angeschriebenen Ärzt:innen (Rücklauf von 97). Diese Studienteilnehmer:innen waren:

  • 62,9 % männlich und 37,1 % weiblich
  • 67,1 % waren Assistenzärzt:innen neben weiteren Ober-, Chef- und Belegärzt:innen
  • 40,2 % waren über 10 Jahre im Fachgebiet tätig
  • 65 % waren bis 40 Jahre alt
  • 69,1 % hatten

Insgesamt 9 Ärzt:innen führten keine Abbrüche durch, davon vier Ärzt:innen aus Gründen ihrer persönlichen Einstellung und fünf Ärzt:innen aufgrund der Haltung ihres Arbeitgebers.

Folgende Schwierigkeiten wurden von den Ärzt:innen genannt:

  • Abfällige Bemerkungen von Kollegen aus Chirurgie/Anästhesie und OP-Personal
  • Kollegen lehnen mein Tun ab
  • Vorwurf, keine „Ehrfurcht vor dem Leben zu haben“
  • „Ungute Bemerkungen in Diskussionen; man hat das Gefühl abqualifiziert zu werden, weil man zahlreiche Abruptiones durchgeführt hat“
  • „Ich empfinde jedoch die Aggression der Kollegen auf die schwangeren Frauen oftmals als erheblich und finde mich in meiner zumindest theoretisch positiven Einstellung zum Schwangerschaftsabbruch als isoliert“
  • Eine Ärztin, die nur nach medizinischer Indikation Abruptiones durchführte: „sie werde als Drückeberger angesehen und die armen Kollegen müssten dann ja alle Abbrüche machen“

Erfragt wurde auch die Meinung, wann aus Sicht der Ärzt:innen menschliches Leben beginnt, genannt wurden:

  • 40 % Verschmelzung der Gameten
  • 24 % Nidation
  • 20 % Frage ließe sich nicht beantworten

Die Frage, ob Abruptio als Tötung anzusehen sei, wurde wie folgt beantwortet:

  • 69 % zustimmend
  • 24 % verneinend

Auf die Frage nach der Einstellung zur Durchführung des Schwangerschaftsabbruchs, nannten 73 % eine Belastung bei Erkennen von menschlich-anatomischen Strukturen.

Auf die Frage nach einer Veränderung in der persönlichen Haltung im Laufe des Berufslebens gaben

  • 53 % an, dass der Eingriff mit mehr Überwindung verbunden sei bzw. öfter der Wunsch bestehe, einen Schwangerschaftsabbruch abzulehnen
  • 32 % beschrieben keine Veränderung und
  • 12 % hatten mehr Verständnis für die betroffenen Frauen.

Dieser Zahlenüberblick wird aus- führlich beschrieben und vertieft in weiteren Publikationen [5,6].

Die folgende Abbildung fasst die Ergebnisse einer weiteren Dissertation [7] von zum Thema von ärztlichem Erleben des Schwangerschaftsabbruchs zusammen. In dieser qualitativen Studie beschreiben die Ärzt:innen ein „destruktives Gefühlsknäuel“ mit vielfältigen Einflussfaktoren von Seiten der Frau, der Gesellschaft und der eigenen Persönlichkeit (▶ Abb. 1).

Es folgen aus der gleichen Arbeitsgruppe  Vorträge  zum  Thema „Schwangerschaftsabbruch im Erleben der durchführenden Ärztin und des durchführenden Arztes“ [8, 9] sowie von weiteren Engagierten in der DGPFG (z. B. [10]).

In dem Vortrag „Arzt und Schwangerschaftsabbruch – Erfahrungen aus den neuen deutschen Bundesländern“ gehalten in der Evangelischen Akademie Bad Boll werden drei Zeitabschnitte vor, während und nach der Wende beschrieben, die sehr eindrücklich den Einfluss des politischen Systems, der gesellschaftlichen Einstellung sowie die Arbeitssituation als Ärztin in unterschiedlichem Arbeitsumfeld und mit unterschiedlicher Arbeitserfahrung sichtbar werden lassen. Die individuellen Reaktionen reichen von Zynismus bis hin zu Schuldgefühlen vor dem Hintergrund von Tabus und unter Umständen auch Anfeindungen. Es bleibt die Aufgabe: „… als ausführende Ärztin das Bewusstsein für den unlösbaren Konflikt auszuhalten, unabhängig von den realistischen Forderungen und Selbstbestimmungswünschen…“ [10].

Der Schwangerschaftskonflikt beim Abbruchwunsch unterscheidet sich von anderen Konflikten nicht zuletzt durch seine existenzielle Bedeutung:

  • die Tötung eines Lebens steht dem Autonomieanspruch der Frau gegenüber
  • der Konflikt ist unauflöslich – es gibt keinen Kompromiss
  • es besteht ein enormer Zeitdruck für die Entscheidung (verstärkt beim medikamentösen Abbruch mit eng begrenztem Zeitfenster)
  • nicht nur die Frau, ihr Partner und das Kind, auch der abbrechende Arzt/ die Ärztin und die Beraterin/ der Berater sind von diesem Konflikt betroffen

Diese Betroffenheit wird oft wenig wahrgenommen – häufige Bewältigungsformen sind Verleugnung, Verdrängung, Verharmlosung, Ideologisierung oder Emotionalisierung. In Balintgruppen und Ausbildungscurricula der Psychosomatischen Grundversorgung wird die wichtige und oft auch belastende Erfahrung für die Einzelnen oft deutlich.

Mit dem § 218 ist häufig erstmals nicht nur die Zusicherung von Straffreiheit, sondern auch ein gesellschaftlich akzeptierter Rahmen für den Arzt gegeben, beim Schwangerschaftsabbruch mitzuwirken. Viele Gynäkologinnen und Gynäkologen empfinden diese Aufgabe auch als eine ihrem Berufsverständnis immanente und notwendige, die sie in Solidarität und Empathie mit der Frau und ihrer jeweiligen Notlage erfüllen.

Die individuelle Verantwortlichkeit für einen unlösbaren ethischen Grundkonflikt bleibt davon jedoch unberührt bestehen und wird von den meisten auch so empfunden – unabhängig davon, ob sie Schwangerschaftsabbrüche selbst durchführen oder vom Recht auf Verweigerung des Abbruchs Gebrauch machen [11,12].

Einige Diskussionslinien im deutschsprachigen Raum

Es lohnt, über den Tellerrand der eigenen Fachgruppe und Landesgrenzen zu schauen. Aus Platzgründen lassen sich internationale Perspektiven leider nur streifen. Einige Beispiele finden Sie unter: bit.ly/gyne_Neises_inter national

Es bleibt zu hoffen, dass die Diskussionen um den Schwangerschaftsabbruch in Deutschland nicht mehr hinter die erreichten Standards zurückfallen. Die Folgen für sozial schwache Frauen und Familien beim Zugang zum Schwangerschaftsabbruch sind wohl bekannt. Die Folgen, wie Anfeindung und Ausgrenzung von Ärzt:innen, die Schwangerschaftsabbrüche anbieten und durchführen, waren noch in jüngster Zeit Thema. Die Aufarbeitung von illegalen Schwangerschaftsabbrüchen in Österreich zeigt auch noch Folgen für die nächste Generation auf. Im Rahmen eines Forschungsprojekts „Abtreibung in Österreich 1945–1974“ mit Befragung von Kindern, Enkeln und weiteren Familienangehörigen zeigten sich die Auswirkungen der Kriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs auf die Familien der ärztlichen Helfer:innen. Bis zur Einführung der Fristenlösung im Jahr 1975 gab es in Österreich trotz Verbot jährlich zwischen 200.000 und 300.000 Abtreibungen [13]. Der Titel der Veröffentlichung im Frauenarzt spricht für sich: „Ich werde doch meine Mutter nicht als Abtreiberin vorführen“.

45 Jahre nach Einführung der Fristenlösung leiden Arztkinder noch unter der Stigmatisierung. Im gleichen Jahr habe die beiden Autor:innen auch einen Roman zum Thema publiziert, der im Wiener Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch spielt, viel Information über Gesundheit, Frauenrechte und Medizingeschichte vermittelt und fiktiven Personen mit ihren Gefühlen aus Zorn und Wut, ihrem Neid und ihrer Verzweiflung, Empörung und Verletztheit Raum gibt [14].

Einige Aspekte der Diskussion in Deutschland finden sich in der Stellungnahme der Fachgesellschaft DGGG und des Berufsverbands BVF zusammen mit dem Kommentar dazu, beides veröffentlicht in der Zeitschrift Geburtshilfe und Frauenheilkunde 2020. Dieser Stellungnahme ist ein entsprechender Vorstoß von Sozialministerien auf Landesebene vorausgegangen. Aus dem Kommentar wird deutlich, dass das deutsche Gesetz das Weigerungsrecht enthält und dieses bei allen Reformen des §218 beibehalten wurde.

Nachdenklich macht die Untersuchung von Hanschmidt et al. [15], basierend auf bundesweiten repräsentativen Daten, die zu dem Ergebnis kommt, dass die negative Einstellung zum Schwangerschaftsabbruch in Ost- und Westdeutschland in den zwei Jahrzenten seit der Wiedervereinigung ansteigt.

Die in Ansätzen dargestellte komplexe Diskussion macht deutlich, wie schwierig es ist, im Miteinander unterschiedlicher Interessenslagen und Haltungen einen toleranten, offenen und respektvollen Diskurs zu pflegen und nicht in der „eigenen Blase“ zu verharren – dies gilt für viele Themenbereiche.

Last not least gilt eine Fürsorgepflicht für junge Ärzt:innen, die in ihren ersten Berufsjahren vor immensen Aufgaben und Verantwortlichkeiten stehen und oft auch überfordert werden. Die Studienergebnisse von Baas et al. [16] zu Arbeitsbezogenen emotionalen Stressoren bei Frauenärzt:innen (1.578 per E-Mail angeschrieben) überraschen nicht. Etwa ein Drittel (33,7%) aller gab an, schon einmal daran gedacht zu haben, den Beruf aufzugeben. Als Gründe wurden genannt:

  • Hohe Arbeitsbelastung
  • Variierende Dienstschichten
  • Hohe Verantwortlichkeit
  • Ungleichgewicht zwischen Arbeit und Privatleben/Freizeit
  • Konflikte mit Kolleg:innen
  • Neue Interessen
  • Arbeitskulturbezogene Probleme

In dieser Untersuchung [16] waren die hohe emotionale Belastung und Stress bei Frauenärzt:innen verursacht durch

  • 64,3 % fehlende Diagnose
  • 44,5 % Zweifel an der medizinischen Entscheidung
  • 37,6 % Tod einer Patientin
  • 24,3 % das Gefühl, der Patientin nicht helfen zu können
  • 16,1 % Kommunikation schlechter Nachrichten
  • bei 23,1 % war es die Erfahrung von:
  • schwerwiegenden Komplikatio- nen
  • Konflikten mit Kolleg:innen
  • Beschwerden von Patientinnen und übergeordneten Stellen, unzufriedene Patientinnen und Aggression oder Gewalt von Patientinnen

In Deutschland ist 2022 eine Online-Befragung von Ärzt:innen zur medizinischen Versorgungslage bei Schwangerschaftsabbruch, die sog. ELSA-Studie www.elsa-studie.de, begonnen worden. Mit diesen Daten soll auch die schwierige Situation von Ärzt:innen, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen, abgebildet werden. Der Anspruch wird sich an den Ergebnissen messen lassen, diese Ergebnisse stehen noch aus.

Selbstfürsorge, Lebensqualität und professionelles Handeln

Der Weltärztebund verabschiedete in einer überarbeiteten Fassung 2017 die Deklaration von Genf, der sich der Deutsche Ärztetag einstimmig „mit großem Applaus“ ange- schlossen hat. Neben acht Punkten zum Patientenwohl lautet ein Punkt: „Ich werde auf meine eigene Gesundheit, mein Wohlergehen und meine Fähigkeiten achten, um eine Behandlung auf höchstem Niveau leisten zu können“

Für diese Doppelaufgabe, d. h. Behandlung unserer Patientinnen auf höchstem Niveau, aber auch die eigene Gesundheit und unser psychisches Befinden im Blick zu haben, sind wir noch nicht hinreichend gerüstet [17].

Die bereits genannte Untersuchung von Baas et al. [16] zeigt sowohl hilfreiche als auch selbstschädigende Bewältigungsversuche nach emotionaler Belastung auf. Dazu gehörten:

  • 87,4 % Unterstützung von Kollegen
  • 72,2 % Unterstützung von Familie oder Freunden
  • 42,6 % den Fall diskutieren in Gremien (Komplikationen besprechen, Audit, Supervision)
  • 33,8 % Ablenkung finden
  • 26,4 % Sport ausüben oder andere Hobbys
  • 5,1 % steigerten ihren Gebrauch von Alkohol, Drogen und/oder Nikotin
  • 1,5 % benutzten Medikamente, die sie üblicherweise nicht einnehmen würden
  • 0,6 % gaben wegen emotionaler Stressoren ihren Beruf auf

86,1 % von dieser Befragungsgruppe fanden die aktuelle Praxis zur Unterstützung unzureichend. Gewünscht wurden die folgenden Unterstützungsangebote:

  • 2 % Unterstützung von Kolleg:innen aus dem gleichen Fach
  • 29,9 % professionelle Unterstützung allgemein
  • 22,3 % Peer Support (Ärzt:in aus einem anderen Fach)
  • 10 % Gespräch mit einer vertrauten Person

Lassen sich generelle Empfehlungen im Sinne einer standardisierten Unterstützung nach emotionalen Stressoren ableiten? Dies könnten Empfehlungen sein, wie sich im Kontext von Burn-out-Prophylaxe bewährt haben [18]:

  • Achtsam sein mit sich und anderen
  • Nicht erst auf Bedarf und Bedürftigkeit reagieren
  • Weniger von oben und mehr im Team regeln
  • Peer Support unter Kolleg:innen fördern
  • Erfahrene Kolleg:innen im Team als Mentor:innen benennen
  • Weiterbildung zum Thema Coping Strategien
  • Verlässliche und funktionierende Standards innerhalb einer Institution entwickeln.

Besonders empfehlenswert für den Umgang mit Schwangerschaftskonflikten und Schwangerschafts- abbrüchen ist die Reflexion eigener Gefühle in Balintgruppen. Das dient der Entlastung, aber auch zur Klärung von Verantwortlichkeiten, zur beruflichen und persönlichen Identitätsfindung und zur eigenen inneren Reifung. Damit bietet sie eine Hilfestellung bei der persönlichen Bewältigung eines letzlich unlösbaren Konfliktes.

Zusammenfassung

Frauenärzt:innen stehen bei der Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen vielen Herausforderungen gegenüber. Diese umfassen ethische Konflikte, emotionale Belastungen sowie die Bedeutung einer angemessenen Selbstfürsorge. Dabei fehlen ein offener Diskurs und angemessene Unterstützungsmöglichkeiten. Das gefährdet die Gesundheit und Lebensqualität der Fachkräfte. Es müssen Räume für Selbstreflexion, Unterstützung und den Austausch von Erfahrungen geschaffen werden, um die psychische Belastung zu verringern und das Wohlbefinden des medizinischen Personals zu verbessern.

Schlüsselwörter: Schwangerschaftsabbruch – Abruptiones – Selbstfürsorge – Ethik

Summary

Termination of pregnancy – possible consequences for medical staff

Gynecologists face many challenges when performing abortions. These include ethical conflicts, emotional stress and the importance of appropriate self-care. There is a lack of open discourse and appropriate support options. This jeopardizes the health and quality of life of professionals. Spaces for self-reflection, support and the sharing of experiences need to be created in order to reduce the psychological burden and improve the well-being of medical staff.

Keywords: abortion – abortions – self-care – ethics

Korrespondenzadresse:
Prof. apl Dr. med. Dr. rer. nat. Mechthild Neises-Rudolf
im Beirat der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkun- de und Geburtshilfe, DGPFG e. V.
Tel. +49 (0) 160 97987844
info@mechthild-neises.de

Literatur

  1. (https://www.kleines-theater.de/pro duktion/frauensache/). Zugegriffen am 15.11.2023
  2. (https://de.statista.com/statistik/da ten/studie/232/umfrage/anzahl-schwangerschaftsabrueche-in-deutschland/). Zugegriffen am 10.11.2023
  3. Poettgen H. (Hrsg.) Die ungewollte Schwangerschaft. Deutscher Ärzte-Verlag, Köln; 1982
  4. Amtenbrink B. Der Schwangerschaftsabbruch im Erleben des ausführenden Arztes – eine Repräsentative Umfrage unter besonderer Berücksichtigung der Notlagenindikation. Dissertation Medizinische Hochschule Hannover; 1989
  5. Amtenbrink B. Schwangerschaftsabbruch als Konflikt für den ausführenden Arzt. Enke-Verlag, Stuttgart; 1991
  6. Amtenbrink B. Schwangerschaftsabbruch und ausführender ArzT: Bereitschaft, Bewußtsein, Bedenken. In: Petersen P, Fervers-Schorre B und Schwerdtfeger J. (Hrsg.) Psychosomatische Gynäkologie und Geburtshilfe 1992/93 Springer-Verlag, Berlin S. 55–56; 1993
  7. – 18. online

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