Gyne 01/2025 – Psyche und Somatik nach belastend erlebter Geburt
Gyne 01/2025
Psyche und Somatik nach belastend erlebter Geburt
Autorin:
J. Marschke
Einleitung
Die Geburt eines Kindes ist ein bedeutendes Ereignis, das auch psychische und körperliche Belastungen mit sich bringen kann. Wie von Frau Professor Weidner und ihren Mitarbeitenden beschrieben, bewerten etwa 20 % aller Gebärenden die Geburtserfahrung als traumatisch oder belastend [1]. Dabei spielen Faktoren wie unerwartete Änderungen im Geburtsablauf, im Zusammenhang mit dem Gefühl von Kontrollverlust und mangelnder Unterstützung, eine zentrale Rolle. Rund 10 % der Betroffenen leiden in den ersten Wochen unter Symptomen einer traumatischen Stressreaktion wie Unruhe, Angst, Traurigkeit und Gefühl der Überforderung. 3 % der Frauen zeigen langfristig Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) [1]. Als Gynäkologinnen und Gynäkologen erleben wir Patientinnen, die sich mit ausgeprägter körperlicher Symptomatik und hohem Leidensdruck, der auf körperlicher Ebene nicht immer vollständig verstehbar ist, vorstellen. In diesem Beitrag sollen am Beispiel postpartaler Beckenbodenfunktionsstörungen psychosomatische Zusammenhänge beleuchtet und therapeutische Optionen erörtert werden.
Belastende Geburtsverläufe und ihre psychische Wirkung
Eine belastend erlebte Geburt ist nicht allein an objektive medizinische Komplikationen geknüpft. Entscheidend ist die subjektive Wahrnehmung, die durch Gefühle der Ohnmacht, des Ausgeliefertseins oder des Kontrollverlusts geprägt wird. Es gibt Faktoren, die insbesondere aus geburtshilflicher Sicht eine objektiv belastende Geburt beschreiben (▶ Tab. 1). In dieser Tabelle sind auch Faktoren beschrieben, die schon vor der Entbindung bestehen und eine Verarbeitung einer belastenden Geburt erschweren können.
Präpartale Faktoren
– Psychische Erkrankungen wie Depression, Angsterkrankungen, PTBS
– Überforderung (wenig partnerschaftliche oder soziale Unterstützung)
Intrapartale Faktoren
– Sekundäre operative Eingriffe, z. B. Notkaiserschnitte und vaginal operative
– Längere Geburtsverläufe
– Höhergradige Geburtsverletzungen und starker Blutverlust
Postpartale Faktoren
– Negative oder unerwartete Ereignisse, die das Kind/die Kinder betreffen, wie etwa die Verlegung auf eine Neugeborenenintensivstation
– Ein vermindertes Gefühl der eigenen körperlichen Potenz (nach anstrengener Entbindung, Verletzungen, Aufenthalt in ungewohnter Umgebung)
Tab. 1: Das Geburtserlebnis beeinflussende Faktoren (nach [1]).
Ob es bei Vorliegen dieser Faktoren zu einer als sehr belastend erlebten Geburt kommt, hängt vor allem vom subjektiven Erleben unter der Geburt ab. Insbesondere das Erfahren von Kontrollverlust, Ohnmachtsgefühlen, Ausgeliefertsein und Nicht-gesehen-werden ist für Menschen eine kaum aushaltbare Situation. Wir alle verfügen über Bewältigungsstrategien, die wir, oft auch intuitiv, nutzen, um eine solche Erfahrung gut zu verarbeiten. Die akute Belastungsreak – tion (ICD 10: F.43.0) umfasst Symptome (▶ Tab. 2) als unmittelbare Reaktion auf ein außergewöhnlich belastendes Ereignis.
Psychische Symptome
Angst, Unruhe, Panik
Emotionale Taubheit
Verwirrtheit, Konzentrationsschwäche
Körperliche Symptome
Herzrasen, Schwitzen, Zittern, Atemnot
Schlafstörung
Übelkeit, Magen-Darm-Beschwerden
Verhalten
Hyperarousal/Übererregbarkeit
Flucht-/Vermeidungsverhalten, Rückzug
Tab 2: Symptome einer akuten Belastungsreaktion.
Die akute Belastungsreaktion kann unter dem Motto: “a soup and a blanket“ behandelt werden – das bedeutet, die betroffene Person emotional zu beruhigen und ihr Sicherheit zu vermitteln. Insbesondere zur Einordnung der teilweise sehr beunruhigenden Symptomatik einschließlich der körperlichen Phänomene (Herzrasen, Zittern) ist die Psychoedukation unter Nutzung von Normalisierung als verbaler Interventionstechnik hilfreich. Beispielhaft kann diese Interven – tion kurze Zeit nach der Entbindung folgendermaßen ablaufen:
„Die Geburt war für Sie sehr belastend. Nach einer solchen Belastung reagieren viele Menschen mit körperlichen und psychischen Symptomen. Das ist eine normale Reaktion auf eine außergewöhn – liche Situation. Ihr Körper zeigt Ihnen, dass etwas sehr anstrengend war. Hier hilft es sehr, sich Zeit und Ruhe zu geben und Unterstützung anzunehmen. Gemeinsam können wir überlegen, welche Unterstützungsmöglichkeiten es für Sie gerade gibt.”
Erfolgt eine solche Aufarbeitung nicht, so fehlen der Patientin nach der Geburt Verständnis und Unterstützung. Auf Grund dessen kann es zu einer traumatischen Verarbeitung (mit langanhaltenden Symptomen als Folge der Belastung) der erlebten belastenden Erfahrung kommen.
Fallbeispiel
Frau K., eine 32-jährige Erstgravida mit Spontanpartus vor sechs Monaten, stellte sich mit folgenden Beschwerden in unserer urogynäkologischen Sprechstunde vor:
– postpartal kein Gefühl für Beckenboden, Darmentleerung
– zunächst Blasenentleerungsstörung subjektiv
– starke Senkungsbeschwerden
Sie wirkte sehr angespannt, konnte kaum sitzen, und beschrieb ihren Zustand mit drastischen Worten, die ihren hohen Leidensdruck deutlich machten:
– „Ich kann mich kaum bewegen, alles ist offen, fällt nach unten raus.“
– „Bei der Geburt wurde ich total auseinandergerissen.“
Der Alltag könne nur mühsam bewältigt werden und eine gute Mutter sei sie nicht, erklärte Frau K. Außer Stillen könne sie derzeit nichts tun. Ihre Frauenärztin und ihre Hebamme hatten ihr im Rahmen von körperlichen Untersuchungen wiederholt gesagt, dass alles normal sei. Auf gezieltes Nachfragen berichtet Frau K. von einer tagsüber bestehenden Pollakisurie, von Schmerzen im Becken (Zunahme bei körperlicher Belastung) sowie von einer gelegentlichen Darmentleerungsstörung (Gefühl, nicht oder nicht vollständig entleeren zu können). Die gynäkologische Untersuchung zeigte folgenden Befund:
– Zystozele durch Lateraldefekt I° (erhaltene Rugae vaginales)
– Descensus uteri I°, Portio klobig
– Rektozele I°
– Damminsuffizienz
– BB-Kontraktilität 0/5 (n. Oxford), Levatoren bds hyperton, Dolenz re > li
– Atrophie, Introitus geöffnet, symmetrisch
Sonografisch war kein Restharn sichtbar, jedoch zeigten sich eine Hypermobilität von Blase und Urethra sowie eine geringe Rektozele. Aus rein urogynäkologisch/somatischer Sicht war der Befund besser, als die angegebenen Beschwerden zunächst vermuten ließen.
Die Geburt wurde von der Patientin als massive Belastung erlebt, wie sie sehr eindrücklich beschreibt. Eine ausreichende Verarbeitung scheint nicht erfolgt zu sein. Den hohen Leidensdruck schreibt Frau K. allein ihren körperlichen Symptomen zu. Bei Patientinnen und Patienten mit psychosomatischen Symptomen erleben wir oft eine veränderte Kommunikation mit der Umwelt: „Wenn das Symptom nicht wäre, könnte ich ja… (mein Leben leben, meinen Alltag bewältigen, eine gute Mutter sein etc.).”
Alexander [2] beschrieb ein anschauliches Modell zur Entwicklung psychosomatischer Symptome: Emotionen aktivieren das autonome Nervensystem, bei Stress/ Belastungen insbesondere die sympathische Reaktion (Kampfoder- Flucht-Modus). Diese Effekte sind an körperlichen Reaktionen messbar mit beispielsweise erhöhter Muskelspannung oder Tachykardie. Die hypertone Muskulatur, durch Angst und hohe psychische Belastung physiologisch, kann schmerzhaft sein und auf Grund der Schmerzen zu weiterer Anspannung führen. Karsten et al. [3] konnten 2020 eine Assoziation von traumatischen Erfahrungen und hyperaktiver Beckenbodenmuskulatur nachweisen. Werden die Emotionen, die zu den muskulären Verspannungen stehen, nicht wahrgenommen, dann wird nur die körperliche Symptomatik wahrgenommen. Hieraus erlebt das medizinische Personal eine Diskrepanz zwischen Symptomatik und Befund. Die Behandlung auf rein somatischer Ebene verläuft oft enttäuschend, wobei die Frustration auf beiden Seiten besteht. In diesem Kontext und aus einem Gefühl der Hilflosigkeit heraus erfolgt an dieser Stelle häufig die „Psycho-Diagnose“.
Im Sinne des bio-psycho-sozialen Krankheitsverständnisses können nun alle Dimensionen unserer Patientin, welche sich postpartal bei uns vorstellte, Beachtung finden.
Es bietet sich an, schon im Rahmen der gynäkologischen Untersuchung die körperlichen Befunde klar zu benennen und ggf. einzuordnen. Die erhobenen Befunde sind vermutlich durch Schwangerschaft und Geburt verursachte Veränderungen. Hier nur von „alles ist normal“ zu sprechen, nimmt die Beschwerden und Ängste der Patientin oftmals nicht ausreichend ernst – vielmehr ist zu klären, was wir mit „normal“ meinen. Die Tatsache, dass bleibende körperliche Veränderungen im Körperbild der Patientin (noch) nicht als normal empfunden werden können, muss beachtet werden. Im Folgenden werden die Beschwerden der Patientin anhand der anatomischen Befunde erläutert:
Die Zystozele und der geöffnete Introitus sind als „alles ist offen und fällt raus“ von der Patientin spürbar. Die Beckenbodenmuskulatur ist von der Patientin nicht aktiv anzusteuern, was das „offene Gefühl“ eher noch verstärkt. Neben der Dyskoordination liegt auch eine stark hypertone Muskulatur vor. Dass angespannte Muskulatur starke Schmerzen verursacht, kann im Allgemeinen gut vermittelt werden. Dieser Zusammenhang kann im Rahmen von Psychoedukation mit der Patientin besprochen werden. Mit einem Gespräch über Angst und belastende Erfahrungen, welche hier zu verspannter und schmerzhafter Muskulatur führen, wird neben dem somatischen auch dem psychischen Aspekt entsprochen. Wahrgenommen zu werden und die Beschwerden angemessen eingeordnet zu bekommen, führt oft zu einer deutlichen Entlastung der Patientinnen. Die therapeutischen Angebote können gut analog zur Befunderhebung erfolgen: Alle Aspekte werden im Sinne eines multimodalen Therapieansatzes bei multifaktorieller Genese der Beschwerden angesprochen. Die körperlichen Befunde werden einzeln adressiert.
Ähnlich können psychosoziale Unterstützungsmöglichkeiten besprochen werden (▶ Infobox).
Mögliche psychosoziale Unterstützungsmöglichkeiten
– Gibt es Unterstützung in der Familie/Partnerschaft? Könnte dadurch Ruhe und körperliche Entlastung gewährleistet sein?
– Fühlt sich die Patientin wohl und sicher zu Hause?
– Benötigt die Patientin weitere Gespräche? Ggf. auch, um das Erlebte zu verarbeiten?
Um die Ausprägung der psychischen Belastung besser erfassen zu können und um einzuschätzen, wie dringend Interventionen erforderlich sind, empfiehlt sich die Anwendung von Fragebögen. Gut etabliert und einfach anzuwenden ist im postpartalen Kontext die Edinburgh ostnatal Depression Scale (EPDS). Vor allem die psychosozialen Bereiche sind nicht immer im Rahmen der psychosomatischen Grundversorgung durch Gynäkologinnen und Gynäkologen abzudecken. Hier bietet es sich an, vorhandene Netzwerke zu nutzen oder für sich zu etablieren (verschiedene Websites wie z. B. Schatten und Licht e. V., regional bestehende Netzwerke im Bereich früher Hilfen kontaktieren, Verordnung von Haushaltshilfen).
Fazit
Die Nachsorge nach belastend erlebten Geburten erfordert einen ganzheitlichen Ansatz. Die Aufgabe von Gynäkologinnen und Gynäkologen ist es, die Symptomatik der Frauen in allen Aspekten zu erfassen und ernst zu nehmen. Darauf basierend kann gemeinsam mit der Patientin das therapeutische Konzept besprochen werden, in das häufig auch weitere Berufsgruppen einbezogen werden sollten.
Zusammenfassung
Die Geburt eines Kindes ist ein einschneidendes Ereignis, das sowohl körperliche als auch psychische Belastungen verursachen kann. Etwa 20 % der Gebärenden erleben die Geburt als traumatisch, 10 % entwickeln kurz darauf stressbedingte Symptome, und 3 % leiden langfristig an posttraumatischen Belastungsstörungen. Entscheidend für das Belastungserleben ist weniger der medizinische Verlauf als vielmehr die subjektive Wahrnehmung der Situation, geprägt von Kontrollverlust, Ohnmachtsgefühlen und fehlender Unterstützung. Eine nicht erfolgte Aufarbeitung kann zu langanhaltenden Symptomen führen. Besonders in der Gynäkologie zeigt sich, dass psychosomatische Zusammenhänge, wie muskuläre Verspannungen durch psychische Belastungen, oft eine Diskrepanz zwischen körperlichem Befund und wahrgenommenem Leidensdruck hervorrufen. Ein ganzheitlicher Ansatz im Sinne des bio-psycho-sozialen Modells ist daher essenziell. Neben körperlichen Befunden sollten auch psychosoziale Faktoren berücksichtigt werden, etwa durch Psychoedukation und die Nutzung etablierter Netzwerke. Die Nachsorge nach belastenden Geburten erfordert eine enge Zusammenarbeit mit weiteren Berufsgruppen, um den betroffenen Frauen eine umfassende Unterstützung zu bieten.
Schlüsselwörter: Geburtstrauma – Belastungsreaktion – Psychoedukation – Beckenbodenfunktionsstörung – Nachsorge
Summary
Psyche and Somatics After a Traumatic Birth Experience J. Marschke
The birth of a child is a significant event that can cause both physical and psychological strain. Around 20% of women experience childbirth as traumatic, 10% develop stress-related symptoms shortly after, and 3% suffer from long-term post-traumatic stress disorder. The perception of the experience, shaped by feelings of loss of control, helplessness, and lack of support, is more critical to the sense of burden than the medical course itself. A lack of processing can lead to persistent symptoms. In gynecology, psychosomatic connections, such as muscular tension caused by psychological stress, often reveal a discrepancy between physical findings and the perceived level of suffering. A holistic approach, based on the bio-psycho-social model, is therefore essential. In addition to addressing physical findings, psychosocial factors should also be considered, such as through psychoeducation and the use of established networks. Postpartum care following distressing births requires close collaboration with other professionals to provide comprehensive support for affected women.
Keywords: birth trauma – stress reaction – psychoeducation – pelvic floor dysfunction – aftercare
Literatur
- Weidner K et al. Traumatic Birth: Recognition and prevention. Z Geburtshilfe Neonatol 2018; 222(5): 189–196
- Alexander F Hrsg. Psychosomatische Medizin. DeGruyter. 4. Auflage 1985, Reprint 2019
- Karsten M et al. Sexual function and pelvic floor activity in women: the role of traumatic events and PTSD symptoms. Eur J Psychotraumatol 2020; 11(1) 1764246
- Van Rejn-Baggen D et al. Pelvic Floor Physical Therapy for Pelvic Floor Hypertonicity: A Systematic Review of Treatment Efficacy. Sex Med Rev 2022; 10(2): 209–230
- Günthert EA. Psychosomatische Urologie. Klett-Cotta-Verlag. 2. Auflage 2018
Interessenkonflikt:
Die Autorin erklärt, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Empfehlungen des International Committee of Medical Journal Editors bestand.
Korrespondenzadresse:
Dr. med. Juliane Marschke
Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Zusatztitel Psychotherapie (tp) Oberärztin Deutsches Beckenbodenzentrum, Klinik für Urogynäkologie St. Hedwig Krankenhaus Berlin
j.marschke@alexianer.de
