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Artikel des Monats Juni 2017

vorgestellt von Prof. Dr. med. Matthias David

Coughlan B et al.

The Second Victim: a Review.

European Journal of Obstetrics & Gynecology and Reproductive Biology. 2017; 213, 11–16

Schwangerschaft und Geburt werden heute in der Öffentlichkeit vor allem als ein stets physiologisch ablaufender Prozess dargestellt und aufgefasst; Krankheit und Tod sind in diesem Zusammenhang „Nichtereignisse“ und ein (ärztlicher) Fehler ist die einzige mögliche Ursache unerwünschter Ereignisse. Diejenigen, die rund um die Geburt tätig sind, wissen, dass auch die Geburtshilfe eine „unvollkommene Kunst“ ist – auch hier kommt es zu ungünstigen Verläufen und Fehler passieren. Wenn dies geschieht, sind wie durch einen Dominoeffekt drei Personengruppen betroffen (das sog. erste Opfer= die Patientin selbst; das sog. zweite Opfer= das Kreißsaalteam; das sog. dritte Opfer= das Krankenhaus/ „die Organisation“). Aktuell gewinnen Forschungsarbeiten zu den „zweiten Opfern“ an Bedeutung. Das hier vorgestellte Review von Coughlan et al. (2017) zielt nicht so sehr das generelle Phänomen des „zweiten Opfers“, es konzentriert sich vor allem auf die peripartale Betreuung. Die Datenbanken MEDLINE, EMBASE, CINAHL  wurden auf Risikofaktoren, Prävalenz und Auswirkungen auf die „zweiten Opfer“ hin durchsucht, um Empfehlungen geben zu können.

Das Phänomen des zweiten Opfers ist häufig, es wird, je nach Untersuchungskollektiv, eine Prävalenz von 10 bis ca. 73% Betroffenen im Gesundheitswesen angegeben.

Die „ersten Opfer“, die Frauen mit ihren Neugeborenen und deren Familienangehörige, bedürfen einer kontinuierlichen und qualifizierten Betreuung.

Die zweite Opfergruppe sind die beteiligten Ärzte/Ärztinnen und Hebammen. Die meisten Erfahrungen der „zweiten Opfer“ sind  sehr negativ. Angst, Scham, Schuldgefühle und körperliche Symptome, Depressionen bis hin zur posttraumatischen Belastungsstörung können die Folge sein. Es werden aber auch positive Auswirkungen beschrieben – beispielsweise kommt es bei einigen Betroffenen zu einer Verbesserung des Durchsetzungsvermögens, der Kommunikation, der Patientinnenbetreuung und der Bereitschaft, zu lernen.

Die letzte Gruppe, die dritten Opfer, sind die Einrichtungen, in den das negative Ereignis vorgefallen ist. Negative Outcomes in Einzelfällen und Auswirkungen von Fehlern können das Image einer Klinik über Jahre beschädigen. Nach einem Fehler oder einem kritischen Ereignis gibt es zwei gleich wichtige Komponenten im Auswertungsprozess – Bereitstellen emotionaler Unterstützung für das Team und Lernen aus dem Vorfall. Die oft genutzten Morbiditäts- und Mortalitäts-Konferenzen in den Kliniken, die das Ziel haben, aus dem Ereignis zu lernen und Schlüsse zu ziehen, sind oft negativ fokussiert und können den zweiten Opfern so eher schaden. Diese Konferenzen sollten immer auch einen Teil “Sicherheit und  Erfolg” beinhalten, wo positive Beispiele diskutiert werden, um die Tatsache in Erinnerung zu rufen, dass weit mehr Dinge in einer Klinik gut laufen, als schlecht gehen.

Für die zweiten Opfer wird eine Kombination aus fünf  Punkten empfohlen: Behandlung, Respekt, Verständnis, Mitgefühl, unterstützende Hilfe und Transparenz (= Treatment, Respect, Understanding and compassion, Supportive care and Transparency – das TRUST-Modell).

Es konnte mehrfach und eindeutig  gezeigt werden, dass, wenn die Ärztinnen, Ärzte und Hebammen eines Kreißsaalteams dabei unterstützt werden, eigene Fehler aufzudecken, der oben beschriebene Dominoeffekt weniger häufig auftritt und die Bereitschaft, Fehler einzugestehen, wächst. Es liegt in der Verantwortung aller im Gesundheitsbereich Tätigen, alle Opfer(-gruppen) eines Fehlers zu unterstützen, sowohl im Sinne einer ethischen Pflicht als auch einer offenen Fehlerkultur. Letztlich geht es darum, eine Balance zwischen einer Kultur des Lernens aus Fehlern und des Lernens „von den Besten“ herzustellen.

Matthias David, Juni 2017

Prof. Dr. med. Matthias David

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