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Artikel des Monats Januar 2017

vorgestellt von Prof. Dr. med. Matthias David

Michael Marquardt, Joachim Heinrich Demling
Psychotherapie und Religion: Eine repräsentative Umfrage unter Psychotherapeuten in Süddeutschland.
Psychother Psych Med 2016; 66: 473–480

In der gesellschaftlichen Diskussion spielen derzeit Fragen der Religion, insbesondere im Zusammenhang mit dem Islam, eine große Rolle. Aber auch im (psycho-)therapeutischen Therapieprozess sollten Religion und Religiosität sowohl der Behandelnden als auch der Klienten bzw. Patientinnen Beachtung finden, wie der Artikel von Marquardt und Demling  zeigt. Die Autoren schreiben: „…Religion und Spiritualität spielen für Patienten mit psychischen Störungen als Problemfeld oder Ressource eine beachtenswerte Rolle. Es ist daher von Interesse, wie Psychotherapeuten in ihrer Arbeit, aber auch persönlich zu diesen Themenkomplexen eingestellt sind…“ Dazu haben sie niedergelassene Psychotherapeuten in Süddeutschland befragt mit einer insgesamt sehr guten Rücklaufquote von 65 %. Folgende Forschungsfragen sollten beantwortet werden: (1) Wie stark wird Religion in die Psychotherapie integriert? (2) Gibt es einen „personal bias“ im Hinblick auf die Einbindung von Religion in die Therapie? (3) Wie stark arbeiten Psychotherapeuten mit Seelsorgern zusammen? (4) Existiert eine „Religiositätslücke“ zwischen Psychotherapeuten und korrespondierender Allgemeinbevölkerung? Unter Beachtung dessen, dass im Befragungsgebiet ca. 55 % der Bevölkerung katholisch und 26 % evangelisch-lutherisch sind, ergaben die Antworten der 705 psychotherapeutisch Tätigen,  von denen 46 %  51 bis 60 Jahre alt waren und 61 % sich als  konfessionsgebunden bezeichneten, zusammengefasst Folgendes: „…Die Ergebnisse zeigen, dass Psychotherapeuten die Religion als weltanschaulich und im täglichen Leben relevant einschätzen, sie sind aber offenkundig weniger religiös als die korrespondierende Allgemeinbevölkerung. Auch für die therapeutische Praxis gelten religiöse Aspekte zwar als belangvoll, werden in der üblichen Routine jedoch eher selten berücksichtigt. Je religiöser ein Psychotherapeut ist, desto stärker tendiert er dazu, Religion in den diagnostischen oder therapeutischen Prozess einzubinden (‚personal bias‘). Die Zusammenarbeit von Therapeuten mit Seelsorgern korreliert, soweit sie stattfindet, stärker mit ‚externen‘ (Konfession, Kirchenbesuch) als mit ‚internen‘ (persönliches Gebet, Lektüre religiöser Schriften u. dgl.) religiös-spirituellen Aktivitäten…“. Die beiden Autoren schlussfolgern: „… Zwischen Psychotherapeuten und der Allgemeinbevölkerung scheint eine ‚Religiositätslücke‘ zu bestehen. Weiterbildung zum Thema ‚Religion/ Spiritualität‘ und verstärkte Berücksichtigung in der Supervision könnten der Gefahr entgegenwirken, dass religiöse Bedürfnisse und religionsbezogene Ressourcen von Patienten vernachlässigt werden…“. Interessant wäre eine ähnlich Erhebung in einem weniger ‚katholischen Großraum‘ (Berlin, Hamburg?!)  wie auch eine Untersuchung mit dem Fokus auf islamisch geprägten Therapeuten bzw. Patienten/innen.

Prof. Dr. med. Matthias David

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