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Artikel des Monats April 2017

vorgestellt von Prof. Dr. med. Matthias David

Stewart DE. Perinatal mental health in low‐ and middle‐income country migrants. (Mini commentary) BJOG 2017; 124: 753

Die Welt befindet sich aktuell in einer Migrationskrise mit Millionen von Menschen, die sich  aus unterschiedlichen Gründen (kriegerische Konflikte, Gewalt und Terror, Naturkatastrophen oder die Suche nach einem besseren Leben) in einem Migrationsprozess befinden.
Tatsächlich wächst die Zahl der Migranten international stärker als die Weltbevölkerung.
Viele Migranten sind Frauen, die sich, da sie schwanger oder im Wochenbett sind, in einer besonders vulnerablen Lebensphase befinden. Sie sind erheblichen Gesundheitsrisiken sowie ökonomischen und sozialen Herausforderungen ausgesetzt.
Perinatale psychische Gesundheitsstörungen haben einen negativen Einfluss auf die Gesundheit der Mutter, des Un- und Neugeborenen sowie anderer Familienangehöriger und sind aktuell eine der häufigsten Störungen rund um die Geburt.
Am häufigsten treten perinatale Depressionen und Angststörungen auf. Diese betreffen wahrscheinlich 13% der Frauen in den entwickelten Industrieländern, ca. 15-20 % der Frauen in Entwicklungs- bzw. Ländern mit geringem Einkommen und 42 % der Migrantinnen.
Leider kommen die meisten entsprechenden Studien zur perinatalen psychischen Gesundheit aus den hochentwickelten (Industrie-)Ländern.
Bessere Informationen zu Migranten-Populationen insbesondere aus den sog. Entwicklungsländern sind daher notwendig und wünschenswert.
In der aktuellen Ausgabe der BJOG vom April 2017 geben die Autoren Fellmeth et al. eine hochaktuelle, methodisch streng durchgeführte Literaturübersicht zu diesem Thema. Sie analysierten 40 Studien, die nahezu 8000 Migrantinnen auf 4 Kontinenten umfassten und über 11.000 Frauen, die die jeweiligen Vergleichsgruppen bildeten. Sie fanden eine gepoolte Prävalenz von 31% für verschiedene depressive Störungen im Allgemeinen und eine von 17% für schwere Depressionen.
Obwohl nur wenige Studien eine erhöhte Rate für Angststörungen und posttraumatische Belastungsstörungen für Migrantinnen aus einkommensschwachen Ländern zeigten, fand die nun vorliegende Literaturübersicht nur insuffiziente Daten zur Belastung durch Angst, posttraumatischen Stress oder Psychosen in den 4 auswertbaren /relevanten Studien.
Insgesamt sind neu zugewanderte Mütter vulnerabler gegenüber Störungen der psychischen Gesundheit als Nicht-Migrantinnen in den Zuwanderungsländern.
Die aktuelle Übersichtsarbeit von Fellmeth et al. (BJOG 2017) konnte zeigen, dass mit einer psychischer Belastungen in der Familien- oder Eigenanamnese oder dem Fehlen von sozialer Unterstützung Risikofaktoren für die Entwicklung psychischer Störungen in der Perinatalphase gegeben sind.
Eine relativ kleine Studie, die depressive Mütter mit Migrationshintergrund in Kanada untersuchte, fand, dass die Separierung von der Familie, soziale Isolation insgesamt und das Gefühl der Überforderung durch die Lebensveränderungen an sich, finanzielle  Belastungen, ungenügende Kenntnisse des Gesundheitssystems im Zuwanderungsland und Sprachdefizite problematisch sind.
Im Hinblick auf die offensichtlich gegebenen erhöhten Risiken für perinatale psychische Störungen ist es wichtig, dass die Akteure im Gesundheitswesen sensibel sind gegenüber den besonderen Problemen, die sich bei der Betreuung und Versorgung von Migrantinnen, speziell solchen aus einkommensschwachen Ländern.
Forschungen zur Identifizierung von speziellen psychosozialen Interventionen für diese vulnerable Population sind dringend notwendig. Zwischenzeitlich, bis diese Untersuchungsergebnisse vorliegen, sollten solche Maßnahmen, die sie als günstig und effektiv in anderen Populationen herausgestellt haben, um die körperliche und psychische Gesundheit von Mutter und Kind  zu verbessern eingeführt  bzw. auch für Migrantinnen umgesetzt werden.

Prof. Dr. med. Matthias David, April 2017

Prof. Dr. med. Matthias David