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DGPFG-Stellungnahme
Unwort des Jahres: Kaisergeburt

07.01.2014

Man muss sich das wie folgt vorstellen: Ein Operateur bereitet die Bauchdecken der Mutter so vor, dass es hierüber unter Anteilnahme der Eltern zur Pseudo-„Spontangeburt“ des Kindes kommt. Was liegt näher diesen Akt als Chimäre von Kaiserschnitt und Geburt, sprich als„Kaisergeburt“ zu bezeichnen. Völlig losgelöst von den Rahmenbedingungen und Voraussetzungen, der grundsätzlichen Möglichkeit, dem Sinn und Unsinn, wohlgemeintem oder aber hinterlistigem Ansinnen dieses Vorgehens: Wer solche euphemistischen Neologismen in die Welt setzt, muss sich klar werden, was er damit anrichtet. Zum einen wird sprachlich mindestens eine Gleichstellung der natürlichen und der operativen Geburt geschaffen und damit die Tür geöffnet – auf allen zum Teil noch unerforschten Ebenen bis hin zur Aufklärung – die Spontangeburt als überholt zu verwerfen. Selbst „Geburtserleben“ und „Bonding“ ist nun vollumfänglich im OP gestaltbar und damit ein psychologisches Argument gegen den Kaiserschnitt scheinbar hinfällig geworden.

Kaisergeburt suggeriert aber auch, dass es unkaiserliche Geburten geben muss.

Sind das dann „Bettlergeburten“ bei denen Frauen all der Ungemach von Schmerz, Angst und Erschöpfung zugemutet wird, weil man ihnen das kaiserliche Gebären versagt??

Es wundert mich nicht, dass es Geburtsmediziner und nicht Psychosomatiker sind, welche solche Ideen entwickeln. Letztere können in Anbetracht solcher Surrogate nur warnend den Finger heben. Es gibt keinerlei Forschung, ob das direkte Erleben der Schnittentbindung nicht sogar nachteilige, möglicherweise sogar traumatisierende Effekte hat. Die Spontangeburt ihres Kindes kann eine Frau regelhaft auch nicht beobachten, und das wird seinen Sinn haben. Ob dieser „Ausgleich“ für entgangenes Geburtserleben demnach nicht sogar ein trojanisches Pferd ist, weiß kein Mensch.

Hinzu kommt, dass die „Kaisergeburt“ Zeit und Planbarkeit voraussetzt. Das kommt den organisatorischen Nöten von Klinikbetrieben entgegen, welche mit der Philosophie der Kaisergeburt ein psychologisches Deckmäntelchen bekommen. Folge der Planung sind aber auch mehr anpassungsgestörte Säuglinge, denen eine Kaisergeburt eher die Trennung von den Eltern beschert, denn ein unmittelbares Bonding. Alles hat eben seinen Preis!

Nebenbei sei bemerkt, dass zunehmend auch andere Bereiche der Psychosomatik missbraucht werden. Geburtsängste werden hochgespielt und mit dem Lösungsansatz „Kaiserschnitt“ instrumentalisiert. Dabei lassen sich diese Ängste besprechen und behandeln. In den seltensten Fällen ist die Sektio eine echte Lösung.

Fazit: Ein Kaiserschnitt wird nie etwas anderes sein als eine operative Geburt, zukünftig wahrscheinlich die mit Abstand häufigste Operation am offenen Bauch weltweit. Nichts spricht gegen das Ausschalten der OP-Leuchten und das unmittelbare und langzeitig ungetrennte Bonding im OP. Kein Mensch muss hingegen die Geburt aus der Bauchdecke sehen. Und Säuglinge wünschen sich eine babybestimmte Geburtshilfe, die den Kaiserschnitt als segensreichen, gerne auch psychologisch motivierten Notfalleingriff versteht.

Wolf Lütje

Ansprechpartner

Dr. Wolf Lütje
Präsident der DGPFG

Ev. Amalie Sieveking-Krankenhaus
Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe
Haselkamp 33
22359 Hamburg

T +49 40 64411-421
F +49 40 64411-312
E w.luetje@amalie.de

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